Ein Camping-Klappstuhl steht mitten im Wohnzimmer. Am Boden verteilt liegen Schlafsack, Mückenspray, Fiebermesser, Stirnlampe, Sackmesser, Unterhosen, Trinkbecher und zahlreiche andere Utensilien. Lukas Steiner ist am Packen. «Ich bin etwas angespannt. Es gibt noch einiges zu erledigen. Ich muss noch Rechnungen zahlen und mein Zimmer aufräumen», sagt er und schaut zu seiner Mutter, die neben ihm steht. «Du wirst mir sonst damit ein Jahr lang in den Ohren liegen.» Beide lachen. «Morgen wird sich mein Leben komplett verändern», sagt der 24-Jährige bei einem Besuch kurz vor der Abfahrt. Heute Dienstag macht er sich mit seinem Velo von Oetwil aus auf den Weg nach Kapstadt. «Eigentlich wollte ich mit dem Töff nach Japan fahren, doch ein Kollege erzählte mir von jemandem, der mit dem Velo innerhalb von vier Monaten von Dänemark nach Südafrika gereist ist.» Das habe ihn inspiriert. «Ich war noch nie in Afrika und es reizt mich, die Menschen, Länder und Kulturen dort kennen zu lernen», sagt Steiner.

Bei der Reise handle es sich nicht um einen Selbstfindungstrip, sondern vielmehr um eine Möglichkeit, an seine Grenzen zu stossen. «Es ist gut, aus der Alltagsroutine auszubrechen. Zudem freue ich mich, wieder mehr Zeit für mich zu haben und zum Beispiel ein Buch zu lesen.» Auch wenn er Laptop und Smartphone dabei haben wird, um seinen Blog zu füttern, hofft er insgeheim, dass er nicht überall Internetzugang haben werde. «Manchmal ist es wie eine Plage. Wenn man mal nicht online ist, kommt man auf andere Ideen. Das ist gut.»

Zwischenstopp bei den Berggorillas

In einem Jahr will Steiner die 17'000 Kilometer lange Strecke auf dem Velo bestreiten. Die Reise führt den begeisterten Rennvelofahrer von Italien über den Balkan bis nach Griechenland. Dort wird er von Athen mit dem Flugzeug nach Kairo fliegen. «Seit drei Jahren verkehrt kein Schiff mehr von Griechenland nach Alexandria. Deshalb muss ich das Flugzeug nehmen», sagt Steiner. Von Ägypten will er durch den Sudan nach Äthiopien, Kenia, Uganda, Ruanda, Tansania, Malawi, Moçambique, Simbabwe, Sambia, Botswana und Namibia bis nach Südafrika fahren. Zwei bis drei längere Zwischenstopps sind eingeplant. «Ich würde gerne in Ruanda oder Uganda ein Trekking zu den Berggorillas machen. Und wenn ich schon daran vorbeifahre, wäre es auch schön, den Kilimandscharo in Tansania zu besteigen.» Zudem werden ihn einige seiner Freunde auf Teilstücken begleiten.

Es ist nicht das erste Mal, dass Steiner die Welt erkundet. Als Kantischüler verbrachte er ein Austauschjahr in Iowa. Nach seiner Matura unternahm er eine siebenmonatige Weltreise, auf der er Australien, Neuseeland, Thailand, die USA und Zentralamerika besuchte. Die Mongolei bereiste er während zweier Wochen zu Pferd. Und mit dem Töff fuhr er durch den Himalaja. Was diese Reise nun von den anderen unterscheidet, ist der soziale Aspekt. Steiner will den Trip dazu nutzen, um Geld für das äthiopische Hilfswerk «Green Ethiopia» zu sammeln. Darauf aufmerksam wurde er durch seinen Professor Simon Pfister an der Hochschule St. Gallen, wo er 2017 sein Bachelor-Studium in Business Administration abschloss. «Mein Professor hat die Stiftung gegründet und uns davon erzählt.» Er sei sofort davon angetan gewesen. «Ich bin sonst sehr kritisch, was Hilfsorganisationen anbelangt.» Doch bei «Green Ethiopia» wisse er, dass das Geld bei den Richtigen ankomme. «Mit den Spenden werden Einheimische unterstützt. Sie können lokale Bäume pflanzen, sich davon ernähren und auch ihren Lebensunterhalt bestreiten.»

Auf seiner Reise wird er ein paar Stationen des Hilfswerks besuchen. Die Spenden können Steiner aufs Konto überwiesen werden. Die Geldgeber erhalten von ihm als Dankeschön eine handgeschriebene Postkarte aus einem der Länder, die er durchreist. «Das mache ich gerne. Es gibt einen persönlichen Touch.» Steiner ist noch nicht einmal abgereist und weiss schon, dass er mindestens 15 Postkarten verschicken muss. «Bekannte und Familie haben bereits 900 Franken gespendet.» Sponsoren für die Kosten der Reise hat Steiner nicht. «Ich habe zwei Praktika gemacht und viel Geld auf die Seite legen können, weil ich noch zu Hause wohne.» Bis jetzt hat er rund 10 000 Franken für das Abenteuer ausgegeben. Dazu gehört die ganze Ausrüstung. «Ich lege Wert auf gute Qualität. So habe ich etwa Unterhosen aus Merino-Wolle gekauft. Die stinken nicht und trocknen schnell.»

Freunde und Familie sind besorgter

Bedenken, dass ihm auf dem Trip etwas passieren könnte, hat er nicht. «Ich bin ein Optimist und habe genug Selbstvertrauen. Während meiner militärischen Ausbildung zum Grenadier in Losone habe ich gelernt, dass es immer eine Lösung gibt, egal wie viele Schmerzen man hat und wie müde man ist.» Auch auf seinen Reisen habe er Erfahrungen sammeln können. Er wisse, wie er sich in der Natur verhalten müsse und wie man etwa in der Kälte ohne Schlafsack übernachten könne. Mehr Sorgen hätten Familie und Freunde. «Sie finden es zum Beispiel gefährlich, dass ich durch den Sudan fahre.» Er sei ein offener und neugieriger Mensch. «Es tut mir deshalb weh, dass Menschen Vorurteile gegenüber anderen Ländern haben, die sie zuvor nie gesehen haben.» Auch das wolle er mit seiner Reise bewirken, die Offenheit für das Fremde. «Und ganz ehrlich, ich habe weniger Angst davor, jemanden im Sudan nach Hilfe zu Fragen, wenn mein Pneu einen Platten hat, als in der Schweiz irgendwo nachts an einer Tür zu klingeln.»

Ganz fest fiebert Steiners Mutter Barbara mit ihrem Sohn mit. «Ich bin traurig, dass er geht, ich werde ihn vermissen.» Sie habe aber Vertrauen, dass alles gut komme. «Dieses Jahr ist für ihn eine Lebensschule. Diese Erfahrungen kann ihm niemand nehmen.» Für den äussersten Notfall haben sie und ihr Mann dem Sohn einen GPS-Sender geschenkt. «Damit kann er SMS und E-Mails versenden und man kann ihn orten», sagt sie. Steiner freut sich auf das Abenteuer, aber auch darauf, nach einem Jahr wieder nach Hause zu kommen. «Das ist auch etwas Schönes am Reisen. Ich werde immer mit offenen Armen aufgenommen, wenn ich zurückkehre. Als wäre ich nie weg gewesen.»