Der Zar hatte abgedankt. Nun musste es schnell gehen, im Exil in Zürich hielt ihn nichts mehr. Jahrelang hatte Wladimir Iljitsch Lenin auf diesen Augenblick gewartet. Die revolutionäre Saat war gelegt, jetzt galt es, diese zum Blühen zu bringen. Er musste zurück nach Russland, das war klar. Doch wie? Behilflich war ihm ein Mann mit familiärer Bande ins Limmattal, der Schweizer Kommunist Fritz Platten. Dessen Eltern wohnten damals vor 100 Jahren in Dietikon im Haus «Ziergärtli» an der Bremgartnerstrasse 61.

Die Eltern von Fritz Platten wohnten von 1905 bis 1923 im Haus «Ziergärtli» an der Bremgartnerstrasse 61 in Dietikon.

Die Eltern von Fritz Platten wohnten von 1905 bis 1923 im Haus «Ziergärtli» an der Bremgartnerstrasse 61 in Dietikon.

Platten wurde von Lenin auserkoren, mit dem deutschen Botschafter in Bern über eine mögliche Rückkehr nach St. Petersburg zu verhandeln. Denn über Frankreich zu reisen, einem Verbündeten Russlands im Ersten Weltkrieg, kam für die Revolutionäre nicht infrage. Dort hatte man kein Interesse an einem Machtwechsel. Anders in Deutschland. Durch einen Umsturz in Russland erhoffte sich die Regierung in Berlin einen Separatfrieden mit dem Feind. Deshalb war man einem Transfer der russischen Revolutionäre nicht abgeneigt. Und so leitete das Auswärtige Amt in Berlin die Reiseplanung in die Wege. Am 9. April 1917 besammelte sich die russische Reisegesellschaft schliesslich am Zürcher Hauptbahnhof und bestieg einen Zug, der sie nach St. Petersburg bringen sollte. Am 17. April trafen Lenin und seine Genossen dort ein. Wenige Monate später übernahmen die Bolschewiki die Macht und beendeten den Krieg. 

Der Vater züchtete Ziegen

Anders als seine Eltern war Fritz Platten nie offiziell in Dietikon wohnhaft. Geboren wurde er am 8. Juli 1883 in Tablat (St. Gallen). Neun Jahre später zog die Familie nach Zürich. Nach der Sekundarschule trat Fritz Platten eine Schlosserlehre bei Escher-Wyss an, musste diese nach einem Betriebsunfall jedoch abbrechen. 1904 trat er dem Arbeiterbildungsverein «Eintracht» bei und lernte dort Exponenten der russisch-revolutionären Bewegung kennen. Während seine Eltern 1905 nach Dietikon übersiedelten, zog es Fritz Platten nach Riga, wo er an einem Aufstand gegen den Zaren teilnahm. Das Unterfangen war nicht von Erfolg gekrönt. Platten wurde verhaftet. Neun Monate verbrachte er im Gefängnis, kam, nachdem in Zürich an einer Tombola Geld für seine Kaution gesammelt wurde, frei und flüchtete als Heizer verkleidet auf einem Dampfer nach Hamburg. Von dort kehrte er 1908 in die Schweiz zurück.

Seine Eltern verbrachten derweil ein wesentlich geruhsameres Leben im Limmattal. Peter Platten, ein Schreiner aus Deutschland, der sich 1892 einbürgern liess, züchtete als Hobby Ziegen im Stall hinter dem Haus, das er mit seiner aus dem Toggenburg stammenden Frau Maria bewohnte. Er freundete sich mit den Eltern von Jakob Bräm-Niederer an, die damals im Bauernhaus gegenüber dem Restaurant «Heimat» wohnten, wie Hans Peter Trutmann im Dietiker Neujahrsblatt 2015 ausführt. Peter Platten war in Dietikon aber auch politisch aktiv. 1913 wurde er für die SP in die Primarschulpflege gewählt. Ein Jahr später verkaufte er sein Haus der Zürcher Kantonalbank, blieb mit seiner Frau aber als Mieter darin wohnen.

Lenin war vermutlich in Dietikon

Zu diesem Zeitpunkt kannten sich Fritz Platten und Wladimir Lenin schon einige Jahre. Wohl 1908, nach Plattens Rückkehr aus Riga, dürften sie sich erstmals begegnet sein. Als Lenin 1916 – Platten war da schon Sekretär der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz – von Bern nach Zürich umzog, intensivierten sich die Kontakte. Es scheint deshalb nicht ausgeschlossen, dass der russische Revolutionär in jener Zeit im Haus «Ziergärtli» verkehrte.

Der Kontakt zu Lenin brach auch nach dessen Rückkehr nach Russland 1917 nicht ab. Im Gegenteil. Im Januar 1918 rettete Fritz Platten dem Revolutionär bei einem Attentat in St. Petersburg das Leben. Im selben Jahr war er massgeblich an der Organisation des Schweizerischen Landesstreiks beteiligt und wurde dafür zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Platten war allerdings bereits nach Moskau abgereist, um am Gründungskongress der Kommunistischen Internationale, der Komintern, teilzunehmen. Seine Haftstrafe verbüsste erst 1920, nach seiner Rückkehr. Von der Schweiz aus organisierte er fortan Hilfsaktionen für das von einer Hungersnot heimgesuchte Russland. Vermutlich kam ihm in jener Zeit auch die Idee, schweizerische landwirtschaftliche Genossenschaften in der Sowjetunion zu gründen.

Dieses Vorhaben setzte er schon bald in die Tat um. 1922, Platten hatte inzwischen die Kommunistische Partei der Schweiz mitbegründet, wurde er in den Nationalrat gewählt. Noch im gleichen Jahr gab er jedoch seinen Rücktritt bekannt. 1923 wanderte Platten schliesslich mit einer ersten Gruppe Schweizer in die Sowjetunion aus, um seine Pläne zu verwirklichen. Wenig später folgten ihm auch seine Eltern, nachdem sie ihren Dietiker Hausrat hatten versteigern lassen. Doch die Genossenschaftsprojekte scheiterten. Viele Auswanderer verliessen die Kolonien wieder. Peter Platten starb 1925 im Alter von 73 Jahren noch in der Sowjetunion. Seine Frau Maria kehrte in die Schweiz und starb 1928. Fritz Platten blieb in Russland. 1931 unternahm er seine letzte Reise in die alte Heimat. Mit Lenins Tod und Stalins Aufstieg wurde die Lage für Platten zusehendes schwieriger. 1937 wurde seine dritte Frau Opfer der stalinistischen Säuberungen. Fritz Platten ereilte dieses Schicksal wenig später selbst. 1939 wurde er deportiert und 1942 in einem Arbeitslager erschossen.