Die Geschichte begann in einer Bar. Dort lernte ein Mann aus der Region einen anderen kennen. Sie tauschten sich aus, kamen aufs Geld zu sprechen. Auf Geldsorgen, genauer gesagt. Er würde gerne eine eigene Firma gründen, sagte der eine. Dafür fehlten ihm aber die nötigen Finanzen. Er habe da einen Vorschlag, sagte der andere.

Es war ein Gespräch mit Konsequenzen. Einer der beiden Männer sass am Mittwochnachmittag vor Einzelrichter Bruno Amacker im Bezirksgericht Dietikon. Gegen den Strafbefehl wegen Betrugs und Urkundenfälschung hatte er Einsprache eingelegt. Er sei unschuldig, beteuerte der türkische 31-Jährige. Dann schilderte er, welchen Lauf das Bargespräch nahm.

Der Mann in der Bar habe ihm gesagt, dass er ein Vermittler sei, mit Banken zu tun hätte und ihm einen Kredit beschaffen könne. Für den Beschuldigten, dessen finanzielle Lage nicht besonders rosig war, hörte sich das nach einer guten Idee an. Die Männer einigten sich auf eine Summe von 100'000 Franken. Den Antrag wolle man bei der Migros-Bank stellen. Der fragwürdige Kreditvermittler verlangte vom Beschuldigten unter anderem Lohnausweise.

Laut dem Beschuldigten soll dann der Kreditvermittler die Lohnangaben auf den Lohnausweisen gefälscht haben. Aus einer Teilzeit-Anstellung bei einer Zürcher Transportfirma mit einem monatlichen Gehalt von maximal 2000 Franken wurde ein Gehalt von über 6000 Franken. Der Kreditvermittler fälschte zudem Bankdokumente und füllte Antragsformulare für den Beschuldigten aus. Es kam zu mehreren Treffen zwischen den beiden, wo der Kreditvermittler dem Beschuldigten die Dokumente zur Unterschrift vorlegte. Der Beschuldigte unterschrieb – ohne die Angaben zu kontrollieren.

Die Migros-Bank bewilligte einen Kredit von 90'000 Franken. Sofort nach Eingang des Geldes habe sich der Kreditvermittler gemeldet, erzählte der Beschuldigte. Er habe eine Bearbeitungsgebühr verlangt. Knapp 20'000 Franken, die der Beschuldigte abhob und dem Kreditvermittler gab. Danach hörte er nichts mehr von ihm.

Heute lebt er von Sozialhilfe

Mit dem restlichen Kreditbetrag tilgte der Beschuldigte Schulden bei Freunden, bestritt seinen Lebensunterhalt und probierte, eine eigene Firma zu gründen, jedoch erfolglos. Der Migros-Bank zahlte er zwischen acht und zehn Raten zurück – von der eigentlichen Kreditsumme.

Dann ging ihm das Geld aus. Inzwischen leben der Beschuldigte, seine Frau und das gemeinsame Kind von Sozialhilfe. Zu den 85'000 Franken Schulden bei der Migros-Bank kommen Schulden bei der Krankenkasse und beim Vermieter dazu. Er schätzt, es seien zusätzlich rund 40'000 Franken. Genau wisse er es nicht.

Verteidiger kritisiert die Bank

Der Anwalt des Beschuldigten setzte sich für einen Freispruch ein. Sein Mandant habe die Urkunden nicht selbst gefälscht. Ausserdem habe er die gemachten Angaben nicht kontrollieren können, da ihm der Kreditvermittler nur Passagen der Dokumente zeigte.

Der Beschuldigte sei ein Opfer. Laut Anwalt seien bei der Migros-Bank mehrere ähnliche Betrugsfälle ans Licht gekommen. Alle Anträge wurden von derselben IP-Adresse geschickt. Auch hätten der Migros-Bank die Fälschungen auffallen müssen. «Eine Nachfrage beim Arbeitgeber hätte erwartet werden können», so der Anwalt.

Dazu sagte die Migros-Bank auf Anfrage dieser Zeitung: «Die angesprochenen Betrugsfälle betreffen nur einen verschwindend kleinen Bruchteil.» Für gelegentliche kriminelle Angriffe habe die Bank ein «umfassendes Abwehrdispositiv» erstellt.

Genutzt hat das Plädoyer des Verteidigers aber nichts. Richter Amacker verurteilte den Beschuldigten wegen Betrugs und Urkundenfälschung. Er muss der Migros-Bank 85'000 Franken Schadensersatz zahlen. Dazu kommt eine bedingte Geldstrafe von 180 Tagessätzen à 30 Franken. «Die Hilfe des Kreditvermittlers ist irrelevant, da der Beschuldigte den Kredit wollte und die Drittperson aufforderte, ihm zu helfen», begründet Richter Amacker das Urteil. Auch wäre der Betrug aufgeflogen, wenn der Beschuldigte die Dokumente kontrolliert hätte.

«Das hat er nicht, also war es ihm zumindest egal.» Der Migros-Bank könne man keine Fahrlässigkeit vorwerfen: «Die Bank ist nicht verpflichtet, alles nachzuprüfen.» Amacker sagte aber, er habe beim Urteil jedoch berücksichtigt, dass der Angeklagte nicht die treibende Kraft bei der Tat war. Zudem sei es strafend genug, dass er 85'000 Franken Schadenersatz zahlen muss.