Mit grosser Sorgfalt schaufelt Bruno Völlmin das Mus aus gehackten Äpfeln in den altertümlich anmutenden Holzzuber. Unterstützt wird er von Regula Ungricht. Ein wenig nachdrücken und schon fliessen die ersten Tropfen ins Plastikbecken – purer, natürlicher Apfelsaft ohne Zusatzstoffe. Mit Bedacht legt Völlmin erst ein Leinentuch und dann diverse Distanzhölzer auf die schaumige Masse, bevor die Pressvorrichtung montiert wird. Nun aber ist Muskelkraft gefragt. Der neunjährige Silvan Cramer bringt sein ganzes Körpergewicht zum Einsatz – und siehe da: Der frische Most fliesst in Strömen. Schon der erste Degustationsschluck überzeugt, der Aufwand hat sich gelohnt. «Der Most schmeckt viel besser, wenn man ihn selbst gemacht hat», sagt Silvan. Ob dieses Resultats scheinen das Zusammensuchen des Fallobstes, das Waschen und das Vorbereiten der Früchte schon wieder weit weg.

Grundlage für die Tiervielfalt

Insgesamt rund 100 Kilogramm Äpfel hätten sie im Rahmen der Exkursion «Obstbäume, Früchte und deren Produkte» gesammelt, erzählt der Präsident des Natur- und Vogelschutzvereins Urdorf, Bruno Völlmin. Der Anlass soll für die zusehends unter Druck geratenden Nutzpflanzen sensibilisieren. «Dem Naturschutz ist es ein Anliegen, Obstgärten zu bewahren», erklärt er: «Sie sind eine wichtige Grundlage für die Tiervielfalt und sehr wertvoll für die Biodiversität im Allgemeinen.» Während in Neubausiedlungen nicht selten exotische und artfremde Bäume gepflanzt werden, scheinen die hier heimischen Nutzpflanzen ins Abseits gedrängt worden zu sein. Dabei ermöglichten zum Beispiel Apfelbäume nicht nur den Genuss eines köstlichen Apfelsafts, sondern würden auch als Staubfilter, zur Kühlung und zur Regulierung der Luftfeuchtigkeit dienen. «Wir wollten zudem aufzeigen, dass auch aus Fallobst etwas gemacht werden kann», so Völlmin.

Früher seien die Wiesenflächen mit Obstbäumen noch verschiedentlich genutzt worden, erklärt Exkursionschefin Regula Ungricht. Heute dienten diese Wiesen meist nur noch als Weidefläche. Von den rund 2000 Apfelsorten in der Schweiz würden nur noch wenige kultiviert. Dabei gäbe es sehr schmackhafte Sorten, die sich aber aufgrund ihrer Grösse und der nötigen sorgfältigen Behandlung nicht für den Verkauf eignen. «Diese sind einfach nicht mehr konkurrenzfähig», sagt Ungricht, bevor sie vom Geschmack der «Sternapi», einer der seltensten Apfelsorten in der Schweiz, zu schwärmen beginnt.

Auch ein Spaziergänger trinkt mit

Während in der Schweiz 1951 über 13 Millionen Hochstamm-Obstbäume standen, waren es 2011 gerade noch rund 2 Millionen. Erst 2010 wurden zum ersten Mal wieder mehr Bäume gepflanzt als gerodet, erfährt man in der kleinen Ausstellung im Klubhaus. Wer während der Tour durch die Apfelwelt seinen Wissensdurst noch nicht stillen konnte, kann sich hier schlaumachen. Auch bei den jungen Teilnehmern schien die Tour gefruchtet zu haben. Wie ein Profi referiert Silvan Cramer über Boskoop-Äpfel und Birnen, weiss, welche Früchte sich noch für die Weiterverarbeitung eignen. Vom Resultat der Exkursion lässt sich auch ein Spaziergänger begeistern: Er sieht sich schon beim ersten Schluck des frisch gepressten Mostes in seine Kindheit zurückversetzt. Der Lohn für die Teilnehmenden – 60 Liter in Flaschen abgefüllter Most – dürfte noch einige Zeit für erfrischenden Apfelgenuss sorgen.