Ein kalter Samstag im Januar 1913: 19 sportliche Männer treffen sich im Restaurant Krone in Dietikon. Sie alle haben den Wunsch zu turnen - aus diesem einfachen Grund wollen sie einen Turnverein gründen. Die Männer wissen nicht, dass 60 Jahre später 700 Mitglieder zu ihrem Verein gehören werden und dass er auch heute, hundert Jahre nach diesem Samstag, noch ein Treffpunkt für Turner sein wird. Heute Abend feiern die Mitglieder zusammen mit der Dietiker Behörde, Sportverbänden und anderen Vereinen ihr 100-jähriges Jubiläum.

Turnverein fürs Seelenheil

Entstanden ist der katholische Turnverein (KTV) Dietikon aus einer «seelischen Notlage», erklärt Hans Peter Trutmann, der vor 68 Jahren als 5-Jähriger zum KTV kam. Bereits 1876 gab es in Dietikon einen Turnverein, in dem Reformierte und Katholiken gemeinsam turnten. Dann wurden die Turnzeiten auf Sonntagmorgen festgelegt, genau dann, wenn der katholische Gottesdienst stattfand. Seelenheil ist wichtiger als sportliche Betätigung, war das Credo: Die Katholiken konnten unmöglich weiterhin an den Trainings teilnehmen und gründeten einen eigenen Verein, der bis 1922 eine Untersektion des katholischen Jünglingsvereins war.

Angefangen haben die Turner mit Kunstturnen, Leichtathletik, Disziplinen des Nationalturnens wie Schwingen und Ringen sowie Sektionsturnen. Dabei zeigt eine Gruppe gemeinsam etwas vor, entweder ohne Sportgerät oder am Barren. Der Verein bestand damals ausschliesslich aus Männern. Schnell kamen mehr Mitglieder hinzu, doch 1914 mussten wegen des Ersten Weltkriegs viele in den Aktivdienst einrücken. Bis 1919 hatte sich der Turnverein wieder erholt und konnte seinen ersten Turntag mit Vereinen aus der ganzen Schweiz durchführen, der stolze 350 Franken Reingewinn einbrachte.

Mit dem Zweiten Weltkrieg kam eine weitere schwere Zeit für die Turnvereine: Die Turnhalle war von der Armee belagert und viele Mitglieder konnten sich die Beiträge nicht mehr leisten. Doch nach Kriegsende kehrte man bald wieder zum Alltagsgeschäft zurück - zu Trainings, Turnfesten und Wettkämpfen, die bereits fest zum Programm gehörten.

Mit gewagter Mode aufgefallen

Schnell konnte der KTV Erfolge in verschiedenen Disziplinen verzeichnen, brachte ein Mitteilungsblatt heraus und erwarb 1954 einen eigenen Sportplatz, den die Mitglieder in Fronarbeit ausbauten. Werner Kienberger, ebenfalls im Verein, seit er denken kann, hat viele der Entwicklungen des KTVs miterlebt. «Die Trainings damals waren sehr diszipliniert, fast schon militärisch», erinnert sich Kienberger. «Das Sektionsturnen war auch eine Vorbereitung fürs Militär», erklärt Trutmann. «Oft waren die Arme ganz blau, weil man so lange am Barren gehangen ist.»

Neben der körperlichen Betätigung gehörte auch die Kameradschaft zu den Zielen des Vereins: Häufig waren die Männer am Wochenende an Festen unterwegs, jassten miteinander oder sassen zusammen in der Beiz. «Am Sonntag unternahmen wir jeweils Wanderungen», erzählt Kienberger. «Natürlich in Anzug und Krawatte, wie es sich für den Sonntag gehörte.» Für den Turnunterricht habe man freilich andere Kleidung getragen: Für Wettkämpfe erschien die Sektion ganz in Weiss, für die Trainings in kurzen Sporthosen und ärmellosen Shirts, die Trainingsanzüge waren dunkel. «Einmal hatte ich ganz modische Trainerhosen mit gelben Streifen an den Seiten. Damit ist man natürlich aufgefallen», erzählt Kienberger. Der Preis für die Mitgliedschaft betrug in den 60er-Jahren 20 bis 50 Rappen pro Monat.

Wettkämpfe im Ausland

Der KTV hat nicht nur in der ganzen Schweiz, sondern auch in Deutschland, Frankreich und Österreich Wettkämpfe bestritten. «Das war aber nichts sehr Ernstes. Wir haben hauptsächlich aus Spass daran teilgenommen», sagt Kienberger. Einmal habe er dem Redaktor der damaligen Regionalzeitung eine Karte aus Frankreich geschickt: «Wir aus der Schweiz sitzen schon in der Beiz», stand darauf geschrieben, erzählt Kienberger und lacht.

Das absolute Highlight für die beiden war das eidgenössische katholische Turnfest, das 1956 in Dietikon stattfand: «Über 4000 Turner aus der ganzen Schweiz sind gekommen», so Trutmann. Das Wetter an diesem Tag war perfekt für ein Turnfest; dafür habe man Gott danach mit Wallfahrten gedankt. Jedes Jahr wanderten die Turner nach Einsiedeln. Frühmorgens um 2 Uhr ging es jeweils los, rund 12 Stunden waren die Männer unterwegs.

Auch am Karfreitag mussten die Mitglieder des KTV jeweils früh aus den Federn: «In der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag fanden in der Kirche Anbetungsstunden statt», so Trutmann. «Alle katholischen Vereine mussten mitmachen. Wir waren um 3 Uhr dran. Schlaftrunken sind wir jeweils in die Kirche geschlichen.» Dafür gab es danach ein grosses Frühstück mit «Eiertütschen» bei einer befreundeten Familie.

Grösster KTV der Schweiz

Über die Jahre sind weitere Sportarten hinzugekommen - Handball, Unihockey, eine Jugendriege, eine Männerriege, Faustball, Mutter-Kind-Turnen, Fussball. Seit Ende der 60er-Jahre sind auch Frauen im Turnverein. 1970 gehörten 700 Mitglieder zum KTV - damit war er der grösste katholische Turnverein der Schweiz. Seither sind die Mitgliederzahlen jedoch stark rückläufig. «Es geht uns wie den meisten Turnvereinen. Immer weniger Leute wollen sich fest verpflichten und Zeit für die Organisation aufwenden», so Kienberger.

Heute sind ungefähr noch 100 Turnerinnen und Turner dabei, vor allem in der Männerriege und im Kunstturnen. Vom militärischen Umgang von damals ist nichts mehr zu spüren, auch der Mitgliederbeitrag ist etwas höher. Während zu Beginn vor allem Katholiken dabei waren, sind heute alle Konfessionen vertreten. «Man hielt es damals für förderlich für den Glauben, wenn sich Katholiken untereinander treffen», so Trutmann, mittlerweile sei das hingegen nicht mehr so wichtig. Auch wenn der Verein heute nicht mehr so viele Mitglieder zählt wie damals - er kann auf ereignisreiche 100 Jahre zurückblicken und spielte im Leben vieler Dietiker eine grosse Rolle.