Jubiläum
100 Jahre, aber rüstig: Der TV Oetwil-Geroldswil feiert Jubiläum

Das Chränzli vom 24. und 25. Januar steht unter einem besonderen Stern: Der Turnverein Oetwil-Geroldswil begeht sein 100-jähriges Bestehen. 1915 wurden die Bewohner der beiden Gemeinden von einem Dietiker mit dem Turnvirus angesteckt.

Raphael Biermayr
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Einwärmen ist auch im Nachwuchs wichtig
12 Bilder
Stramme Burschen wetteifern
Stilsicherheit ist auch am Barren gefragt
Spektakel am Hochreck
Auch die Jugi hat eine eigene Fahne
Die Nachwuchsriegen sichern die Zukunft
Die Fahne der Mädchenriege
Die erste Fahne von 1928
Die Chränzli sind fester Bestandteil im Jahresprogramm
Beliebtes Sujet - die Pryramide
100. Geburtstag: TV Oetwil-Geroldswil
Am Chränzli sind jeweils alle Riegen präsent

Einwärmen ist auch im Nachwuchs wichtig

Archiv TV Oetwil-Geroldswil

87 Jahre alt ist die Fahne, die bei Familie Hugi im Wohnzimmer auf dem Fussboden liegt. Das älteste Artefakt des 100-jährigen Turnvereins Oetwil-Geroldswil hat sich erstaunlich gut gehalten. Es hat zwei Seiten: Auf der einen steht der Verein, auf der anderen dessen Motto: Kraft durch Einheit.

Der Duktus lässt auf die lange vergangene Zeit schliessen, zu der dieser Leitsatz entstanden ist. Im Fall des Turnvereins, der die eigentümliche Abkürzung OTVG führt, ist er darüber hinaus nicht immer eingehalten worden. Der Verein kennt viele Schicksalsjahre.

In den Anfängen herrschte natürlich Aufbruchstimmung. Während des Ersten Weltkriegs war «das Interesse, sich körperlich zu stärken, um jedwelchem Unbill die Stirn zu bieten» gross, wie es in der auf das Jubiläum hin verfassten Chronik heisst.

Auswärtige prägen den Verein

Es brauchte mit Walter Devittori einen Dietiker, der den Oetwilern und Geroldswilern das Turnen schmackhaft machte. Am 7. August 1915 wurde der Verein gegründet. Überhaupt waren es häufig Auswärtige, die sich des Vereins annahmen: Der Wettinger Otto Huber beispielsweise wurde 1923 Oberturner und hatte diese Aufgabe sage und schreibe 21 Jahre lang inne.

Der heutige Vereinspräsident Erwin Hugi stammt eigentlich aus dem Kanton Bern, er wohnt allerdings schon seit 1983 in Geroldswil und wurde vom langjährigen Gemeinderat Fredi Appenzeller schnell für den TV gewonnen.

Engagierte Familie Hugi

Zunächst war Hugi während dreier Jahre als Oberturner aktiv, nach einer Zeit als Aufbauhelfer während der 1990er-Jahre übernahm er schliesslich im Jahr 2006 das Präsidium, als die verschiedenen Riegen unter einem Dach und Vorstand zusammengeführt wurden.

Seine Frau Barbara Hugi hat unter anderem 24 Jahre lang die Knabenriege geleitet und 21 Jahre lang den Wiesentälilauf. Heute ist sie als Materialverantwortliche tätig. Selbstredend halfen und helfen auch die beiden Söhne und die Tochter mit.

Die grösste Herausforderung für Erwin Hugi waren die Jahre nach 1990, als die Aktivriege mangels Mitglieder aufgelöst wurde. Die Zukunft des Vereins sei in den Folgejahren mehrmals an einem seidenen Faden gehangen. Hugi fasste ins Auge, aus der eigenen Jugend eine neue Aktivriege aufzubauen. Und tatsächlich: 2001 meldete der OTVG wieder eine Aktivriege.

Der grosse Nachbar

Hugi schildert, dass auf dem Weg zurück zu einer Aktivriege vor allem Geduld gefragt gewesen sei. Immer wieder hörten Jugendliche auf mit Turnen – oder wechselten zum TV Weiningen (TVW). Der mächtige Verein in der Nachbarschaft – ebenfalls 1915 gegründet – profitiert auch heute von seinem breiten Angebot und dem Standort des Oberstufenschulhauses, das auch die Schüler aus Oetwil und Geroldswil besuchen.

Die Vereinsgeschichte des OTVG kann nicht erzählt werden, ohne auf die Beziehung zum TV Weiningen einzugehen. Das Nebeneinander ist für den deutlich kleineren TV Oetwil-Geroldswil (aktuell rund 250 Mitglieder) nicht immer leicht.

Missgunst zwischen den Vereinen herrscht indes keine. Mehr noch herrscht ein vernünftiger Austausch. Die Tochter der Hugis war Mitglied im TVW, da dieser auch eine Kunstturnriege führt. Am Regionalturnfest in Weiningen vom nächsten Sommer stehen OTVG-Mitglieder als Helfer im Einsatz.

Und zum Chränzli der Nachbarn vom kommenden Wochenende im Hotel Geroldswil hat sich eine 15-köpfige Delegation aus Weiningen angemeldet. Obwohl die 320 Plätze an beiden Abenden bereits ausverkauft sind, werden sich für sie wohl auch noch Sitzgelegenheiten finden.

Von den 100 Vereinsjahren haben Erwin und Barbara Hugi rund ein Drittel miterlebt und mitgeprägt. Es sei an der Zeit, an die Zukunft zu denken, sagt der Präsident. Und die soll ohne ihn und seine Frau auskommen. «Die Jungen sollen die Verantwortung übernehmen», sagt der 62-Jährige.

Chronik: Die abwechslungsreiche Vereinsgeschichte des TV Oetwil-Geroldswil kennt einige Höhepunkte – und einiges zum Schmunzeln

1915: Die Gründung des Turnvereins Oetwil-Geroldswil erfolgt im Anschluss an einen turnerischen Vorunterrichtskurs. Der Leiter dieses Kurses heisst Walter Devittori und stammt von der anderen Seite der Limmat, aus Dietikon. Er ist Gründervater und Oberturner des neuen Vereins.

1920: Der OTVG kauft ein modernes Stellreck von der Turngerätefabrik Alder & Eisenhut für die horrende Summe von 300 Franken.

1921: Am Verbandsturnfest in Altstetten schneidet Oetwil-Geroldswil schlecht ab. Auf ihrem Heimweg zwischen Dietikon und Geroldswil werfen die enttäuschten Kämpfer den letzten errungen Eichenkranz in die Limmat.

1925: Vor dem Eidgenössischen Turnfest in Genf steht dem Turnverein kein Turnplatz zur Verfügung. Die Turnstunden werden damals nach Würenlos verlegt. Zur gleichen Zeit streitet man sich im Verein, sodass kurz vor dem Fest nur noch 8 Turner dabei sind. Ein Höngger springt als Oberturner in die Bresche, indem er den weiten Weg mehrmals wöchentlich mit dem Fahrrad unternimmt, um seinen Kameraden das Turnen zu ermöglichen.

1927: Zu dieser Zeit turnt man während des Winters in einem Schopf an der Bergstrasse in Geroldswil. Als Matten dienen Säcke mit Seegras. Turnlokale in Oetwil: ein Schopf im Kirchhöfli, eine Scheune des Nötzligutes und ein Estrich des Feuerwehrmagazins.

1928: Die erste Fahne wird geweiht. Die Fahnenstange hat man kurz davor am «Eidgenössischen» in Luzern im Tram vergessen – aber auf dem Fundbüro wiedergefunden. Vor einem Eidgenössischen Turnfest wird in den beiden Dörfern eines durchgeführt, um die Festkosten decken zu können. Ein Oetwiler unterstützt diese Sammlung nicht, darauf essen die Turner seinen Kirschbaum im Wiesentäli aus
Rache leer.

1936: Die Jugendriege wird gegründet.

1937: Die Damenriege wird gegründet.

1950: Mangels Teilnehmern wird die Jugendriege wieder aufgelöst, drei Jahre später wird sie neu lanciert.

1955: Ein Turner will das marode Stellreck kaufen und offeriert an der GV 12 Franken. Der Antrag wird abgelehnt, aber der Interessierte darf es leihweise zu Hause aufstellen.

1955: Wegen der Unfallgefahr werden das Ringen und das Schwingen am Vereinsschlussfest abgeschafft. Man findet zudem, dass das «Herumstolpern» im Sägemehl keine Werbung für das Turnen sei, sondern nur zur Erheiterung der Zuschauer beitrage.

1960: Mit der Eröffnung der Turnhalle im Letten geht ein Traum in Erfüllung.

1962: Die Männerriege wird gegründet.

1969: Ein Teil der Frauen wendet sich vom Verein ab und gründet die Riege Fahrweid-Geroldswil. Dabei nimmt sie die Mädchenriege gleich mit.

1971: Grosser Erfolg am Schaffhauser Kantonalturnfest: Dank des dritten Rangs erhält der OTGV einen goldenen Lorbeerkranz.

1976: Der Verein fasst den Kauf einer neuen Fahne ins Auge. Es wird eine Kommission eingesetzt, die Offerten einholt und schliesslich der Vereinsversammlung fünf Fahnenvorschläge vorlegt. Nach langer Diskussion einigt man sich auf ein Sujet. Es wird eine vierköpfige Kommission bestimmt, die einen provisorischen Budgetplan aufzustellen hat. Dieser wird von der nächsten Versammlung gutgeheissen.

1981: Das Kinderturnen und das Mutter-Kind-Turnen werden eingeführt, eine Frauen-Volleyballmannschaft stösst dazu, ausserdem wird zum zweiten Mal eine Mädchenriege gegründet.

1988: Der Verein darbt. Günti Blaser tritt als Präsident zurück, bleibt aber Aktuar. Zusammen mit Thierry Merçay als Kassier und phasenweise als Vizepräsident hält er den Verein am Leben.

1989: Gründung der Wettkampfgruppe der Geräteriege, die 1994 wieder aufgelöst wird.

1990: Auflösung der Aktivriege, da kein Oberturner mehr gefunden worden ist.

1992: Der Wiesentälilauf wird zum ersten Mal durchgeführt. Die Handball- und Volleyballriege treten aus dem Turnverein aus.

2001: Der Verein stellt wieder eine Aktivriege.

2006: Die Damenriege wird in den Stammverein integriert, damit sind alle Abteilungen unter einem Dach vereint.

2013: Sämtliche Riegen nehmen am Eidgenössischen Turnfest in Biel teil.

2015: Mit einem grossen Chränzli feiert der TV Oetwil-Geroldswil am 24. und 25. Januar seinen 100. Geburtstag. Anlässlich des Jubeljahres richtet der Verein den GLZ-Jugendlauf sowie den Regionalen Jugendwettkampf Limmattal aus.

(Zusammenstellung: bier)