Mit Vorurteilen kennt Carl Schnetzer sich aus. Als er vor vielen Jahren das Pfarramt der reformierten Kirche Birmensdorf-Aesch übernahm und anfing, die Gottesdienste auf Hochdeutsch und mit Fokus auf liturgische Formen zu halten, wurde er als stockkonservativ verschrien. Aber als die Kritiker seinen Worten genauer zuhörten, merkten sie, dass ihr erster Ein Pfarrer Pfarrer Carl Schnetzer Carl Schnetzerdruck völlig daneben lag.

Schnetzer ist es wichtig, dass man genau hinschaut und auf Menschen zugeht, statt sich auf seine vorgefertigten Vorstellungen zu verlassen. Auch das hat seine Einstellung zum aktuell auch in der reformierten Kirche diskutierten Thema Homo-Ehe geprägt. «Ich habe viele sehr unterschiedliche Familienverhältnisse und Lebensformen gesehen, um zum Schluss zu kommen, dass es auf die Liebe ankommt und nicht auf das Geschlecht», sagt er.

Aufdrängen will er seine Einstellungen aber niemandem. Lieber gesteht er seinen Mitmenschen den nötigen Freiraum ein, sich selbst eine Meinung zu bilden: «Mir ist es wichtig, dass man seinen Mitmenschen mit Respekt begegnet und nicht zu aufdringlich ist.» Bereits seine erste intensive Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben als Mitarbeiter im französischen Kloster von Taizé hat ihn in dieser Hinsicht geprägt. Nie hätten die Mönche versucht, Druck auf ihn auszuüben oder ihm ihre Werte aufzuzwingen. Dieser Eindruck habe dem damals 17-jährigen stark imponiert und war einer der Einflüsse, wieso er, aus einer eher religionsfernen Familie stammend, den Weg als Pfarrer einschlug.

«Ahnengalerie des Glaubens»

Angesprochen auf seine Beweggründe zeigt er auf die Wand im Wohnzimmer, wo mehrere Porträts um ein Holzkreuz aufgehängt sind: «Das ist meine Ahnengalerie des Glaubens», sagt er lachend. Dazu gehört auch der jüdische Philosoph Martin Buber. Von seiner Schrift «Ich und du», einer religionsphilosophischen Auslegung des Judentums, zeigte sich der junge Carl Schnetzer äusserst beeindruckt. «Das war für mich keine Dichtung, sondern die Wahrheit», erzählt er. Auch ein Foto von Roger Schütz, Gründer der Gemeinschaft von Taizé, hängt an der Wand.

In seiner Arbeit für die Gemeinschaft war Schnetzer, der selbst slawische Wurzeln hat, Anfang der 1990er-Jahre kurz vor dem Balkankonflikt viel in Osteuropa unterwegs und erlebte einen intensiven Austausch mit anderen Religionen. In dieser Zeit manifestierte sich seine Faszination für die orthodoxe Theologie. Später reiste er auch auf einer Studienreise mit Sakib Halilovic, dem bosnischen Imam von Schlieren, nach Sarajevo.

Doppeltes Jubiläum

Mittlerweile ist Schnetzer 20 Jahre als Pfarrer in Birmensdorf tätig. Weil er im Juni zusätzlich seinen 60. Geburtstag feierte, veranstaltet die reformierte Kirche heute in Birmensdorf ihm zu Ehren ein Jubiläumskonzert.

Nach all den Jahren als Pfarrer in Birmensdorf und rund 8 Jahren als Dekan des Bezirks Dietikon kennt Schnetzer das Dorf und die Region sehr gut. In seiner Kirchgemeinde seien viele Menschen sehr geübt darin, Predigten zu hören. Das motiviere ihn, seinen Inhalten und der Wortwahl viel Sorgfalt zu schenken, weil seine Botschaften von vielen genau aufgenommen werden. Mittlerweile ist Birmensdorf zu seiner Heimat geworden. Die Kirchgemeinde sei längst auch Teil seines Privatlebens, sagt er. So besucht etwa ein Ehepaar aus dem Dorf ab und zu seine pflegebedürftige Mutter im Zürcher Oberland, weil sie sich gut verstehen.

In Birmensdorf und Aesch leben viele Grossfamilien. Dadurch habe er über die Jahre oft gleich mehrere Generationen kennen gelernt. Dies fördere den Zusammenhalt enorm: «Etwas vom Wichtigsten für die Jungen ist, wenn sie merken, dass die Älteren Vertrauen zum Pfarrer und zur Kirchgemeinde haben», sagt er. Ganz anders sei die Situation etwa in Schlieren, wo die Bevölkerung sich laufend verändert und viel durchmischter ist. «Es ist schon faszinierend: Wir haben den kleinsten Bezirk im Kanton, aber die grössten Unterschiede innerhalb der Gemeinden», sagt er.

Bewusster Handyverzicht

Mit ruhiger, warmer Stimme erzählt Schnetzer von seiner Kirchgemeinde. Immer wieder hält er kurz inne und überlegt, ohne den Redefluss zu stören. Seine Wortwahl ist sehr bedacht, man merkt, dass er sich viele Gedanken über die Welt macht. Und er hat keine Angst davor, nicht auf alle Fragen eine Antwort parat zu haben.

Unsere globalisierte und beschleunigte Gesellschaft beschäftigt Carl Schnetzer stark. Beruflich verzichtet er bewusst auf ein Handy und es ist ihm ein Anliegen, sich mit Präsenz und Aufmerksamkeit auf seine Mitmenschen einzulassen. «In einer Welt des Überflusses ist es wichtig, sich wieder aufs Wesentliche zu konzentrieren», sagt er.

Mit 60 Jahren ziehe man Bilanz und überlege sich, was man erreicht habe und der nächsten Generation hinterlasse, sagt Schnetzer. «Älterwerden alleine ist keine Leistung», sinniert er. Die Kirchgemeinde Birmensdorf sei glücklicherweise in guten Händen, denn die Zusammenarbeit mit dem halb so alten Pfarrer Marc Stillhard sei optimal. «Trotzdem wird mir der Abschied aus Birmensdorf in einigen Jahren schwerfallen. Aber gleichzeitig wird es mir auch sicher guttun».

Herbstkonzert zum Jubiläum
Jan Sparta und Familie

Samstag, 12. September, 15.30 Uhr

Reformierte Kirche Birmensdorf