Dietikon

Ganz im Dienste der «Krone»

Die «Krone» hat den Wandel Dietikons vom Dorf zur Stadt im Besitz der Familie Gstrein überlebt.

Die «Krone» hat den Wandel Dietikons vom Dorf zur Stadt im Besitz der Familie Gstrein überlebt.

131 Jahre lang war die Familie Gstrein Eigentümerin der «Krone» in Dietikon. Mit dem Verkauf an die Stadt endete diese Ära. Das Neujahrsblatt 2011 würdigt die Verdienste der Familie Gstrein.

Erleichterung, Befriedigung, Stolz und ein kleines Hochgefühl: So schildert Hans Bohnenblust, alt Stadtpräsident von Dietikon, seine Empfindungen nach dem Kauf der Taverne zur Krone und der umliegenden Gebäude durch die Stadt am 9. Dezember 2004. «Lange habe ich darum gekämpft», so Bohnenblust, «viel Herzblut habe ich investiert.» Nach vielen Gesprächen, in intensiven Diskussionen und mit viel Geduld waren sich die Stadt und die Eigentümerschaft allmählich nähergekommen.

Entscheidend für das gute Ende der Verhandlungen war für Bohnenblust schliesslich, dass nach dem Tod von Alois Gstrein junior im Jahr 1999, mit dem die Gespräche bereits weit fortgeschritten waren, und nach Unklarheiten bezüglich der Erbteilung schliesslich dessen Frau Hedwig die «Krone» zugesprochen erhielt. Ihr war es ein Anliegen, dass der Käufer die «Krone» als Restaurant weiterführen will, ein Versprechen, das Bohnenblust geben konnte.

Der Stadtrat sprach sich in der Folge für den Kauf des gesamten Areals für einen Betrag von knapp vier Millionen Franken aus. Und während damit für die «Krone» und Dietikon ein neues Kapitel begann, endete die Ära der Familie Gstrein als Eigentümer der «Krone» - eine Ära, die 131 Jahre zuvor ihren Anfang genommen hatte.

Kaufpreis: 24000 Franken

Es begab sich am 16. Januar 1873, als Johann Georg Gstrein, geboren 1834 in Wens im Tirol, als Geselle in die Schweiz gekommen, später als Handelsmann in Dietikon ansässig, im Jahr 1870 Dietiker Bürger geworden, die «Krone», die Taverne im damaligen Dorfzentrum an der Reppisch, im Rahmen einer freiwilligen Versteigerung kaufte; der Kaufpreis lag bei 24 000 Franken.
Gstrein bekam ein Haus, das als vernachlässigt galt, und musste dementsprechend zunächst investieren. Neben der Gastwirtschaft wurde ein landwirtschaftlicher Betrieb geführt, und alsbald auch, auf der Südseite des Gebäudes, ein Gemischtwarenladen eingerichtet und eine Bäckerei in Betrieb genommen. Zudem soll der Hausherr, verheiratet mit Barbara Weilenmann, Vater von fünf Kindern, weiterhin Geld mit dem Handel mit Landwirtschaftsgeräten verdient haben.

Nachzulesen ist dies im Dietiker Neujahrsblatt 2011, verfasst von Hans Bohnenblust und alt Stadtschreiber Thomas Furger, zur Geschichte der «Krone» und der Familie Gstrein. Das Neujahrsblatt wurde gestern Samstag an der Vernissage im Gemeinderatssaal des Stadthauses offiziell präsentiert (siehe Kontext). Dem Werk vorangestellt ist ein Nachdruck des Neujahrsblatts von 1956, in dem Karl Heid die Geschichte der Taverne im Ortszentrum seit der ersten bekannten Erwähnung des Gebäudes im Jahre 1259 aufrollt.

Die Familienbande verkomplizierten sich

Nach dem Tod von Johann Georg Gstrein im Jahr 1884 verkomplizierten sich die Familienbande. Witwe Barbara, bis zu ihrem Tod 1910 unbestrittene «Krone»-Chefin, heiratete Robert Bumbacher, seinerseits Sohn eines kurzzeitigen «Krone»-Besitzers. Neben Barbaras Kinder aus erster Ehe wohnten um die Wende zum 19. Jahrhundert somit auch verschiedene Mitglieder der Familie Bumbacher in den oberen Etagen der Taverne.

Ab 1910 zeichneten Barbaras Söhne Alois, der 1912 die Dietikerin Anna Grau heiratete, und Georg Gstrein für die «Krone» verantwortlich, Alois für die Gast-, Georg für die Landwirtschaft. Für den Auskauf der Geschwister infolge Erbteilung hatte sich Alois unter anderem von seiner Briefmarkensammlung trennen müssen, die als wertvollstes Stück gar ein «Basler Tübli» beinhaltete. Von 1916 bis 1918, während des Ersten Weltkriegs, beherbergten die Gstreins in der «Krone» stets einige Piloten, die auf dem Flugplatz in Spreitenbach ausgebildet wurden.

Nach dem Tod von Georg im Jahr 1923 folgte eine weitere Erbteilung; Alois behielt die «Krone», die Geschwister erhielten grosse Teile des Landbesitzes. Anna und Alois mussten aber auch feststellen, dass Georg, der die Buchhaltung geführt hatte, Hunderte von Rechnungen einfach in einer Holzkiste aufbewahrt hatte, ohne sie zu bezahlen.

Die folgenden Jahrzehnte waren geprägt von harter Arbeit, Investitionen und Renovationen. Höhepunkte waren auch dabei, unter anderem der Besuch von General Guisan samt Entourage, als er während des Zweiten Weltkriegs die Festungsarbeiten in Dietikon inspizierte. Kurz nach Ende des Krieges verstarb Alois Gstrein, sein Sohn, Alois junior, übernahm das Geschäft.

Die frühen 1950er-jahre waren geprägt von guten Umsätzen und einem grossen Umbau: Der Gemischtwarenladen wurde aufgegeben, im ersten Stock wurde ein Tea-Room eingerichtet und das Restaurant wurde um 20 Quadratmeter vergrössert. Die folgenden Jahre waren hart; Alois junior und seine Gattin Hedwig, mit der er seit Herbst 1947 verheiratet war, packten überall selbst mit an.

Bis 1984 in der «Krone»

Bis im Jahr 1984 wirteten Gstreins in der «Krone». Danach verpachteten sie die Liegenschaft «an zwei langjährige, bestbewährte Mitarbeiter», wie sie bei der Übergabe in einem Zeitungsinserat erklärten, an Italo Segabinazzi und Walter Hirzel. Als der Pachtvertrag Ende 1996 auslief und Gstreins keine Nachfolger zur Hand hatten, musste das Lokal geschlossen werden. Vor der Schliessung stand noch das ganze Inventar zum Verkauf: Tafelsilber, Porzellan, Bettwäsche, Frottéetücher, Fernseher, und sogar der Wein aus dem Weinkeller.

Es folgten, unterbrochen vom Tod von Alois junior, die Jahre des Verhandelns, der Diskussionen, der Gespräche mit möglichen Kaufinteressenten - bis schliesslich die Stadt den Zuschlag bekam und die Planungen für Umbau und Erneuerung zügig vorantrieb. Auch das Stimmvolk stellte sich hinter die Idee, das einstige Prunkstück im Stadtzentrum erblühen zu lassen, und genehmigte einen Kredit von 9,4 Millionen Franken für die notwendigen Bauarbeiten.

Im April dieses Jahres wurde das historische Gebäude wiedereröffnet. «Es war aus meiner Sicht der absolut richtige Entscheid, die Liegenschaft zu kaufen», sagt alt Stadtpräsident Bohnenblust heute. Dietikon verfüge nicht über viele derart traditionsreiche Häuser; was vorhanden sei, gelte es deshalb bestmöglich zu erhalten. Die neue «Krone» gefalle ihm, und er hoffe, dass sie sich zum Treffpunkt entwickle, der von der ganzen Bevölkerung rege besucht werde.

Meistgesehen

Artboard 1