Musikschule Dietikon

«Ein Bach-Stück ist oft einfacher einzuüben als ein Bieber-Song»

Am Ende jedes Schuljahres dürfen die Schüler in Konzerten zu Gehör bringen, was sie gelernt haben. ZVG

Am Ende jedes Schuljahres dürfen die Schüler in Konzerten zu Gehör bringen, was sie gelernt haben. ZVG

Die Musikschule feiert ihr 40-jähriges Bestehen mit grösserem Programm und will neue Schüler gewinnen

«Als ich ein kleiner Junge war, erwarb mein Vater eines Tages einen Flügel, liess ihn ins Wohnzimmer stellen und sagte zu mir: ‹So, ab jetzt wird geübt. Keine Diskussion!›» Es ist offensichtlich, dass Livio Castioni (64) sich dem väterlichen Wunsch nicht widersetzte, unterrichtet er doch heute Schüler der Musikschule Dietikon im Klavierspiel. Auch wenn Castioni noch Organist in der reformierten Kirche in Uitikon und Leiter verschiedener Chöre ist, sind dem Dietiker seine Aufgaben an der Musikschule besonders ans Herz gewachsen. Beinahe 37 Jahre unterrichtet er nun schon dort und ist damit fast seit den Anfängen der Schule, die 1977 gegründet wurde, dabei.

Das Umfeld ist nicht einfach

Für das Programm im Jahr des 40-jährigen Bestehens haben sich der Vorstand und die musikalisch-pädagogische Leiterin Daniela Jordi verschiedene Besonderheiten einfallen lassen. «Unser Frühlingskonzert wird in diesem Jahr noch vielseitiger sein und eine noch umfangreichere Bandbreite von Musikern anbieten als in früheren Jahren, von klein bis gross, vom Anfänger bis zum geübten Musiker. Wir wollen den ganzen Kosmos Musikschule abbilden.»

Am Tag der offenen Tür am 20. Mai wird es erstmals ein Gastronomieangebot im idyllischen Garten des Musikschulhauses in der Bühlstrasse geben, und die Stadtjugendmusik wird ein Jubiläums-Ständli darbringen. Neu offeriert die Musikschule künftig nach allen Schülerkonzerten dem Publikum Apéros. «Wir wollen verstärkt mit den Leuten ins Gespräch kommen und so mehr Schüler gewinnen», meint Jordi, die bald von Zürich nach Dietikon zügelt und auch Klarinette an der Schule unterrichtet.

Mit etwa 300 Schülerinnen und Schülern ist die Musikschule im Verhältnis zur Stadtgrösse relativ klein. Viele der potenziellen Schüler hätten vom Elternhaus her keinen direkten Zugang zur Musik, das Dietiker Umfeld sei nicht einfach, so Castioni. Eine Herausforderung, die Jordi gerne annimmt: «Wir sehen das Potenzial der vielen Kinder unterschiedlicher Kulturen, die Dietikon zu bieten hat.»

Die Stadt subventioniert

Natürlich ist auch die Finanzierung des Instrumentalunterrichts für die Eltern ein Thema. Castioni: «Viele sind der Ansicht, dass sie sich den Unterricht ihrer Kinder nicht leisten können.» Dabei wird dieser im Kanton Zürich relativ grosszügig subventioniert. Für Schüler im Alter bis zu 20 Jahren sollen gemäss kantonaler Vorgabe Eltern und Gemeinden die Kosten hälftig tragen. So hat Dietikon 2015 einen Beitrag von rund 400 000 Franken an die Musikschule geleistet. Für 2016 liegt die Rechnung noch nicht vor, aber unabhängig von den Unterrichtskosten leistete die Stadt einen einmaligen Beitrag von rund 20 000 Franken für den Ersatz und die Neubeschaffung von Unterrichtsmaterial und Mobiliar. Dafür bereichern die Schüler mit ihren Konzerten die städtische Kultur. Auch mit Subventionierung hat der Unterricht aber seinen Preis. Halbjährlich für wöchentlich 30 Minuten Einzelunterricht kostet er 600 Franken. Immerhin kann die Schule einige Instrumente verleihen. Die etwa 30 Lehrpersonen sind alle Berufsmusiker mit musikpädagogischem Master einer Musik-Hochschule. «Man darf nicht vergessen, dass Musikunterricht eine gute Lebensschule ist. Das gemeinsame Musizieren fördert die soziale Integration», so Jordi. «Ausserdem ist es förderlich für die Gehirnvernetzung», ergänzt Castioni.

Lehrer müssen mit der Zeit gehen

Wichtig sei es, auf das Kind einzugehen, seine Lust zu wecken und es zu motivieren, so Jordi. Ein zeitgemässes Notenangebot trägt dazu bei, auch wenn manche sich mit ihren Wünschen überfordern. «Oft ist es leichter, ein Bach-Stück einzuüben als einen Justin-Bieber-Song richtig zu spielen», meint der Klavierlehrer. Etwa 1000 Dietiker Schülerinnen und Schüler hat er über die Jahre im Klavierspiel unterrichtet. Fragt man ihn, was sich in der Zeit verändert hat, meint er: «Früher haben wir die Eltern mehr auf unserer Seite gehabt.» Heute werde das Kind gleich abgemeldet, wenn es «keinen Spass» mehr habe. Ohne etwas Durchhaltevermögen beim Üben gehe es aber nicht. Das Flügel-Diktat von Vater Castioni hätte bei den Kindern von heute wohl wenig Chancen.

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