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Reeto von Gunten testet in Dietikon: «Mit jedem Song sind Erinnerungen verbunden»

Reeto von Gunten lässt das Publikum in seinem neuen Stück Musik durch seine Ohren hören. Getestet wird es in Dietikon.

Fabienne Eisenring
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Reeto von Gunten - Radiomoderator

Reeto von Gunten - Radiomoderator

Zur Verfügung gestellt

Herr von Gunten, als Radiomoderator bei SRF3 erleben Sie Ihre Zuhörer nie live. Versuchen Sie, dies mit Ihren Bühnenauftritten zu kompensieren?

Reeto von Gunten: Das ist tatsächlich die Idee hinter meinen Lesungen: aus dieser Einbahnsituation herauszukommen.

Reeto von Gunten

Reeto von Gunten (54) moderiert seit 2004 den Sonntagmorgen auf SRF3, genauso lange steht er als Erzähler auf Bühnen der Kleinkunst. Im Moment hört er Jeffrey Paradise und Laurent&Max, auf Vinyl die Band LCD Soundsystem und «natürlich» Kendrick Lamar. Von Gunten ist verheiratet und lebt mit seiner Familie in Zürich. Ab Oktober tourt er mit seinem neuen Bühnenprogramm «Single» durch die Schweiz. Am Mittwoch, 27. September, um 20.15 Uhr lädt er zum Try-Out im Stadtkeller Dietikon. Tickets können in der Stadt- und Regionalbibliothek Dietikon oder online unter www.ticketpark.ch/dietikonvorab gekauft werden.

Wie lange haben Sie am aktuellen Programm «Single» gearbeitet?

Zwei Jahre. Die letzten zehn Monate sehr intensiv. Da besteht die Gefahr, dass man nur noch poliert, was keine Politur mehr braucht.

Beobachten Sie während des Try-Outs das Publikum?

Klar. Das Problem dabei: Ein Zuhörer, der sich konzentriert, sieht nicht aufgeregt aus. Sondern eher gelangweilt.

Beschäftigt Sie das?

Vor allem dann, wenn in der ersten Reihe ein Mann sitzt, mit verschränkten Armen und steinerner Miene. So à la: So, etz mach emal luschtig. Was ich nicht darf, ist dann zu versuchen, gerade ihn zum Lachen zu bringen. Es gibt genug Dankbare.

Woher schlägt Ihnen die härtere Kritik entgegen: vom Publikum oder von Ihren zwei Kindern?

Von meinen Kindern. Beide sind in einem Alter, in dem sie grundsätzlich alles scheisse finden, was Papi macht.

Der Titel «Single» klingt zweideutig.

Wie eine Single eine Seite A und eine Seite B hat, so funktioniert auch das Leben. Es lässt sich aus mehreren Perspektiven betrachten. In meiner Lesung erzähle ich aus meiner Sicht, was Musik mit uns macht und wie wir uns in ihr immer wieder neu finden.

Was gibt es konkret in Ihrem achten Solo-Bühnenprogramm zu sehen?

Ich arbeitete mit den Schweizer Musikern Faber und James Gruntz zusammen. Daraus sind Geschichten und Videos entstanden, die an der Lesung ineinanderfliessen. Mit meiner Stimme als Instrument und dem, was auf dem Tisch herumliegt, mache ich Musik. Mithilfe eines Loopers versuche ich, daraus live ein Gewebe zu konstruieren.

Wie wichtig ist dabei Improvisation?

Live auftreten bedeutet für mich auch, dass mal etwas in die Hose geht. Ich will keine Britney Spears werden. Am spannendsten ist es doch, wenn bei einer Show etwas passiert, das nur an diesem Ort, nur in diesem Moment geschehen kann.

Sind Sie vor Auftritten nervös?

In den letzten 15 Minuten vor Showbeginn muss man alle Türen schliessen, damit ich nicht davonlaufe.

Können Sie sich an Ihr erstes Konzert als Zuhörer erinnern?

Das war Bob Marley & The Wailers, 1980 im Hallenstadion. Damals war Rauchen im Stadion erlaubt. Das ganze Konzert über versuchte ich, nicht zu tief einzuatmen. Ich glaubte, ich würde sonst Marihuana-abhängig.

Wie viele Platten besitzen Sie?

Ich habe die Sorte Schallplattensammlung, über die man sich schämt zu sprechen. Die Reaktionen darauf variieren zwischen «Was machst du eigentlich sonst im Leben?» und «Jetzt weiss ich, warum ihr kein Ferienhaus habt». Wie viele es sind, weiss ich nicht.

Die erste Platte, die Sie kauften?

Eine von Suzi Quatro. Auf dem Cover sitzt sie in einem Lederoverall in einem Sessel, flankiert von Doggen. Eine Jugendsünde.

Hand aufs Herz: Die Platte steht immer noch in Ihrem Regal.

Natürlich. Diese Platten sind wie Tätowierungen, die nur man selber sieht. Mit jedem Song sind Erinnerungen verbunden.

Woher kommt Ihre Faszination für Vinyl?

Ich bin damit aufgewachsen. Im Laden musste ich damals erst meine Kaufkraft beweisen, bevor ich reindurfte, um mir einen Nachmittag lang Platten anzuhören. Es war ähnlich später mit der Leidenschaft für Kassetten. Wenn ich die am Radio aufnahm, waren sie meist am Anfang und Ende angeschnitten. Ich wollte nicht, dass der Moderator in die Musik reinschnorrt. Dann bin ich selbst so einer geworden.