Dietikon
Reeto von Gunten: Bei ihm würde der rote Faden nur stören

Der SRF3-Radiomoderator lud zum Try-Out seines neunten Solo-Bühnenprogramms «Single» in den Dietiker Stadtkeller. Und bewies einmal mehr, dass er Meister des unterhaltsamen Tiefgangs ist.

Fabienne Eisenring (Text und Foto)
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SRF3-Radiomoderator Reeto von Gunten mit «Single» im Dietiker Stadtkeller.

SRF3-Radiomoderator Reeto von Gunten mit «Single» im Dietiker Stadtkeller.

Fabienne Eisenring

«Mit Lesungen ist es wie mit Musik. Sind sie nur einigermassen gut, werden sie besser, wenn man dabei die Augen zu hat.» Zu Beginn weist Reeto von Gunten also sein Publikum an, die Augen zu schliessen. Der Dietiker Stadtkeller verdunkelt sich. Von Gunten beginnt, aus dem Off zu erzählen. Meisterhaftes Kopfkino. Nach kurzer Zeit blinzelt man. Auch das Licht schleicht sich zurück in den Raum. Schliesslich bekommt man den 54-jährigen SRF3-Radiomoderator selten zu Gesicht. Und nur als «einigermassen gut» kann man seine Lesung wahrlich nicht betiteln. Doch das weiss von Gunten selber.

Sechs Scheinwerfer sind nach vorne gerichtet. Brille, Bart, ein Beamer. Bariton und Berner Dialekt. Die Zutaten eines Erfolgsrezepts. Ab Oktober wird von Gunten mit seinem neunten Solo-Bühnenprogramm «Single» von einer Schweizer Kleinkunstbühne zur nächsten touren. Vorab lud er in Dietikon zu einem Try-Out. Eineinhalb Stunden lang unterhielt er am Mittwochabend ein nicht überaus zahlreiches, aber begeisterungsfähiges Publikum.

Selbstzweifel gehören dazu

In «Single» richtet von Gunten seinen Blick auf die Welt der Musik, mit einer Collage von Geschichten, Dias und Videos. Ein roter Faden? Knapp erahnbar. Er würde vielleicht nur stören. Als Knallkörper streut von Gunten Geräusche ein, die er mithilfe eines Loop-Geräts mischt. «Das hab ich noch nicht so im Griff», murmelt er ins Mikrofon. Applaudieren soll man nur, wenn eine Pointe wirklich gut sei, bitte.

Die Protagonisten der Geschichten durchwandeln in popliterarischer Manier Krisis und Katharsis. Sie verlieren sich in der Repetition ihres Alltags. Eine Ebene darüber bietet nur von Guntens sonore Stimme Sicherheit. Sie übernimmt die ganze Dynamik, während er stoisch am Tisch sitzt.

Einmal liest das Publikum Teile eines Drehbuchs als Projektionen an der Wand. Es sind Regieanweisungen für eine Kamera, die einen desillusionierten Zürcher Stadtpolizisten zu den Beats des Hip-Hop-Kollektivs «Temple of Speed» auf Streife verfolgt. Schnitt: Der Protagonist liegt mit pochendem Weisheitszahn auf einer Bahre. Es läuft Hintergrundmusik, neben den «Zahnarztwaffen» steht ein Schild: «Bitte bedienen Sie sich selber.» Ausklingen lässt von Gunten den Horror mit einer bittersüssen Note.

Als auflockernde Einspieler erweisen sich die «Demo Papes», die von Gunten von Karteikärtchen liest. Ein Beispiel gefällig? «Kurzkrimi. Ich bin Mitte Fünfzig und habe den Körper eines 25-Jährigen – im Kofferraum.» Und dann wären da die extra produzierten Musikvideos von Faber und James Gruntz.

Händchenhalten mit Beth Ditto

In der Pause gibt es Gelegenheit, das Ohr einigen Stimmen aus dem Publikum zu leihen. «Teils waren die Erzählungen etwas langwierig», meint Barbara Herrmann aus Bergdietikon, an den Apéro-Tisch gelehnt. Spannung hätten die multimedialen Elemente erzeugt. Ursula Barletta aus Urdorf meint lächelnd: «Reeto von Gunten schalte ich jeden Sonntagmorgen am Radio ein. Jetzt erlebe ich ihn in persona.»

Nachher geht es temporeich und pointensicher weiter. Von Gunten feuert keine beständigen Lach-Raketen ab, sein Humor ist viel subtiler, entlarvender. Doch auch er trägt mal dick auf. Etwa, wenn er von seiner Zeit als Ansager beim Gurten-Festival schwadroniert: Davon, wie er mit der nervösen Beth Ditto auf der Bühne Händchen und für eine Rock-Diva namens Liam Gallagher den Stuhl warm hielt.

Sein Selbstvertrauen hat von Gunten während der Show wiedergefunden. Dennoch meint er: «Dass Sie sitzenblieben, ist nicht selbstverständlich.» So wird man nach einer Zugabe, einer Handvoll frischer Gedanken und endlich einem Gesicht zur legendären Stimme in die Nacht entlassen.