«Ich war gerade daran, meinen Flug in die USA zu buchen», sagt Rebekka Stotz und lächelt entschuldigend, als sie die Haustür ihres Elternhauses am Dorfrand von Urdorf öffnet. Sie wirkt gelöst, der Druck der Weltmeisterschaft in Paris und der Schweizer Meisterschaft an der Züspa im September scheint von ihr abgefallen zu sein. Noch ein letzter Wettkampf steht an, und dann liegt ein Zwischenjahr vor ihr, in der sie sich ausschliesslich auf den Sport konzentrieren will.

Rebekka Stotz, Ihr Nationaltrainer und Förderer Urs Stöcker hat vor einigen Tagen gesagt: «Die grösste Schwäche von Rebekka ist, dass sie zu wenig daran glaubt, was sie eigentlich kann.» Wie ist es, so etwas von seinem Trainer zu hören bekommen?

Rebekka Stotz: Ich finde es gut, dass er so offen und ehrlich seine Meinung kundtut. So weiss ich, woran ich arbeiten muss. Der Glaube an mich selbst ist auch aus meiner Sicht das, woran ich noch am meisten arbeiten muss.

Ist es pures Selbstbewusstsein, das Ihnen fehlt?

Womöglich. Wenn ich im Training eine Route vor mir habe, schaue ich mir diese vor dem Klettern ganz genau an. Ich stehe dann vor der Wand und traue mir die kniffligen Passagen nicht zu. Häufig überrasche ich mich während des Kletterns selbst, ich merke, dass ich es doch schaffe. Diese Eigenschaft ist aber nicht nur negativ.

Was ist denn positiv?

Man sollte Respekt haben. Bloss Angst darf man nicht zulassen.

Wie zentral ist die Angst beim Klettern?

Man muss sich ausschliesslich auf seine Hände und Füsse verlassen und darauf vertrauen, dass man gut gesichert ist. Mit Ängsten vor dem Herunterfallen habe ich überhaupt kein Problem. Dafür trainiere ich schon zu lange. Am Anfang hat man schon etwas Schiss, wenn man meterhoch über dem Boden in der Wand hängt. Aber heute kann ich mir nicht mehr vorstellen, dass mir so etwas Schrecken einjagen könnte.

Ist es denn vielleicht eine Angst vor dem Versagen? Die Angst, die Wand nicht bezwingen zu können?

Im Training weiss ich, was ich kann. Ich gehe lockerer an die Sache heran. Am Wettkampf will man zeigen, wie gut man ist. Und dann mischen sich Versagensängste dazu, man steht unter einem gewaltigen Druck. Den grössten Druck mache ich mir immer selber.

Also nicht der Trainer?

Nein, überhaupt nicht. Ich will in dem Moment zeigen, was ich kann, und stehe mir dann selbst im Weg. Ich mache mir zu viel Gedanken zur Route, sehe Schwierigkeiten, die häufig gar keine sind. Wenn ich dann die Passage tatsächlich meistern muss, geht letztlich immer es problemlos. Und doch bin ich am nächsten Wettkampf wieder genau gleich stark aufgeregt wie am Wettkampf zuvor.

Wie arbeitet man als Sportler an solchen Ängsten?

Ich werde künftig mit einer Mentaltrainerin zusammenarbeiten. Bis jetzt hatten wir im Team eine solche Trainerin, die uns aber als Team gestärkt hat. Jetzt werde ich einzeln mit ihr arbeiten.

Was muss man sich unter einem Mentaltraining vorstellen?

Ich war selbst noch nie. Ich nehme an, ich lerne, wie ich ruhig bleibe, wie ich die Sache anpacke.

Vor Ihnen die Wand, im Rücken das Publikum - wie gehen Sie mit dieser Situation jeweils um?

Das Training ist die grösste und beste Vorbereitung. Und auch die Wettkampfsituationen sind alle ähnlich. Man weiss am Abend vorher, wann man an der Reihe ist, studiert die Route. Auch das Aufwärmen ist immer gleich.

Also wie ein Ritual?

Genau. Eigentlich läuft alles immer gleich ab, nur die Route ist neu.

Sie sind noch sehr jung. In einem Interview haben Sie gesagt, dass, wenn Sie in die Agenda schauen, Ihnen alles über den Kopf zu wachsen droht. Wie bringen Sie alles unter einen Hut?

Das habe ich in einer Phase gesagt, in der alles gleichzeitig kam; Schulabschluss und Wettkampfsaison. Da war es recht viel auf einmal, der Tag hat aus Training und Lernen bestanden.
Jetzt gönnen Sie sich ein Zwischenjahr, um sich optimal auf die nächste Saison vorzubereiten.

Genau, jetzt kann ich alles viel besser verbinden. Am Morgen kann ich trainieren, am Mittag die Zeit mit Kollegen verbringen, und dann am Abend nochmals ins Training. Jetzt kommt nichts mehr zu kurz.

Sie trainieren fünf Mal pro Woche, haben aber als junge Frau sicher noch ganz andere Bedürfnisse. Fällt es Ihnen nie schwer, sich zu motivieren?

Natürlich gibt es Zeiten, in denen es mir schwerfällt, mich fürs Training aufzuraffen. Dann kneife ich mich und gebe Vollgas an der Wand, damit ich mehr Zeit habe, mit meinen Kollegen etwas zu machen. Ich geniesse es sehr, mich auch mit Leuten zu treffen, die nichts mit dem Klettern am Hut haben. Da kann ich Gespräche führen, die sich um alles andere, nur nicht ums Klettern drehen.

Gibt es nebst den sportlichen Wettkämpfen auch private Kletter-Projekte, die Ihnen vorschweben? Beispielsweise die Eigernordwand bezwingen?

Ich bin nicht so alpinistisch eingestellt. Ich gehe zwar ab und zu draussen klettern, aber dann nur auf eine Seillänge in Klettergärten. Für ganz verrückte Sachen bin ich bisher nicht zu haben. Noch nicht.

Was setzen Sie sich für Ziele für die nächste Saison?

Im nächsten Jahr ist die Europameisterschaft in Holland der wichtigste Anlass. Ich fokussiere mich auf Lead und Bouldern und strebe das Halbfinal an. Auch in anderen Wettkämpfen in einem Final zu stehen, wäre das Ziel.

Was ist die Halbwärtszeit eines kletternden Leistungssportlers?

Es gibt Leute, die klettern noch mit 30 Jahren an Wettkämpfen. Aber dann sind sie schon sehr alt. Für mich ist deshalb die Ausbildung zur Physiotherapeutin wichtig, damit ich nach dem Ende der Sportkarriere nicht ohne etwas dastehe.