Der Rangierbahnhof soll überdeckt oder noch besser ganz aus dem Limmattal entfernt und durch einen neuen Stadtteil ersetzt werden: Diese Forderung tragen viele Limmattalerinnen und Limmattaler mit. Das merkt jeder, der bereit ist, sich im lärmgeplagten Oetwil, in Spreitenbach oder in Dietikon umzuhören. Doch diese Stimmen erzielen ausserhalb des Limmattals nicht die erwünschte Wirkung. Jüngstes Beispiel dafür ist die Antwort des Zürcher Regierungsrats auf eine Anfrage der Limmattaler Kantonsräte Rochus Burtscher (SVP, Dietikon), Andreas Geistlich (FDP, Schlieren) und Josef Wiederkehr (CVP, Dietikon). «Es besteht keine Veranlassung, eine alternative Nutzungsmöglichkeit für das Areal des Rangierbahnhofs ins Auge zu fassen», heisst es im fünfseitigen Schreiben, das innerhalb der Baudirektion erarbeitet und dann vom Regierungsrat abgesegnet wurde. Auf kantonale Hilfe beim Kampf gegen den Rangierlärm kann das Limmattal also nicht zählen.

Kantonsrat Wiederkehr ärgert sich. «Unsere Anfrage wurde nicht ernst genommen. Das ist ein Affront gegenüber der Bevölkerung», sagt er. Seine Unzufriedenheit hat er dem Baudirektor Markus Kägi (SVP) bereits persönlich mitgeteilt. Dabei wird er es nicht belassen. «Wir müssen dafür sorgen, dass die Zuständigkeit für die Rangierbahnhof-Problematik beim Kanton höher angesiedelt wird und so die nötige Beachtung erhält», sagt Wiederkehr. Weitere politische Vorstösse zum Thema werden folgen, verspricht Wiederkehr.

Auf dem Weg zum Zehnjahreshoch

Was der Regierungsrat nicht geschrieben hat, macht jetzt die Limmattaler Zeitung publik: Der Lärm vom Rangierbahnhof nimmt wieder zu, seit die Rangierbahnhöfe Däniken und Zürich Mülligen auf das Jahr 2017 hin aufgelöst wurden. «Es werden seit diesem Jahr jeden Tag rund 500 Wagen zusätzlich rangiert», sagt ein SBB-Sprecher. Im Sommer nannten die SBB noch keinen Zwischenstand für das laufende Jahr. Rechnet man die jetzt vorliegende Zahl hoch, ergeben sich 182'500 zusätzlich rangierte Wagen für das ganze Jahr 2017.

Sollten die anderen für die Rangierzahlen wichtigen Faktoren wie zum Beispiel die Konjunkturlage gleich bleiben, hiesse das, dass die Anzahl rangierter Wagen von rund 474'500 im Jahr 2016 auf 657'000 im laufenden Jahr zunehmen würde. Das entspricht einem Zehnjahreshoch.

Doch der Regierungsrat schreibt, dass die Zahl der rangierten Wagen seit 2013 «weiter abgenommen» habe. Bis zur Auflösung der Rangierbahnhöfe Däniken und Zürich Mülligen mag diese Information gestimmt haben. Angesichts der neusten SBB-Zahlen ist sie aber veraltet. Die SBB-Zahlen basieren gemäss Aussagen des SBB-Sprechers auf Durchschnittsdaten des laufenden Jahres.

Trotz der neuen Zahl von hochgerechnet über 650'000 rangierten Wagen ist man auch 2017 weit davon entfernt, die Maximalkapazität von rund 1,9 Millionen Wagen jährlich auszunutzen, für die der Rangierbahnhof Ende der 1970er-Jahre eigentlich gebaut wurde. Die Auslastung beträgt neu rund 35 Prozent. Damit ist der Rangierbahnhof Limmattal, diese zentrale Drehscheibe für den Schweizer Binnengüterverkehr, nach wie vor überdimensioniert.

Parallelen zum Gebiet Silbern

Die Antwort des Regierungsrats auf die Anfrage von Limmattaler Kantonsräten lässt zudem Fragen offen. Ob und welche Chancen ein neuer Stadtteil auf dem Rangierbahnhof-Areal zum Beispiel auch für Arbeitsplätze, Wohnraum und Steuereinnahmen bieten könnte, liess der Regierungsrat nicht abklären. Stattdessen lässt er darauf hinweisen, dass in Dietikon bereits zahlreiche andere Areale neu überbaut wurden oder noch werden. So etwa das Entwicklungsareal Niderfeld. Weiter heisst es: «Es ist zu erwarten, dass der Gestaltungsplan Silbern-Lerzen-Stierenmatt demnächst mit einigen Anpassungen neu festgesetzt werden kann.» Kantonsrat Josef Wiederkehr wählt dazu klare Worte: «Es ist höchst zynisch, im Zusammenhang mit der Planung der Zukunft des Rangierbahnhofareals das Gebiet Silbern als positives Beispiel herauszustreichen.» Denn gerade das Gebiet Silbern zeige, was passiert, wenn der Kanton seine Hausaufgaben bei einer Gebietsplanung nicht mache. Man denke an die Moorschutzverordnung, die beim Kanton jahrelang vergessen ging. Der laufende Kampf um die Moorschutzverordnung ist es, der seit Jahren den Gestaltungsplan und damit die wirtschaftliche Entwicklung behindert.

Nochmals will Wiederkehr so etwas wie in der Silbern nicht erleben. «Uns ist klar, dass der Rangierbahnhof nicht von heute auf morgen entfernt werden kann. Aber heute muss die Planung für übermorgen beginnen. Schliesslich werden Planungsprozesse immer komplizierter und langwieriger», sagt er.

Der Regierungsrat weist weiter darauf hin, dass er sich positiv zum neuen Güterschienentransportkonzept des Bundes geäussert hatte, zu dem derzeit die Vernehmlassung läuft. Das ist die Vernehmlassung, in der das Limmattaler Komitee «Gateway: so nicht!» in Bern die Aufhebung des Rangierbahnhofs Limmattal gefordert hatte. Der Zürcher Regierungsrat stellt sich stattdessen hinter das Konzept, das Bundesamt für Verkehr und die SBB.

Inzwischen läuft eine weitere Vernehmlassung des Bundesamts für Verkehr: jene zum Bahnnetz-Ausbauschritt 2030/2035, in dem der Bund eine «geringfügige» Steigerung der
Trasseekapazität für den Güterverkehr zwischen dem Limmattal und der Nord- und Ostschweiz vorsieht. Das sei «zu zurückhaltend», monieren die SBB. Vielmehr sei eine «beträchtliche» Steigerung möglich – und dies ohne neue Infrastruktur und ohne Einschränkung des Personenverkehrs, sondern dank einer Systematisierung des Fahrplans. Der Bund rechnet mit einem Anstieg der Nachfrage im Schienengüterverkehr bis 2040 um 45 Prozent.