Dietikon
Projekt im Kindergarten Luberzen: Wenn das Spielzeug in den Ferien ist

Ein Projekt im Dietiker Kindergarten Luberzen soll die Kommunikationsfähigkeiten stärken. Alle zwei Jahre werden die Spielsachen in die Ferien geschickt. Einzig die eigene Fantasie ist für die Kinder zum Spielen da.

Liana Soliman
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Samuel (5) freut sich über die improvisierte, steile Rutschbahn im Chindsgi.
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Die Idee der Rutschbahn wird weiterentwickelt. Fast alle packen an, um eine grössere Konstruktion zu bauen.
Kindergarten ohne Spielsachen

Samuel (5) freut sich über die improvisierte, steile Rutschbahn im Chindsgi.

Liana Soliman

«Wenn mir langweilig ist, suche ich einfach eine andere Beschäftigung», erklärt der fünfjährige Nils achselzuckend. Er dreht sich um und hüpft zu einer Kiste, in der bunte Tücher sind. Seit Ende Februar stossen er und seine Kameraden jeden Morgen auf einen Kindergarten ohne Spielzeug. Einzig Tische, Stühle, Schränke, Kisten, Seile, Tücher, Wäscheklammern und die eigene Fantasie sind zum Spielen da. Die Kinder selbst haben die Spielsachen «in die Ferien» geschickt, sagt die Kindergartenlehrerin Nadja Herzig. Denn der Kindergarten Luberzen in Dietikon führt das Projekt «Spielzeugfreier Kindergarten» von der Suchtpräventionsstelle der Bezirke Affoltern und Dietikon alle zwei Jahre durch.

«Kinder sind ständig einer Reizüberflutung ausgesetzt. Durch das Projekt lernen sie, ihre eigene Kreativität einzusetzen», sagt Herzig. Was hat das mit Suchtprävention zu tun? Die Idee des Projekts sei es, die Schutzfaktoren der Kleinen zu stärken. So sollen die Kindergärtner lernen mit Langeweile umzugehen, also ihre Frustrationstoleranz zu erhöhen. Sie seien ohne Spielsachen auf sich selbst gestellt und müssten so mit jeder Situation klarkommen. «Wenn mir etwas nicht passt, kann ich nicht einfach den Spielort wechseln. Streit kann nicht vermieden werden», sagt Herzig. Die Kinder würden so lernen zu kommunizieren, anstatt sich zurückzuziehen, sagt Herzig. Es gebe deshalb deutlich weniger Konflikte.

«Sonst können wir das nicht»

Es ist erst kurz nach neun Uhr. Nichts ist mehr an Ort und Stelle. Ein paar Jungen haben sich eine grosse Decke über den Kopf gezogen. Sie imitieren Geister und wandeln durch den Raum. Eine Gruppe klettert in die gebaute Höhle aus Stühlen. Ein Mädchen spielt in Gedanken versunken mit einem Tuch. Ein Junge wirft sich mit Schwung auf eine dünne Matte und bleibt liegen. «Schau mal, das ist ein Krokodil», sagt ein anderer. Mit Daumen und Zeigefinger öffnet und schliesst er eine eng gezackte Wäscheklammer. «Wir spielen manchmal Doktor, Mami und Papi, Fangen oder Versteckus», sagt Tara. Spielen scheint den Kindern auch ohne fertige Spielzeuge Spass zu machen. Samuel sieht noch einen weiteren Vorteil am Projekt: «Jetzt können wir Znüni essen, wann wir wollen. Sonst können wir das nicht.» Die Fünf- und Sechsjährigen müssen während des Projekts ihren Tag selber gestalten, sagt Herzig.

Der Raum ist mit Gelächter, Gekreische und aufgeregten Stimmen erfüllt. Alles ist in Bewegung. Plötzlich hört man ein helles Klingeln. Innerhalb weniger Sekunden haben sich alle Kinder an einem Ort versammelt und knien auf dem Boden. «Es ist mir zu laut», sagt Firat. Er sitzt auf dem Stuhl neben dem Lehrerpult und hält eine Klingel in der Hand. «Der Stuhl und die Klingel sind da, wenn jemand den anderen etwas mitteilen möchte», sagt Herzig. Nicht lange und die Kinder einigen sich, ein wenig ruhiger zu spielen und bald draussen Pause zu machen. Das Spielen geht weiter.

Auf eigene Faust entdecken

Für Herzig ist es nicht einfach, wenn bei den Kindern eine Phase der Langeweile eintritt. «Ich muss mich dann an den Tisch klammern und darf nichts machen. Meine Rolle ist in diesem Projekt nicht mehr die der Animatorin.» Sie stehe im Hintergrund, beobachte und greife nur ein, wenn die Sicherheit der Kinder gefährdet sei. Dies komme aber selten vor. Es breche eigentlich kein Chaos aus. Das würden die Kleinen selber merken. «Es ist jetzt einfach lauter als sonst, weil die Kinder mehr miteinander kommunizieren», sagt Herzig. Alle gewohnten Regeln würden aber immer noch gelten. Wer andere schlägt oder im Kindergarten rennt, muss für zwei Minuten auf einem sogenannten Time-out-Stuhl verharren.

«Es ist spannend zu beobachten, wie neue Freundschaften entstehen, wie Schüchterne plötzlich aus sich herauskommen und wie die Kinder auf eigene Initiative neue Dinge entdecken», sagt Herzig. In der Zwischenzeit hat eine kleine Gruppe zwei Sitzbänke an unterschiedlich hohe Tische gelehnt. «Wenn die Rutschbahn steil ist, rutscht man schneller», erklärt Samuel. Er klettert auf den Tisch. Es ist eine steile Abfahrt mit harter Landung. Die Idee der Rutschbahn wird nun weiterentwickelt. Fast alle packen an, um eine grössere Konstruktion zu bauen. «Die Kinder bleiben viel länger an einem Spiel und neue Ideen werden entwickelt», hat Herzig beobachtet.

Es gilt ein Zweijahresrhythmus

Für die Kindergartenlehrerin ist das Projekt nichts Neues. Sie kenne es schon seit 20 Jahren. Durchgeführt wird es bei ihr jedoch nur alle zwei Jahre, sodass jedes Kind beim Projekt für zwei Monate mitmacht: «Ich möchte, dass die Kinder immer etwas Neues erleben und nicht zwei Mal dasselbe machen.» Der spielzeugfreie Kindergarten sei eine Bereicherung: Die Kinder seien sozialer geworden und hätten die Stärken des Gegenübers kennengelernt und begonnen, diese aneinander wertzuschätzen.

Auch die Schulleiterin Andrea Kengelbacher zeigt sich begeistert: «Kinder lernen, mit Langeweile umzugehen. Zudem werden ihre Kommunikationsfähigkeiten stark gefördert.» Man merke den Unterschied zu Tagen mit Spielzeug deutlich.