Weiningen
Primarlehrerin geht quer durch das irische Schulsystem

Primarlehrerin Grit Barandun hat drei Wochen in Dublin an einer irischen Schuzle unterrichtet. Dabei hat sie viele, mitunter ambivalente Eindrücke gewonnen, die sie nun freudig der Öffentlichkeit mitteilt.

Sandro Zimmerli
Drucken
Teilen
So sehen die Schulen in Dublin aus
3 Bilder
Die Klassenzimmer unterscheiden sich nicht wesentlich von jenen in der Schweiz
Das Schulhaus steht am Stadtrand von Dublin in einer ärmlichen Gegend

So sehen die Schulen in Dublin aus

Sandro Zimmerli

Beim Überqueren einer Strasse in Dublin ist es ratsam, zuerst nach rechts zu schauen und nicht wie bei uns nach links. Doch das Verkehrsregime ist nicht der einzige Unterschied zwischen Irland und der Schweiz. Auch das Schulsystem der beiden Länder unterscheidet sich in gewissen Bereichen stark voneinander.

Davon konnte sich Grit Barandun aus erster Hand ein Bild machen. Die Weininger Primarlehrerin unterrichtete während dreier Wochen an einer Dubliner Schule. Nach Sprachkompetenzkursen und Didaktikseminaren markierte der Aufenthalt in Irlands Hauptstadt den Abschluss ihrer zweijährigen Ausbildung zur Englischlehrerin an Primarschulen.
Den Weg auf die Grüne Insel schlug Barandun ein, weil sie als Studentin in einem Irish-Pub gejobbt hatte und «deshalb eine Affinität zu diesem Land» hat. Die Reise sollte sich lohnen, nicht nur, «weil alle Leute freundlich und hilfsbereit waren», sondern auch der vielen, mitunter ambivalenten Eindrücke wegen. Und diese haben viel mit den Eigenheiten des irischen Schulsystems und der Lage des Schulhauses zu tun.
In den Gängen wird nicht gerannt
«Die Trägerschaft vieler irischer Schulen ist die Kirche. Dort gilt Geschlechtertrennung», sagt Barandun. Sie habe in einer Knabenschule unterrichtet. Allerdings befinde sich die Mädchenschule direkt daneben. Zudem trage man in Irland eine Schuluniform. Die Kleidung sei optischer Ausdruck grosser Diszipliniertheit, hat Barandun festgestellt. «Die Schüler müssen aufstehen, wenn der Lehrer das Zimmer betritt. Beim Verlassen des Schulhauses wird in Zweierreihen eingestanden, in den Gängen wird niemals gerannt, erst auf dem Pausenhof», so Barandun. Die Aufforderung, einer Lehrperson nicht zu folgen, sei gar nicht ratsam.
Sie habe sich gefragt, ob eine solche Organisation auch in der Schweiz wünschenswert ist. «Manchmal wäre es schön, wenn einem die Schüler nicht widersprechen. Auf der anderen Seite will ich die Kinder dazu erziehen, gewisse Dinge zu hinterfragen, auch wenn das bedeutet, dass manchmal meine Anweisungen erst diskutiert werden müssen», sagt Barandun. Eine Eigenheit der Schule sei es zudem, dass wöchentlich eine Vollversammlung stattfinde. «Dort werden herausragende Leistungen gewürdigt. Im irischen Schulsystem wird viel mehr öffentlich gelobt als bei uns», erklärt sie.
Bei all diesen Unterschieden hat Grit Barandun aber auch viele Gemeinsamkeiten zwischen Irland und der Schweiz entdeckt. «Die Unterrichtsform mit einem Wechsel aus Frontalunterricht und Gruppenarbeiten unterscheidet sich kaum», hält sie fest. Auch die Klassengrössen seien vergleichbar, zumindest an jener Schule, an der sie unterrichtet habe. Das habe mit der speziellen Lage des Schulhauses zu tun. «Es steht am Stadtrand von Dublin, in einer sehr unterprivilegierten Gegend. Viele Kinder werden nur von einem Elternteil grossgezogen. Die Arbeitslosenrate ist hoch, die Drogenproblematik gross», so Barandun. Bei drei Schülern sei ein Elternteil bei Gang-Auseinandersetzungen getötet worden.
Staatlich bezahltes Lunchpaket
Auch hier zeigt sich eine gewisse Ambivalenz, sagt Barandun: «Da die Gegend unterprivilegiert ist, kommt die Schule in den Genuss eines Förderprogramms. Die Klassenzimmer sind modern eingerichtet.» Das Lehrerteam sei sehr engagiert, die Fluktuation relativ gering, weil man gute Arbeitsbedingungen vorfinde. Die Lage der Schule bringe es überdies mit sich, dass die Schüler am Mittag in der Schule blieben und ein staatlich bezahltes Lunchpaket erhielten. «So will man sicherstellen, dass die Kinder zumindest einmal am Tag eine ausgewogene Mahlzeit zu sich nehmen», so Barandun. Auch diese Massnahme habe aber eine zweite Seite. Denn dadurch entbinde man die Eltern von einer Pflicht.
Baranduns Pflicht während des Aufenthaltes war es, vor Ort den Umgang mit der Sprache kennen zu lernen und zu praktizieren. «In den ersten zwei Wochen habe ich mir die Sätze immer auf Deutsch überlegt und dann übersetzt. Erst in der dritten Woche habe ich diesen Zwischenschritt ausgelassen», so Barandun. Am eindrücklichsten vor Augen geführt wurde ihr das Erlernen einer Fremdsprache jedoch bei einer anderen Gelegenheit. «Die Schüler lernen als erste Fremdsprache auch die irische Sprache. Dort habe ich erfahren, wie sich ein Schüler fühlt, der eine neue Sprache von Grund auf erlernen muss.»