Sommerserie
Polo ist in der Agglo weniger nobel

Luxuriöse Sommerstoffe an schönen Körpern, Sonnenbrillen auf zarten Nasen, prickelnder Champagner in Kristallgläsern. So stellt man sich die Polo-Szene vor. Doch der Schein trügt.

Nicole Emmenegger
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 Beim Poloclub Limmattal sitzen nicht nur Millionäre im Sattel.
 Der einzige Club in der Schweiz, der Mietpferde anbietet.

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Limmattaler Zeitung

Luxuriöse Sommerstoffe an schönen Körpern, Sonnenbrillen auf zarten Nasen, prickelnder Champagner in Kristallgläsern und auf dem Spielfeld die Multimillionäre auf ihren Polo-Ponys. So stellt sich die Besucherin die sie erwartende Szene vor, als sie an jenem Dienstagabend beim Poloclub Limmattal im Reitzentrum Dietikon vorfährt. Die Klischees scheinen sich zu bestätigen. Zwei Herren in blütenweissen Reithosen unterhalten sich vor dem Clubhaus auf Englisch über bevorstehende «business trips», «morning flights» und über einen verlorenen «passport».

Ein dritter Herr stösst dazu: rotes Polohemd mit aufgesticktem Namen auf dem Hemdkragen. Freundlich stellt er sich der Besucherin als Riccardo vor und erklärt: Die normalen Spielfelder, auf denen er etwa in Argentinien gespielt habe, seien siebenmal so gross wie ein Fussballfeld - und somit wesentlich grösser als dasjenige in Dietikon. Zwei schwarz gekleidete Angestellte des Reitzentrums führen Pferde mit rot bandagierten Beinen und eingebundenen Schweifen herbei. Die Tiere tragen wohlklingende Namen wie Paulita, Adrenalina, Fabiana, Carolina und stammen aus argentinischen Criollo-Zuchten. Eine ruhige aber äusserst zähe und leistungsfähige Rasse.

Galopp und Güterzüge

Dann geht das rund dreissigminütige Spiel auf dem grünen Rasen los: Zwei Teams mit je drei Spielern versuchen, hoch zu Ross einen Plastikball mit ihren langen Holzschlägern ins gegnerische Tor zu befördern. «Polo bietet Action und fordert Teamgeist, Spielstrategie und Verständnis für die komplizierten Regeln. Und nicht zuletzt müssen wir im Sattel bleiben», schwärmt einer der Spieler, der sich in der Pause als Peter vorstellt. Das Schnauben der galoppierenden Pferde, die Rufe der Spieler und das helle «Tock» der Schläge vermischen sich mit dem Lärm der nahen Güterzüge und der Flugzeuge am Himmel.

Die Limmattaler Szenerie rund um das Spielfeld will so gar nicht mit den Klischees harmonieren: SBB-Fahrleitungen und Wohnblöcke statt Villen und malerische Landschaften zeichnen sich in der Ferne ab. Von Damen in Designergewändern und mit grossen Sommerhüten ist an jenem Trainingsabend nichts zu sehen. Auch Gespräche mit den Spielern in der Pause und nach dem Training lassen das Bild vom versnobten Poloclub zerbröckeln. Den grossen Glamour habe man in Dietikon zwischen 1987 und 1993 erlebt, erzählt der Urdorfer Unternehmer und Clubpräsident Riccardo Navetta. Damals habe der Zürich Polo Club hier residiert, mit prominenten Spielern wie der Jetsetterin Vera Dillier, Wirtschaftsanwalt Thomas Rinderknecht oder dem ehemaligen Taxi-Unternehmer Werner Meier. Seit deren Wegzug nach Hombrechtikon herrscht in Dietikon der weniger exklusive Stil des vor 20 Jahren gegründeten Poloclubs Limmattal vor: Als einziger Schweizer Club bietet er zehn Mietpferde für Polospieler an. «Auch die Jungen sollten sich diesen Sport leisten können», begründet Navetta dieses System.

Zwar haben auch die Mietpferde ihren Preis - eine Stunde Training im Team kostet rund 160 Franken - sie sind aber wesentlich günstiger als eigene Pferde, von denen ein Polospieler für ein Turnierspiel mindestens zwei für die vorgeschriebenen Wechsel benötigt (siehe Infobox).
Weniger Geld als in der Szene üblich geben die 16 Mitglieder des Poloclubs Limmattal auch deshalb aus, weil sie ganz auf ihre eigenen sportlichen Fähigkeiten setzen - und für ihr Team keine Profispieler aus Argentinien einkaufen. «Es gab in der Geschichte der Schweiz nie Söldner und wir brauchen auch heute keine», scherzt Reitzentrum-Besitzer Hansueli Balsiger in breitem Berndeutsch. Auch ohne Söldner hat der Poloclub aus Dietikon in den 90er-Jahren zwei Schweizermeister-Titel geholt und bestreiten noch heute Turniere im Ausland, vor allem in Deutschland. An grossen internationalen Turnieren wie dem St. Moritz Polo World Cup gehören die Limmattaler allerdings nur zu den Zuschauern. «Wenn ich eines Tages den ‹Euromillions›-Jackpot knacke, spiele ich vielleicht mit», sagt Riccardo Navetta und lacht. Das «Champagner-Ding» entspreche ohnehin nicht dem Stil seines Clubs. Das nimmt man ihm ab, wenn man nach dem Training im Clubhaus sitzt: viel Holz, massives Mobiliar und ein Selecta-Kaffeeautomat sind dort zu sehen.

Pferde dienen auch der Reitschule

Die vielen ausgestellten Pokale und Wimpel im Raum weisen darauf hin, dass hier die Freude am Sport im Vordergrund steht. Dreimal pro Woche bietet der Club ein Training an, von März bis November. Bei nassem Wetter wird in der Halle gespielt oder auch bloss geritten, damit die Pferdehufe den Rasenplatz nicht umpflügen. «Unsere Trainingssaison dauert viel länger als in anderen Clubs», sagt Balsiger. Eine weitere Eigenart des Poloclubs Limmattal: Seine Pferde verdingen ihr Futter nicht bloss mit ein paar Minuten Galopp auf dem Spielfeld, sie dienen auch als Reitschulpferde. «Die Pferde sind viel ausgeglichener und besser trainiert, wenn sie das ganze Jahr über mit den Kindern ausreiten», so Balsigers Ehefrau Renate. Von ihrem Glück, zu einem nicht ganz so luxuriösen Poloclub zu gehören, wissen die Tiere nichts. Sie stehen im Stall, lassen sich abduschen und vom Schweissfilm befreien, der sich auf ihrem Fell gebildet hat.