70 Meter über dem Limmatfeld ist der Boden unter meinen Füssen immer noch erstaunlich fest. Und warm. Das helle Eichenparkett in der Wohnung im 23. Stock des Limmat Towers ist mit Bodenheizung ausgestattet, doch das fällt mir an diesem Abend erst viel später auf. Auch die schlichte, aber stilvolle Einrichtung nehme ich zuerst nur mit einem halben Auge wahr. Wie wohl die meisten, die zum ersten Mal eine Wohnung in den oberen Geschossen des 80 Meter hohen Turms in Dietikon betreten, zieht es mich an die Fensterfronten, die die Wohnung wie ein Band umspannen.

Eine Nacht im Limmat Tower - was für eine Aussicht!

Unter mir breitet sich die Stadt aus, zu meiner Linken die Fahrweid, geradeaus die Limmat und der Golfplatz, etwas weiter weg Schlieren, Urdorf, der Üetliberg, die Felsenegg. Die Häuser und Siedlungen zu meinen Füssen stehen da wie Monopoly-Häuschen; ich bin fast enttäuscht, dass ich sie von hier oben nicht herumschieben und neu positionieren kann.

In der Ferne glitzern schon die Lichter der Stadt Zürich, aus dem Siedlungsbrei guckt der Prime Tower hervor; der grosse Bruder des Turms, in dem ich mich befinde, erscheint von hier aus wie ein winziges Bauklötzchen. Auch den aus der Nähe betrachtet imposanten Turm, der aus dem Bruno-Weber-Park herausragt, übersehe ich von hier aus fast. Und, halt: Sind das die Alpen da hinten? Ja, sie sind es, die hinter der Albiskette mit ihren weissen Zacken den Horizont durchbrechen.

Der Limmat Tower in Zahlen

Natalie Kramer wartet geduldig, bis sich bei mir der erste Schwindel gelegt hat. Die Mitarbeiterin des Zürcher Architekturbüros Huggenbergerfries, das den Limmat Tower entworfen hat, zählt seit einigen Tagen ein neues Aufgabenfeld zu ihrem Jobprofil: Sie wickelt den Empfang von Gästen ab, die sich für 250 Franken pro Nacht (dazu kommt eine Reinigungspauschale von 150 Franken) einen Aufenthalt in solch luftigen Höhen im Limmattal gönnen.

Das Architektentrio Adrian Berger, Erika Fries und Lukas Huggenberger hat hier in «seinem Turm» eine Wohnung mit der begehrten Süd-Ost-Ausrichtung erstanden, die sie nun als Ferienwohnung vermieten. Ich bin der erste Gast, der in dieser Wohnung mit dem atemberaubenden Ausblick übernachtet.

Druckausgleich im Hightech-Lift

In der Lobby, die man nach einem Gang entlang goldenen Briefkästen und hinterleuchteten Onyxwänden erreicht, wuseln die Arbeiter herum, die zurzeit noch letzte Baumängel beheben. Ein älteres Paar grüsst überaus freundlich; man ist neugierig auf die fast täglich reintröpfelnden neuen Nachbarn; das gemeinsame Wagnis Wohnen im Hochhaus mitten im Zentrum der Agglomeration scheint zu verbinden.

An den Spanplattenverkleidungen, die zurzeit noch das glänzende Innere des Hightech-Lifts verhüllen, hängen Einladungen zu einer privaten Haus-Facebook-Gruppe. Auch Architektin Erika Fries zeigt sich am Telefon begeistert über den Optimismus, den man hier in den Hallen spüre.

Eine Frauenstimme weist uns einer Liftnummer zu, nachdem wir das Zielstockwerk auf dem Touchscreen eingegeben haben. Mit 6,5 Metern pro Sekunde sausen wir den Liftschacht hoch, in den Ohren poppt es leicht – der Druckausgleich. Beim Hinunterfahren ist der Effekt stärker, werde ich später merken.

Der Turm füllt sich mit Leben

Vor gut zwei Monaten wurden die meisten der 98 Eigentumswohnungen im Limmat Tower bezugsbereit; die 34 Mietwohnungen im angehängten Sockelbau waren schon etwas früher fertig. Nur die acht Penthouses, die sich über die obersten zwei Stöcke und eine private Dachterrasse erstrecken, sind noch in Arbeit. Die Wohnungen kommen bisher gut weg. Bei der mit der Vermarktung betrauten Halter AG sind im ganzen Komplex nur noch 3 Eigentums- und
2 Mietwohnungen zu haben.

Von den Eigentumswohnungen sind zurzeit zwar noch rund weitere 15 auf Mietportalen aufzufinden. Sie wurden von Privaten als Investitionsobjekte zur Weitervermietung gekauft – auf der Plattform Homegate etwa findet man verschiedene Angebote für 2600 bis 4500 Franken Mietzins.

Auch in der Nacht eine Augenweide: Blick vom Limmat Tower in Richtung Zürich.

Auch in der Nacht eine Augenweide: Blick vom Limmat Tower in Richtung Zürich.

Wie Nik Grubenmann von der Halter AG sagt, seien überdurchschnittlich viele Wohnungen mit dieser Absicht gekauft worden: rund 30 Stück, und damit gerade etwa doppelt so viele, wie Halter erwartet hätte. Für sie sei dieser Umstand «erfreulich», sagt Grubenmann: «Er zeigt, dass viele Leute daran glauben, dass eine Wohnung im Limmat Tower eine sinnvolle Investition ist.» Er geht davon aus, dass auch die 15 noch ausgeschriebenen Wohnungen schnell weg vom Markt sein werden.

Nun kann also auch ich, die nicht über einen Bruchteil der nötigen Batzeli für eine der zwischen 650 000 und 2,4 Millionen Franken teuren Eigentumswohnungen verfügt, das Wohnen im Luxusturm ausprobieren. Ich verdanke es der Mühe des Architekturbüros, nach vollendeter Planung ihren Prestigebau ganz loszulassen. «Der Limmat Tower ist ein sehr wichtiges Projekt für uns», sagt Partnerin Erika Fries; es ist das erste Hochhaus, das aus der Feder des im Jahr 2000 gegründeten Büros stammt. Denn im Gegensatz zu den meisten ihrer bisherigen Grossprojekte, viele davon öffentliche Bauten, drohte ihnen der Zugang zum Tower mit der Fertigstellung zu entgleiten.

Nur schon, um künftigen Auftraggebern ein Bild ihres Schaffens vermitteln zu können, war es den Architekten wichtig, einen Fuss in der Türe zu behalten. Zudem würden sie selbst gerne Zeit in speziellen Wohnungen verbringen, etwa über die Plattform Urlaubsarchitektur. Dass der Markt für diese Art von Übernachtungen wächst, zeigt auch der kometenhafte Aufstieg der Ferienwohnungsplattform Airbnb.

Kostenpunkt: Rund eine Million

So haben sich die drei Partner entschieden, im 23. Stock eine Wohnung zu kaufen und sie an den Tagen, an denen sie sie selbst nicht brauchen, zu vermieten. Seit kurzem ist die Website der Wohnung aufgeschaltet, auch auf Airbnb ist sie seit wenigen Tagen verfügbar – und seither kommen die Anfragen kontinuierlich rein, so Fries. Die Architekten erstanden die von ihnen entworfene Wohnung zum Marktpreis: Rund eine Million Franken bezahlten sie für die knapp hundert Quadratmeter grosse 3,5-Zimmer-Wohnung.

Die Einrichtung, die die drei Architekten selbst ausgewählt haben, ist schlicht und stilsicher, die Ausstattung umfassend. In den beiden Badezimmern stehen Edelseifen und -shampoos bereit, hinter beigen Küchenschränken stapeln sich Geschirr, Kochtöpfe, Lebensmittel – alles, was man zum Kochen und Leben halt so braucht. Im Kühlschrank warten Prosecco und Bierflaschen, ein iPad bespielt Wohn- und Schlafzimmer mit einer gut bestückten Musikbibliothek.

Visualisierung einer Eigentumswohnung im Limmat-Tower

Visualisierung einer Eigentumswohnung im Limmat-Tower

Die Wohnung soll aber explizit «nicht als Partylokal» genutzt werden. «Erlaubt ist gemütliches Beisammensein ohne Lärmemission», steht in den Hausregeln, die zusammen mit Wissenswertem zum Bauwerk, der Region, Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten in einem Mäppli aufliegen. «Es geht ums Erlebnis Wohnen im Hochhaus», erklärt Erika Fries.

Doch wer ist überhaupt das Zielpublikum für diese Wohnung mitten in der Zürcher Agglomeration, die als Arbeits- und Wohnort immer beliebter wird, als Feriendestination aber, sagen wir mal, eher weniger bekannt ist? Primär richte sich das Angebot an «urbane Gäste, für die Dietikon noch zum Stadtraum Zürich zählt», sagt Erika Fries; aber auch an Architekturliebhaber oder Geschäftsreisende, die in der Region zu tun haben.

Mittlerweile ist die Nacht über dem Limmattal hereingebrochen. Im Bezirksgefängnis, das diese Woche Schlagzeilen geschrieben hat, sind die Lichter nun erloschen; dafür strahlt das Bahnhofsgebiet umso kräftiger in der Dunkelheit. Der Golfplatz und der Hardwald, wo die Stadt Zürich früher ihren Abfall abgeladen hat, sind zu grossen dunklen Löchern im Lichtermeer geworden.

In der Distanz zieht sich die Autobahn wie eine leuchtende Perlenkette durch die Landschaft, unter mir kriechen Passagier- und Güterzüge am Bahnhof Dietikon vorbei, in einer Herrgottsruhe, hat man von hier oben das Gefühl. Auch dank Fenstern, die den Lärm von draussen wegsperren – nur in die Loggia, wo sich die ganze Fensterfront öffnen lässt, dringt an diesem Abend der altbekannte Soundtrack des Limmattals ein: Motorenrauschen, Schienengequietsche und, leiser, das Gurgeln des Flusses.

Die Wärme kommt von nebenan

Sonst vernimmt man in der Wohnung nur das leise Surren der Gebäudetechnologie. Diese liefert unter anderem die Schlieremer Firma Digitalstrom; sie erlaubt eine zentrale Steuerung diverser Elektronikelemente. Auch die Wärmeversorgung stammt aus lokaler Quelle: Die Abwärme liefert die Dietiker Abwasserreinigungsanlage nebenan.

«Der Limmat Tower ist ein Landmark für die nachhaltige Urbanisierung des Limmattals», schreiben die Architekten von Huggenbergerfries über ihr bisher grösstes Projekt. An wenigen Orten wird so eindrücklich sichtbar wie hier, wie diese Urbanisierung sich längst vom Thesenpapier in die Realität übersetzt hat – und das nicht erst seit der Fast-Fertigstellung des neuen Stadtteils Limmatfeld, dessen überragendstes Element der Limmat Tower ist. Schwebt man hoch über den Lichtern der Stadt, die sich so hartnäckig als Dorf verstehen will, sehe ich die städtebaulichen Zusammenhänge klarer, als ich es aus der gewohnten Perspektive da unten je konnte. «Plötzlich diese Übersicht», denke ich, im Hinterkopf den berühmten Werktitel des Schweizer Künstlerduos Fischli/Weiss, das auch in einem Atelier in Dietikon arbeitete.

Kürzer war der Arbeitsweg nie

Am nächsten Morgen wird die Schwärmerei jäh beendet. Ein letzter Blick auf die rauchenden Kamine der Limmattaler Industrie, die im Gegenlicht weiss strahlen, dann gehts an den kürzesten Arbeitsweg meines Lebens. Zurück im Verkehrslärm, vor nie grün werden wollenden Fussgängerampeln, macht sich die Ernüchterung breit. Die wundersamen Strukturen, derer ich da oben gewahr wurde, sind verschwunden; die Monopolyhäuschen sind wieder gewöhnliche Siedlungsfassaden. Das Leben hoch über dem Limmatfeld ist für mich vorbei. Schade.