Gefängnisausbruch
Pflichtverteidiger Urs Huber: "Ich bin wie eine Mauer für meine Mandantin"

Pflichtverteidiger Urs Huber musste bis vor Kurzem noch für seine Mandantin sprechen. Im TV überliess er nun ihr die Bühne, obwohl er ihr erst gerade geraten hat, sich zurückzuziehen.

Julia Gohl
Merken
Drucken
Teilen
Pflichtverteidiger Urs Huber erläutert im "Talk Täglich", mit welcher Strafe Angela Magdici rechnen muss.

Pflichtverteidiger Urs Huber erläutert im "Talk Täglich", mit welcher Strafe Angela Magdici rechnen muss.

Tele M1

Vor drei Wochen riet er seiner Mandantin noch, sich zurückzuziehen. Vor zwei Wochen sagte er, sie brauche vorerst Ruhe vor der Öffentlichkeit. Und nun sitzt er neben ihr, während sie relativ frei von ihrer Flucht, ihren Gedanken und ihrer Liebe zu Hassan Kiko erzählt. Urs Huber ist der Pflichtverteidiger von Angela Magdici und war beim Fernsehauftritt der wohl berühmtesten Gefängniswärterin der Schweiz bei Tele Züri dabei.

Die Entscheidung, im TV aufzutreten, haben Angela Magdici und ihr Pflichtverteidiger gemeinsam gefällt. "Es gingen so viele Interviewanfragen ein. Mit dem Auftritt wollten wir diese Situation etwas beruhigen", erläutert Urs Huber gegenüber der Nordwestschweiz. "Wir wollten meiner Mandantin aber auch ermöglichen, ihre Sicht und ihre Erfahrungen darzulegen."

Mit dem TV-Auftritt seien Angela Magdici und er zufrieden, sagt Urs Huber. "Wir haben viel positives Feedback erhalten", berichtet der Inhaber einer Anwaltskanzlei in Pfäffikon SZ. Seine Mandantin sei "authentisch und ehrlich" aufgetreten. Er selber hielt sich im Fernsehen am Montagabend eher zurück.

Bis zu Angela Magdicis Auftritt bei "Talk Täglich" war er es, der Medien gegenüber für die 33-Jährige sprechen musste, die den mutmasslichen Vergewaltiger Hassan Kiko am 9. Februar 2016 aus dem Gefängnis Limmattal befreit hatte und mit ihm nach Italien durchgebrannt war.

Eigene Kanzlei seit 15 Jahren

Urs Huber ist ein erfahrener Anwalt. Er machte 1993 sein juristisches Lizentiat an der Universität Zürich. Danach absolvierte er mehrere Praktika, unter anderem beim Verwaltungsgericht Schwyz. Seine Zulassung als Rechtsanwalt und Urkundsperson erhielt er 1996. Seit über 15 Jahren führt er seine eigene Anwaltskanzlei in Pfäffikon mit einer Zweitniederlassung an der Zürcher Bahnhofsstrasse. Die Kanzlei mit fünf Mitarbeitenden vetritt sowohl Unternehmen, als auch Private, öffentliche Gemeinwesen und Verbände unter anderem in den Bereichen Vertrags- und Gesellschaftsrecht, Strafrecht, Familien-, Scheidungs- und Erbrecht sowie Arbeitsrecht, Mietrecht, Ausländerrecht und internationales Recht.

Bei Tele Züri überliess Urs Huber nun seiner Mandantin die Bühne, äusserte sich nur zu rechtlichen Belangen und wenn er von Moderator Markus Gilli direkt angesprochen wurde. Dieser wollte von Urs Huber unter anderem wissen, welches das Hauptmotiv seiner Mandantin war. Für den 52-Jährigen völlig eindeutig: "Die starken Gefühle für Hassan Kiko." Dies sei etwas, das der Richter bei der Urteilsfindung allenfalls berücksichtigen könnte. Es sei allerdings kein Rechtfertigungsgrund. "Sie hat ein Delikt im Amt verübt", so die Einschätzung des Juristen. "Darauf stehen drei Jahre Freiheits- oder eine Geldstrafe. Sie muss eine bedingte Strafe von mehreren Monaten erwarten." Ausserdem kämen Ermittlungs-, Untersuchungs- und Gerichtskosten auf sie zu.

In den Kommentarspalten der verschiedenen Newsportale häufen sich die verärgerten Kommentare. Viele finden die Aussicht auf ein paar Monate bedingt eine zu lasche Strafe. Ärger, den der Pflichtverteidiger nachvollziehen kann? "Nein", sagt er. "Man muss eben die Gesetzeslage kennen."

Früher hätte Magdicis Tat noch als Verbrechen gegolten, doch heute sei es lediglich ein Vergehen. "Und man darf nicht vergessen: Sie hat ein Geständnis abgelegt, ist nicht vorbestraft und hat nach der Tat kein weiteres Delikt mehr begangen. Zudem weiss sie, dass sie einen Fehler gemacht hat und steht dafür gerade, wie auch das TV-Interview zeigt. Sie hat sich dort auch beim Gefängnis für ihre Tat entschuldigt."

"Eine sensible Angelegenheit"

Im Fersehen hielt Urs Huber fest, dass der Gefängnisausbruch auf keinen Fall ins Lächerliche gezogen werden sollte. "Das ist eine sensible Angelgenheit", betonte er. "Denn es geht hier schlussendlich um den Bevölkerungsschutz, um den reibungslosen Ablauf des Strafjustizsystems."

Magdici im Talk Täglich, 23.Mai 2016 Angela Magdici mit ihrem Verteidiger Urs Huber und Moderator Markus Gilli.
12 Bilder
Angela M. und Hassan K. - was bisher passierte In der Nacht auf Dienstag, 9. Februar, verhalf die Gefängniswärterin Angela M. (32) dem Häftling Hassan K. (27) zur Flucht aus dem Gefängnis Limmattal in Dietikon.
Sie schloss die Türen auf, während ihr Kollege auf Nachtschicht schlief. Und: Bald ist klar, dass Angela M. und Hassan K. ein Liebespaar sind.
Hassan K. kam 2010 in die Schweiz. Er wurde vom Bezirksgericht Dietikon wegen Vergewaltigung einer knapp 16-Jährigen zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig, weil er es an das Zürcher Obergericht weiterzieht.
Angela M. ist in Wohlen AG aufgewachsen, trainierte dort Kickboxen. Vor der Flucht lebte sie seit drei Monaten von ihrem Mann getrennt, den sie 2014 geheiratet hatte.
Nach ihrer Flucht wurde bekannt, dass sie mit einem Auto über die Grenze zu Italien geflüchtet waren. Es handelte sich um einen schwarzen BMW X1 mit dem Kennzeichen ZH 528 411.
Am 21. März tauchte eine Video-Botschaft vom M. und K. auf: Die ehemalige Gefängniswärterin entschuldigte sich darin bei ihrer Familie und beteuerte, Kiko sei «der Mann ihres Lebens».
Gott habe sie für seine Flucht gesandt: So äusserte sich Hassan K. im Video über Angela M. Er beteuerte, er sei zu unrecht verurteilt worden und beklagte sich über die Haftumstände.
Gefängnispaar: Hat es das Video verraten? Wochenlang fahndeten die Behörden nach Angela Magdici und Hassan Kiko. Dann veröffentlichen diese eine Videobotschaft – und gaben der Polizei damit entscheidende Hinweise.
In der Nacht auf Karfreitag, 25. März, klickten die Handschellen: Sie und er waren im Bett, als nachts um 3 Uhr Polizisten die Wohnung stürmten. Die Wohnung befand sich in einem Hochhaus in Romano di Lombardia (I), rund 100 Kilometer von der Schweizer Grenze und 60 Kilometer östlich von Mailand entfernt. Angela M. wehrte sich so sehr, dass vier Beamte nötig waren, um sie zu überwältigen.
Seither sitzen sie in einem italienischen Gefängnis. Gemäss ihres Anwalts haben sie ihrer Auslieferung in die Schweiz zugestimmt.
Nach 66 Tagen war Angela M. am Donnerstag, 14. April 2016, zurück in der Schweiz. Bis zur Urteilsverkündung sass sie in Untersuchungshaft. In Chiasso übernahmen Schweizer Polizisten Angela M.

Magdici im Talk Täglich, 23.Mai 2016 Angela Magdici mit ihrem Verteidiger Urs Huber und Moderator Markus Gilli.

Screenshot Tele Züri

Den Medienrummel um den Gefängnisausbruch trägt Urs Huber mit Fassung. "Ich bin dabei ein bisschen wie eine Mauer für meine Mandantin", sagt er. Er habe schon mehrere grosse Fälle betreut, sei dabei auch schon in den Medien aufgetreten, das Ausmass in diesem Fall sei allerdings auch für ihn eine neue Erfahrung. Probleme mache ihm das aber keine. "Ich habe ein dickes Fell", sagt er. Das sei auch nötig, da er hauptsächlich und gerne als Strafverteidiger tätig sei. "Da lehnt man diffizile Mandate nicht einfach ab."