Herr Weber, die Plattform du-bist-du liefert Tipps zum Coming-out bei Homosexualität und Transgender-Sein. Worin liegt der Unterschied?

Patrick Weber: Wir behandeln das Coming-out von Homosexuellen, Bisexuellen und von Transmenschen (LGBT-Menschen) gleichwertig. Da bei diesen Coming-outs teilweise unterschiedliche Herausforderungen im Vordergrund stehen, können wir mit einer Trennung besser auf diese eingehen und so Nähe zu den ratsuchenden Jugendlichen aufbauen.

Was für Herausforderungen meinen Sie?

Einer der Hauptunterschiede ist, dass ein Coming-out bei Transmenschen oft auch körperliche Veränderungen nach sich zieht. Auch können bei Transmenschen nach einem Coming-out verschiedene weitere Herausforderungen aufkommen wie beispielsweise die Änderung des Vornamens. Das Bewusstwerden der Homo-und Bisexualität findet heute zwischen 13 und 16 Jahren statt. Der Beginn des inneren Coming-outs bei Trans-Jugendlichen verteilt sich auf einen grösseren Zeithorizont. Der Zeitpunkt des Bewusstwerdens variiert zwischen unter 10 und über 20 Jahren und beginnt tendenziell etwas früher als bei Homo- oder Bisexuellen. Das erste äussere Coming-out erleben lesbische, schwule und bisexuelle Jugendliche durchschnittlich im Alter von 17 Jahren, Trans-Jugendliche durchschnittlich im Alter von 18,3 Jahren.

Du-bist-du liefert Informationen für Familie, Beruf und Militär. Warum wird Letzteres explizit erwähnt?

Das Militär ist für viele junge Menschen schon generell eine Herausforderung. Bei Schwulen kann dies aber zu einer zusätzlichen Belastung führen, selbst wenn sie den Coming-out-Prozess bereits hinter sich haben. Da die Privatsphäre durch die militärischen Strukturen sehr gering ist und sie nur wenige Möglichkeiten haben, sich diesen zu entziehen, müssen sie sich nochmals zusätzlich mit der Offenlegung der eigenen Homosexualität und den daraus entstehenden Folgen auseinandersetzen. Uns ist es darum wichtig, die jungen Menschen zu informieren, dass sie im Militär ein Recht auf Schutz vor Diskriminierung haben und wo sie Unterstützung bekommen. Beispielsweise beim Verein QueerOfficers.

Was empfehlen Sie beim Coming-out in Vereinen?

Grundsätzlich gibt es kein Standardrezept und jede Situation muss individuell beurteilt werden. Es empfiehlt sich als betroffene Person, sich ein Bild davon zu machen, wie die Kameradinnen und Kameraden diesem Thema gegenüberstehen. Man kann sich zuerst einer Person anvertrauen, die eine positive Einstellung dazu hat und unterstützend zur Seite steht. Je nach Situation können auch die Eltern oder die Trainerinnen und Trainer Unterstützung bieten.

Im Fussball, beim Eiskunstlauf oder im Eishockey sind Coming-outs nach wie vor ein Tabuthema. Warum?

Leistungssportarten wie auch das Militär sind ein Abbild unserer Gesellschaft. Würden LGBT-Menschen in unserer Gesellschaft nicht diskriminiert werden, wäre dies zum Beispiel auch im Fussball kein Problem. Ein wichtiger Faktor ist sicher die Akzeptanz von traditionellen Geschlechterrollen, die bei heterosexuellen Männern durchschnittlich höher liegt als bei Frauen. Auch die negative Verwendung des Wortes «schwul» ist bei Männern häufiger zu beobachten. Um mehr Akzeptanz gegenüber LGBT-Menschen erreichen zu können, muss dies von den Spielerinnen und Spielern, den Trainerinnen und Trainern, dem Vorstand, der Fangemeinschaft und den Sponsoren mitgetragen werden.

Was sind die häufigsten Fragen, die bei du-bist-du gestellt werden?

Nebst allgemeinen Fragen zur sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität, wird am häufigsten zu den Themen Coming-out, Unsicherheit und Selbstakzeptanz beraten. Auch das soziale Umfeld wird häufig angesprochen. Oft steht bei Beratungen auch die psychische Gesundheit im Fokus.

Womit haben Eltern und das soziale Umfeld Probleme beim Coming-out?

Das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Oft kennen aber die Eltern keine LGBT-Menschen persönlich oder haben zumindest keine Kenntnis davon. Für sie ist das Thema häufig etwas komplett Neues. Darum ist es wichtig, sich bewusst zu sein, dass die Eltern Zeit und eventuell auch Unterstützung brauchen, sich mit diesem Thema auseinandersetzen zu können.

Wie hoch schätzen Sie die Diskriminierung bei Homosexualität und Transgender-Sein ein?

Diskriminierung gegenüber LGBT-Menschen unter Jugendlichen ist in der Schweiz noch wenig erforscht. Eine von mir durchgeführte Studie im Kanton Aargau zeigt, dass 85,4 Prozent der befragten Jugendlichen in den letzten 12 Monaten mindestens einmal eine Aussage gemacht haben, die entweder direkt oder indirekt diskriminierend gegenüber Schwulen war. Aus einer deutschen Studie geht hervor, dass 82 Prozent der befragten LGBT-Menschen mindestens einmal Diskriminierung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität erfahren haben.

Das ist häufig. Wie äussert sich das?

Neben dem bewussten Ausgrenzen und Benachteiligen von LGBT-Menschen, dem Anwenden von physischer Gewalt oder sich über sie lustig zu machen, sind sich wahrscheinlich viele Jugendliche nicht bewusst, dass Sätze wie beispielsweise «Das ist so schwul» indirekt diskriminierend wirken. Unabhängig von der zugrundeliegenden Intention wirken sich solche Aussagen negativ auf LGBT-Jugendliche und Menschen aus, die sich ihrer sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität nicht sicher sind. Bei Transmenschen kommen noch zusätzliche Diskriminierungsformen hinzu wie die Nicht-Nennung des neuen Vornamens oder die Toilettensituation in einem Schulhaus.

Warum richtet sich der Aktionsmonat «Likeeveryone» explizit an Jugendliche?

Im Alter zwischen 13 und 16 Jahren ist Diskriminierung und Mobbing unter Jugendlichen häufiger feststellbar. Darunter gehören Homophobie und Transphobie zu den häufigsten Schikanierungsformen. Genau in dieser Zeit beginnt bei den meisten LGBT-Jugendlichen die erste Auseinandersetzung mit ihrer sexuellen Orientierung und ihrer Geschlechtsidentität. Dieser Prozess macht sie zu einer sehr vulnerablen Gruppe, der es an wichtigen Bewältigungsstrategien fehlt.