Schlieren

Parlament in Schlieren lehnt separates Grabfeld ab

Stadtrat Markus Bärtschiger an dem Ort des Schlieremer Friedhofs, wo das muslimische Grabfeld hätte hinkommen sollen

Friedhof Schlieren

Stadtrat Markus Bärtschiger an dem Ort des Schlieremer Friedhofs, wo das muslimische Grabfeld hätte hinkommen sollen

Bei der neuen Friedhofsverordnung geht es zwar nicht nur um ein muslimisches Grabfeld für Schlieren, dennoch drehte sich die Diskussion an der Parlamentssitzung von Montagabend erwartungsgemäss nur um diesen speziellen Punkt, und zwar detailreich.

Islamischer Zentralrat drückt sein Bedauern aus

Der Islamische Zentralrat bedauerte die Entscheidung des Schlieremer Parlaments ausserordentlich, wie er in einem Kommuniqué schreibt. Mit dieser Haltung sende Schlieren landesweit ein falsches Signal aus. Der Zentralrat befürchtet, dass durch andere Gemeinden sich dieser Haltung anschliessen werden und so der Trend zur Gewährung muslimischer Grabfelder im Rahmen der bestehenden Gemeindefriedhöfe wieder verlangsamen könnte.

Muslime würden nun gezwungen sich weiterhin schon zu Lebzeiten auf die letzte Ruhestätte irgendwo im Ausland, fernab der Schweizer Heimat einzustellen, schreibt der Zentralrat weiter.

Gespräch mit Schlieremer Stadtrat Markus Bärtschiger

Gespräch mit Schlieremer Stadtrat Markus Bärtschiger

Mit Markus Bärtschiger sprach LiZ-Chefredaktor Jürg Krebs

FDP-Gemeinderat Markus Weiersmüller kam gleich zu Beginn der Debatte auf den Punkt: Die Mehrheit der Geschäftsprüfungskommission (GPK) sei für eine Rückweisung der stadträtlichen Vorlage. Laut Weiersmüller geht es nicht an, dass der Stadtrat spezifischen Religionsgemeinschaften - in disem Falle den Muslimen - ein separates Grabfeld zur Verfügung stellt. Weiersmüller holte bei seinem Votum historisch aus und kam über die Religionskriege zu den im 19. Jahrhundert säkularisierten Friedhöfen zu sprechen, die allen unabhängig von Religion, Herkunft oder Geschlecht zur Verfügung stünden. Das sei in Schlieren nicht anders.

Die Muslime, die ein separates Grabfeld forderten, so Weiersmüller, hätten wohl ein Problem neben einem Katholiken oder Reformieren zu liegen. Das sei nicht die Art von Toleranz und Integration, die der GPK-Mehrheit vorschwebe. Es spreche zwar nichts gegen separate Grabfelder, schliesslich hätten auch Juden solche, aber dann eben ganz separat und nicht auf dem politischen Friedhof. Ein Friedhof, auf dem jede Konfession neben der anderen liegen könne, sei ein Zeichen von Toleranz und Integration. Der Staat könne nicht verpflichtet werden, muslimische Grabfelder zur Verfügung zu stellen. Die GPK-Mehrheit befürchtet zudem, weil das Schlieremer Grabfeld nur städtischen Muslimen zur Verfügung stehen würde, dass auswärtige nach Schlieren ziehen würden. Diese Sogwirkung sei angesichts der Bevölkerungsstruktur nicht erwünscht.

Muslimin im Gemeinderat


SP-Gemeinderätin Rexhil Agusi-Alili, selbst Muslimin, kam im Namen der GPK-Minderheit auf die verschiedenen Bestattungsriten der Religion zu sprechen. So würden Katholiken und Reformierte auch Sarg- und Urnenbestattungen zugestanden. Der Stadtrat habe die kantonale Verordnung zur Vorlage für das muslimische Grabfeld genommen, was aus Sicht Agusi-Alili der richtige Weg und für Muslime annehmbar sei.

Ein muslimisches Grabfeld sei für gläubige Muslime ein grosses Bedürfnis, es sei aber auch ein positives Zeichen der Akzeptanz an alle Muslime. Sie wies darauf hin, dass neben Zürich und Winterthur zahlreiche andere Ortschaften der Schweiz muslimische Grabfelder hätten. Sie schloss mit der Frage: Warum also nicht auch Schlieren?Damit waren die Fronten abgesteckt. SP und Grüne votierten in der Folge für die Vorlage, FDP, SVP, EVP, CVP und der Quartierverein dagegen.


Bärtschiger: «Brücke schlagen»


Stadtrat Markus Bärtschiger (SP) hatte einen schweren Stand, als er ans Rednerpult trat, ob er nun rechtlich, technisch oder politisch argumentierte. Er gab zu bedenken, dass es bei der neuen Friedhofsverordnung nicht nur um Muslime gehe, so sollen beispielsweise etwa Baumbestattungen erlaubt werden. Laut Bärtschiger soll die Möglichkeit geschaffen werden, dass jeder nach seiner Fasson beerdigt werden könne.


Bärtschiger kam dennoch auf die Geschichte zu sprechen. 1874 seien die Friedhöfe verstaatlicht worden, um die Schweizer Religionsdifferenzen rund um die Sonderbundskriege zu überwinden. Das könne weitergeführt werden. Die Vorlage für die Friedhofsverordnung sei in langen Gesprächen mit den verschiedenen Religionsvertretern besprochen worden.

Nach dem Entscheid des Parlaments hofft Bärtschiger, dass dieses Thema in 50 Jahren nicht mehr vorhanden sei und alle sich alle Christen und Muslime in Schlieren für ein solches Grabfeld aussprechen würden.


16,5% der Schlieremer sind Muslime


Dann sprach Bärtschiger ebenfalls Klartext: 16,5 Prozent der Schlieremer - so die neusten Zahlen - seine muslimischen Glaubens, davon seien die Hälfte Schweizer Staatsbürger. Muslime seien in Schlieren kein Ausnahme- sondern der Normalfall. Mit einem muslimischen Grabfeld könne Schlieren helfen, das belastete Klima zwischen den Religionen zu entspannen und eine Brücke zu schlagen.

Zum Schluss setzte Bärtschiger nochmals alles auf eine Karte. In Winterthur - so Bärtschiger - seien nur fundamentale Christen gegen ein Grabfeld gewesen.
Es nutzte nichts. Die Meinungen waren bereits vor der Sitzung gemacht. Das Parlament wies die Friedhofverordnung mit 22 zu 10 Stimmen zurück.

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