Gleich zu Beginn seiner Schicht um 7 Uhr erscheint der erste Auftrag auf dem Bordcomputer des gelben VW Caddy. Auf dem Display hat Giuseppe Romano, Patrouilleur beim Touring Club Schweiz (TCS), alle wichtigen Informationen im Blick: Ein roter Fiat Panda kommt an der Dorfstrasse in Unterengstringen nicht mehr vorwärts und der Motor klingt komisch. Umgehend bricht er vom TCS-Stützpunkt auf dem Wagi-Areal in Schlieren auf.

Jeweils kurz nach Erhalt des Auftrags informiert Romano die Kunden über seine nahende Ankunft. Dass das Auto vor Ort nicht auffindbar ist, bringt ihn nicht aus der Ruhe. Entspannt fragt er bei der Besitzerin nach, was sie denn in ihrem direkten Umfeld sehe. Dank einer Pizzeria ist schnell klar, dass die Frau an der gleichnamigen Strasse in Oberengstringen wartet. Solche Verwechslungen passierten immer wieder, sagt Romano. Während die meisten Betroffenen sich in Notsituationen befinden, sind Pannen für ihn Alltag. Seit 19 Jahren ist er schon bei der TCS-Patrouille im Einsatz. «Deshalb ist es wichtig, Ruhe und Gelassenheit auszustrahlen», sagt der 43-Jährige, der in Niederglatt lebt. Nur schon mit gutem Zuhören könne man viele Probleme lösen. Weil er ohnehin ein ruhiges Gemüt habe, falle ihm dies nicht schwer, ergänzt er. Obwohl die Motorhaube des gesuchten Pandas nur knapp von einem Parkplatz abseits der Strasse hervorlugt, entdeckt Romano ihn sofort.

Bald stellt er fest, dass die rechte Antriebswelle kaputt ist. Die Hiobsbotschaft: Das Auto muss abgeschleppt werden. Besonnen erklärt er der nervösen Lenkerin, wie sie sich im Schlepptau in ihrem Auto verhalten soll und montiert das Abschleppseil. Eine Fahrt später sind die Kundin und ihr Auto in einer Garage in Würenlos. Obwohl sie wegen der Panne zu spät zur Arbeit kommt, ist sie sichtlich erleichtert, dass sie in ihren Alltag zurückkehren kann.

Das Auto ist sein zweites Zuhause

Seine Wurzeln hat der in der Schweiz geborene und aufgewachsene Romano in Süditalien. «Wenn ich bei der Familie in Apulien bin, bin ich ein richtiger Schweizer und rege mich auf, wenn etwas nicht zuverlässig funktioniert», sagt er und lacht. Im Alltag sei das Auto sein zweites Zuhause. Unterwegs auf der Strasse erlebt er täglich den Takt der Arbeitswelt. Nach intensivem Morgenverkehr sei es in der Regel bis zum Nachmittag ruhiger, bevor wieder mehr Menschen aus ihren Büros auf die Strassen strömen. Auch die rasante Entwicklung des Limmattals erlebt er hautnah mit. Die vielen Baustellen an allen Ecken und Enden zeugen von der regen Bautätigkeit.

In Zürich Enge wartet die nächste Kundin auf Hilfe. Der Bordcomputer kündigt einen Radwechsel an. «Ich habe einen der wenigen Jobs, bei denen die Kunden sich alle freuen und erleichtert sind, wenn ich ankomme», sagt Romano. Zumindest wenn die Betroffenen zugegen sind. Obwohl der Seat mit aufgerissenem Hinterreifen schnell gefunden ist, fehlt von der Lenkerin jede Spur. «Die Schnelllebigkeit hat zugenommen und immer mehr Leute nutzen die Wartezeit, um andere Sachen zu erledigen.» Nach zwei Versuchen erreicht Romano die Frau am Telefon und deckt ein Missverständnis auf. Sie gab bei der Pannenmeldung an, sie habe ein Ersatzrad dabei. Tatsächlich ist im Auto aber nur ein Gummireifen verstaut.

Bei kleineren Schäden könnten Pneus vor Ort geflickt werden. Nach Berührungen mit scharfen Kanten müsse aber meist das Rad gewechselt werden. Also meldet sich Romano beim Stützpunkt und übergibt den Auftrag an einen Kollegen, der sich mit passendem Ersatzrad auf den Weg macht. Ein platter Reifen sei selten so gefährlich, wie viele Action-Filme suggerierten, sagt Romano.

Er schätzt den Austausch unter Arbeitskollegen

Wenn die Zeit es erlaubt, fährt er zwischen Aufträgen zurück zum Stützpunkt. «Ich finde den Austausch unter Kollegen sehr wichtig. Wir geben uns auch gegenseitig Tipps und vergleichen, wie wir Situationen gelöst haben.» Obwohl die Rushhour vorbei ist, sind immer noch viele Autos auf der Strasse. Unterwegs nach Schlieren überlassen andere Lenker ihm immer wieder den Vortritt. Das markante Aussehen des gelben Fahrzeugs mit roten Streifen an allen vier Ecken hilft offensichtlich, um gut durch den Verkehr zu kommen.

Noch vor der Ankunft am Stützpunkt schneit der nächste Auftrag rein: Auf dem Kirchplatz in Dietikon hat ein Taxifahrer seinen Schlüssel eingeschlossen. Der Mann redet hektisch und kann kaum glauben, was ihm passiert ist. Als er etwas aus seinem Auto holen wollte, habe er den Schlüssel kurz auf dem Vordersitz abgelegt und ihn dann wohl versehentlich so berührt, dass sich das Fahrzeug abgeschlossen habe. Dies bemerkte er allerdings erst nach dem Schliessen der Tür.

Nach einem Augenschein verschwindet Romano kurz hinter dem mit Werkzeug und Ersatzteilen vollgepackten TCS-Auto und kehrt mit der nötigen Ausrüstung zurück. Keine 30 Sekunden später hat er die Tür geöffnet und dem Taxifahrer ein erleichtertes Lächeln entlockt. Er kann gleich weiterfahren und hat eine witzige Geschichte, die er später seinen Kollegen erzählen kann.

«Ich habe in meinem Leben vielleicht drei Autos nicht aufgebracht», sagt Romano auf der Rückfahrt nach Schlieren. Dabei hatte er bereits interessante Hürden zu bewältigen: Einmal habe ein im Auto eingeschlossener Hund den schmalen Draht, mit dem er die Tür öffnen wollte, immer wieder mit der Pfote weggestossen. Mit etwas Geduld klappte es dann doch noch. Besonders wenn bei Schlüsselpannen Kinder im Auto eingeschlossen seien, benötige er viel Fingerspitzengefühl, um aufgelöste Eltern zu beruhigen. Romano erhielt aber auch schon Schützenhilfe aus dem Auto. Einmal konnte er einem angegurteten 4-Jährigen mit dem Draht den Schlüssel reichen und der Bub entriegelte die Tür von innen.

Bei der Ankunft am Stützpunkt steht ein alter Rennwagen vor dem Gebäude. Ein Ford Cortina, weiss Romano ohne zu überlegen. Er habe eine Leidenschaft für Oldtimer, besonders für Alfa Romeos schlage sein Herz. Seinen eigenen verkaufte er allerdings, weil der Wagen aus Zeitmangel fast immer in der Garage rumgestanden sei.

Am Mythenquai wartet eine leere Batterie

Beim Kaffee im Aufenthaltsraum plaudert Romano mit einem Arbeitskollegen über den eher ruhigen Vormittag. Er erzählt, wie er kürzlich als Patrouilleur eine Woche im Tessin aushalf. Solche Aushilfen seien eine willkommene Abwechslung im Arbeitsalltag. An der Wand im Raum hängt ein grosses Plakat mit stolzen Velofahrern im TCS-Dress. Im vergangenen Jahr führte der TCS eine E-Bike-Patrouille ein.

Die häufigsten Pannen seien Platten, weggesperrte Schlüssel und leere Batterien, erzählt Romano. Nur Letzteres fehlt an diesem Vormittag noch. Wie bestellt erhält er vor der Mittagspause tatsächlich noch einen Auftrag. Die Pannenursache: «Licht brennen lassen. Springt nicht an.» Die Ortsbeschreibung am Zürcher Mythenquai wird pragmatisch mit Bordell konkretisiert.

Auf dem Weg zum Zürichsee erzählt Romano von einem Kunden, den er mal vor einem Bordell abschleppte. Der Mann habe sich immer wieder erkundigt, ob der Abschlepport auch sicher nicht auftauche in den Unterlagen, die nach Hause geschickt werden.

Auf dem Parkplatz in der Nähe des Etablissements ist der VW gleich gefunden. Schnell ist die Batterie wieder genug aufgeladen, damit die Zündung funktioniert. «Jetzt müssen Sie mindestens eine halbe Stunde fahren», sagt Romano zur Kundin. Diese ist wegen der Panne aus ihrem Zeitplan geraten und will sich gleich wieder auf den Weg machen, während sie hastig ein Sandwich verzehrt.

Sein Job gehöre zu den spannendsten im Autogewerbe. Obwohl heute mehr Computerdiagnostik zum Einsatz komme, habe seine Arbeit sich eigentlich nicht gross verändert – auch Elektroautos haben vier Türen und eine Starterbatterie. Einerseits sei Kontakt mit den Menschen hinter den Pannenaufträgen jedes Mal aufs Neue spannend, andererseits sei viel Selbstständigkeit und Improvisationstalent gefragt. Beim Verabschieden in die Mittagspause sagt er: «Ich könnte mir nicht mehr vorstellen, wieder in der Werkstatt zu arbeiten und auf Kundenkontakt zu verzichten.»