Donnerstagnacht in Aourir, eine Küstenstadt in der Provinz Agadir, Marokko. Es ist dunkel. Nur 20 Meter neben einer Siedlung erschiessen von der Provinz Agadir beauftragte Jäger mit Schrotflinten vier Strassenhunde. Die Kugeln verwunden einige nur, sie ziehen sich zum Sterben zurück. Sie tragen Ohrmarken der Schweizer Stiftung Tierbotschafter.ch. So berichtet es ein lokaler Helfer anonym in einer Mitteilung, die die Organisation verschickt hat.

Deren Präsidentin, die Birmensdorferin Brigitte Post, muss sich in der Schweiz machtlos die Fotos und Videos ansehen, die ihr Tierschützer aus Marokko schicken. «Diese, man kann es nicht anders sagen, Massaker sind eine Katastrophe», sagt Post. In den letzten zwei Jahren hat ihre Organisation über 1000 Hunde kastriert und gegen Krankheiten wie Tollwut geimpft. Dabei hat die Stiftung mit den Behörden der Stadt Agadir zusammengearbeitet. Die Regierung bezahlte die Hälfte des Hilfsprogramms, das insgesamt bisher umgerechnet rund 100'000 Franken gekostet hat.

Helfer der Stiftung fotografierten eine Patrone.

Helfer der Stiftung fotografierten eine Patrone.

Undurchsichtige Machtstrukturen

Kastrierte und geimpfte Hunde tragen Ohrmarken, die klar machen, dass diese Hunde laut den Verträgen mit den Behörden Agadirs nicht angerührt werden dürfen. Dass die Behörden jetzt aber auch Jagd auf Hunde mit Ohrmarken machen, hängt laut Post mit der Bewerbung Marokkos für die Fussballweltmeisterschaft 2026 zusammen. Laut einer offiziellen Fifa-Mitteilung reist am 17. und 18. April eine Gruppe von Fifa-Funktionären nach Agadir.

«Uns haben verschiedene Leute gesagt, dass die Massaker angeordnet wurden, damit die Behörden der Fifa-Delegation eine ‹saubere› Gegend präsentieren können», sagt die Birmensdorferin, die 2017 als Limmattalerin des Jahres nominiert war. Dabei habe der Innenminister Agadirs erst kürzlich gesagt, das Kastrations- und Impfprogramm sei ein «Vorzeigeprojekt». Doch dann hat jemand die Tötungen angeordnet. «Es gibt Machtstrukturen, hinter die wir einfach nicht sehen können», sagt sie.

Gesunde Hunde verdrängen kranke

Es sei «sinnlos» und «ethisch unverantwortbar» sei, die Hunde einfach zu erschiessen, sagt Post: «Sie gefährden damit die Gesundheit ihrer eigenen Bevölkerung.» Denn Tollwut ist in Marokko ein grosses Problem, immer wieder sterben Menschen an der Krankheit. Da kommt das Projekt der Stiftung ins Spiel: Die gesunden, geimpften Hunde verdrängen laut Post die infizierten Streuner. «Das ist auch das einzige Argument, warum die Stadt Agadir das Projekt überhaupt unterstützte», sagt Post.

«Im muslimischen Glauben hat der Hund einen tiefen Stellenwert, Katzen werden dagegen verehrt», sagt Post. «Strenggläubige Muslime fassen Hunde nicht an, weil sie als unrein gelten. Deshalb sei es ein «wahnsinniger Erfolg» gewesen, dass man in dem armen Land überhaupt Geld für das Projekt bekommen hatte. Es gebe aber konservative Kreise, denen das Projekt ein Dorn im Auge sei. «Sie missachten die Wissenschaft, die klar sagt: Tollwut kann man nur durch Kastration und Impfung bekämpfen», sagt Post.

Wenn man einfach immer wieder Hunde erschiesse, kämen immer wieder neue nach. Ausserdem schadeten die Tötungen dem Tourismus. «Das Erschiessen der Hunde ist tragisch genug, aber es ist dazu noch sehr schlecht für das Image der Provinz Agadir.»

Die Fifa äusserte sich auch auf wiederholte Anfrage nicht zu den Vorwürfen, obwohl ein Sprecher mehrmals versicherte, eine Antwort würde noch vor Redaktionsschluss eintreffen. Die Frage, ob die Fifa solche Tötungen von Hunden verurteilt, bleibt also ungeklärt.