Uitikon

Ohne Eltern in einer fremden Welt: Sie kümmert sich um einen afghanischen Flüchtlingsjungen

Isabelle Bruhin in ihrem Haus in Uitikon. Neben ihrer Familie kümmert sie sich seit Kurzem um einen minderjährigen Asylsuchenden.

Isabelle Bruhins macht mit bei einem Integrationsprojekt des Schweizerischen Roten Kreuzes. Sie begleitet einen 15-jährigen Flüchtling aus Afghanistan, der ohne seine Eltern in der Schweiz lebt.

Der Wind rauscht durch die Glyzinien auf Isabelle Bruhins Terrasse. Im Innern des Hauses ist es angenehm kühl. Die Uitikerin sitzt alleine am grossen Esstisch. «Abends versammelt sich hier die ganze Familie. Die Tafel ist unser Familientreffpunkt», sagt Bruhin. Die 51-Jährige ist verheiratet und Mutter von fünf Kindern im Alter zwischen 14 und 24 Jahren. Besorgt ist sie seit Kurzem nicht nur um sie, sondern auch um den 15-jährigen Flüchtling Khaleq Dad. Der Afghane lebt seit Februar in der Schweiz, im Zentrum Lilienberg für unbegleitete Minderjährige in Affoltern am Albis.

Bruhin macht beim Integrationsprojekt «mitten unter uns» des Schweizerischen Roten Kreuzes mit. Das bringt fremdsprachige Kinder und Jugendliche mit deutschsprachigen Gastfamilien und Einzelpersonen zusammen. Vom 1993 gegründeten Angebot haben 2018 insgesamt 380 Kinder und Jugendliche profitieren können. Das Projekt läuft aber nicht nur im Kanton Zürich, sondern auch in den Kantonen Schaffhausen und Baselland. Darauf aufmerksam wurde Bruhin als sie als langjährige Spenderin bei einem Shooting einer Plakatkampagne des Schweizerischen Roten Kreuz Kanton Zürich mit einem Verantwortlichen sprach. Derzeit sind die Plakate zum Thema Freiwilligenarbeit mit der Uitikerin im ganzen Kanton zu sehen.

Neugierig und wissbegierig beim ersten Treffen

«Vor zwei Wochen hatten Khaleq und ich unser erstes Treffen. Es war toll, zu sehen, wie neugierig und wissbegierig er ist», sagt Bruhin. Sie habe Khaleq zu sich nach Hause eingeladen und ihm das Heim und den Garten in Uitikon gezeigt. Dabei konnten sich die beiden etwas austauschen. «Ich wollte zum Beispiel von ihm wissen, ob er schon mal Schnee gesehen hat oder ob er schwimmen kann», sagt Bruhin. Dabei sei ihr aufgefallen, dass sein Weltbild und seine Lebenswelt sich völlig von den ihrigen unterscheiden würden. Im Eingangsbereich hat Bruhin ein Foto vom Empire State Building in New York hängen. «Als ich ihn fragte, ob er das Gebäude kenne, fragte er: Ist das nicht der Prime Tower?»

Themen, die Schweizer Jugendliche in seinem Alter beschäftigten, seien ihm fremd. «Er hat zum Beispiel keine Ahnung, was er mal für einen Beruf erlernen möchte», sagt Bruhin, die freiberuflich als Übersetzerin arbeitet. Ihr Ziel ist es, eine Bezugsperson für Khaleq zu werden. «Er ist ohne seine Eltern hier in einer fremden Welt. Ich will ihm wenigstens ein bisschen Geborgenheit geben.» Durch den Austausch sollen auch die Integration und die Deutschkenntnisse gefördert werden. Verständigungsprobleme sind vorprogrammiert. «Doch mit etwas Geduld können wir schon kommunizieren», sagt Bruhin. Es sei wichtig für Khaleq, dass er die Sprache so schnell wie möglich beherrsche, um in der Schweiz Fuss zu fassen.

Einmal pro Woche wird sich Bruhin mit dem jungen Asylsuchenden treffen, mit ihm Ausflüge oder Hausaufgaben machen oder mithilfe von Spielen den Wortschatz verbessern. «Khaleq will zum Beispiel unbedingt die Kapellbrücke in Luzern sehen.»

Bruhin kann Khaleq gut nachfühlen. Auch sie musste sich integrieren, als sie als Romande Ende 1992 von Lausanne in die Deutschschweiz zog. «Natürlich ist es nicht dasselbe, weil ich Schweizerin bin und trotzdem gibt es Parallelen.» Wenn man in der Westschweiz aufgewachsen sei, ticke man anders. «Man hat eine andere Mentalität, die Hemmschwelle bei Deutschschweizern ist beim Kennenlernen viel höher.» Die Germanistin, die neben Französisch, Italienisch und Englisch auch Russisch spricht, ist überzeugt, dass nicht nur Khaleq, sondern sie selbst vom Austausch profitieret. «Für mich ist es eine Bereicherung, seine Sicht auf die Welt zu entdecken.» Zudem lerne sie viel Neues dazu. So wisse sie nun was Palau Reis sei. «Das ist ein typisch afghanischer Gewürzreis mit Rosinen und Lamm, das Lieblingsessen von Khaleq.»

«Sie wissen nicht, welches Glück sie haben»

Da gemeinsames Kochen und Essen verbindet, will die Uitikerin bald mit Khaleq den Kochlöffel schwingen und zusammen mit der Familie an der grossen Tafel essen. Sie ist der Meinung, dass es ihren Kindern guttun wird, Bekanntschaft mit Khaleq zu machen. «Sie sind sich nicht bewusst, welches Glück sie haben. Sie Leben zwar in einer stressigen Welt und haben ihre Sorgen, doch sie mussten nie auf ihre Eltern verzichten, und wurden nie in ihrer Integrität bedroht.»

Autor

Sibylle Egloff

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