Viel ist über sie nicht bekannt. Ein paar Eckdaten, das ist alles. Dorothea von Flüe, geborene Wyss, stand und steht immer noch im Schatten ihres Mannes, des Heiligen Bruder Klaus, des Friedenstifters, der vor 600 Jahren im Flüeli in der Gemeinde Sachseln im Kanton Obwalden zur Welt kam. Sie dürfte etwa 15 Jahre alt gewesen sein, als sie Niklaus von Flüe 1446 heiratete. Zehn Kinder hatten die beiden. Mehr ist von Dorotheas Biographie nicht überliefert. Und doch, ohne sie wäre aus Niklaus von Flüe nie Bruder Klaus geworden.

Der Überlieferung zufolge verliess er seine Familie mit dem Einverständnis seiner Frau, um dem Ruf Gottes zu folgen und fortan als Eremit in der Ranftschlucht zu leben, einen Steinwurf von seinem Haus entfernt. Bruder Klaus hat dies selbst so bezeugt, hat das Ja seiner Frau zu seinem neuen Leben eine Gnade genannt.

Abschied und Tod

Zum Auftakt des Jubiläumsjahres ihres Kirchenpatrons, das national unter dem Motto «Mehr Ranft» läuft, rückt die katholische Kirchgemeinde Urdorf Dorothea nun in den Vordergrund, erweist ihr die Referenz in Form von fünf Rundbildern, sogenannten Tondi. Sie zeigen Abschnitte aus Dorotheas Leben, wie sie ihr erstes Kind im Arm hält, von allen 10 Kindern umgeben ist, den Abschied ihres Mannes, ihre Besuche in der Ranftschlucht bei Niklaus und schliesslich dessen Tod. Morgen Sonntag werden die Bilder anlässlich eines Festgottesdienstes gesegnet und danach im Flur des neuen Anbaus beim Sekretariat aufgehängt.

An jenem Ort, den die Kinder auf dem Weg zu ihrem Unterrichtszimmer passieren. «Die Bilder sind sehr realistisch und bunt, sodass sich die Kinder diese merken können», sagt Pfarrer Max Kroiss. Neben der Segnung der Bilder wird zudem die Publizistin Klara Obermüller über Dorothea referieren. Sie hatte 1981 ein Hörspiel mit dem Titel «Ganz nah und weit weg» über die Frau von Bruder Klaus verfasst.

Cards: Bruder Klaus

Drei Frauen im Fokus

Für die Kirchgemeinde schliessen sich damit gleich mehrere Kreise. Denn der Gottesdienst markiert das Ende der drei Bauphasen, in denen das Äussere und Innere der Kirche renoviert sowie ein Erweiterungsbau erstellt wurden. Überdies zeichnet mit Flavia Travaglini die Tochter des Schöpfers der Betonglasfenster der Kirche, Piero Travaglini, verantwortlich für die fünf Tondi. Diese hat die Künstlerin auf Holzscheiben mit je 90 Zentimeter Durchmesser aus Sachseln gemalt. So kommt es, dass diesen Sonntag drei Frauen «einen harmonischen Dreiklang bilden», wie es Kroiss ausdrückt.

Dass sich dies so gefügt hat, ist zu einem Teil auch dem Zufall geschuldet. «Mir war es wichtig, anlässlich des Jubiläumsjahres auch Dorothea in den Fokus zu rücken, denn sie hat schliesslich die Familie zusammengehalten», sagt Kroiss. Als es dann darum gegangen sei, ihr diese Referenz in einem Kunstwerk zu erweisen, habe er unter anderem auch Piero Travaglini angerufen. Er habe jedoch von dessen Tochter erfahren müssen, dass der Künstler mittlerweile verstorben sei. «Ich habe mit ihr über unsere Idee gesprochen. Sie hat uns dann Vorschläge präsentiert, die schliesslich akzeptiert wurden», so Kroiss. Flavia Travaglini sei es auch gewesen, die darauf bestanden habe, die Bilder auf Holz aus Sachseln zu malen.

Kein Zufall ist hingegen die Wahl des Datums für die Segnung der Bilder. Am 6. Februar, also am Montag, ist Namenstag der heiligen Dorothea. Sie war eine Märtyrerin, die um 290 in Kappadokien, in der heutigen Türkei, geboren wurde. Nicht heiliggesprochen wurde Dorothea von Flüe, obschon dies immer wieder gefordert wird.

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Historisches Vorbild

Ihr Mann wurde bereits zu Lebzeiten wie ein Heiliger verehrt und ist in der Urdorfer Kirche in verschiedener Form präsent. So ist etwa im Altar eine Reliquie, ein Knochensplitter von Bruder Klaus eingelassen. Auch eine Statue des Heiligen befindet sich dort. Am eindrücklichsten ist jedoch das von Piero Travaglini geschaffene Betonglasfenster in der Bruder-Klaus-Kirche.

Es zeigt in abstrahierter Form das Meditationsbild des Bruder Klaus. Diese Leinwandtafel wurde um Ende der 1470er-Jahre gemalt und dem Eremiten geschenkt. Für ihn als Analphabeten war das Bild «sein Buch», aus dem er lerne und versuche, die Kunst der Glaubenslehre zu verstehen. Hauptbestandteil des Bildes sind die beiden Kreise in der Mitte, der innere mit dem Gottesantlitz und der äussere, der durch drei auslaufende und drei einlaufende Strahlen mit dem innern verbunden ist. Die sechs um die Kreise angeordneten Medaillons reden von den Grosstaten der Liebe Gottes, der Verkündigung, der Geburt Jesu, der Schöpfung, der Passion, dem Kreuzestod und der Eucharistie.

Schwestern des Klosters Fahr singen das Gebet von Bruder Klaus

Schwestern des Klosters Fahr singen Gebet von Bruder Klaus

Bei Travaglinis Bruder-Klaus-Fenster werden in den Medaillons des ursprünglichen Bildes Symbole gezeigt, die auf die Werke der Barmherzigkeit hinweisen, namentlich: Gefangene besuchen, Nackte bekleiden, Tote begraben, Fremde beherbergen und Hungernden und Durstigen zu essen und zu trinken geben.

Darüber hinaus ist Bruder Klaus auch immer durch sein Gebet in der Kirche präsent. «Es ist ein einfaches Gebet, das jeder kann», sagt Kroiss. Und gerade deswegen entfalte es bis heute seine Wirkung. «Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir. Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu dir. Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir», heisst es da. Bruder Klaus soll diese Verse in seiner Klause täglich gebetet haben. An jenem Ort also, der sich so nahe bei seinem Haus befand, und doch soweit von seiner Dorothea entfernt war.

«Ich kann mir das nur mit Liebe erklären»

Dorothea von Flüe hat ihren Mann ziehen lassen, damit er sich als Einsiedler Gott widmen konnte. Für die Publizistin Klara Obermüller zeigt sich in dieser Geste ein zeitloses Thema.

Sich historischen Personen zu nähern, ist keine leichte Aufgabe. Zumal wenn sie, wie Dorothea und Niklaus von Flüe, Analphabeten waren und deshalb keine schriftlichen Zeugnisse hinterliessen. Will man sich trotzdem ein Bild von ihnen machen, dann ist man «weitgehend auf Vermutungen angewiesen», sagt die Zürcher Publizistin Klara Obermüller.

Bereits 1981 hat sie sich im Hörspiel «Ganz nah und weit weg» mit Dorothea von Flüe auseinandergesetzt, ist der Frage nachgegangen, was es für sie bedeutet haben muss, von ihrem Mann verlassen zu werden, mit zehn Kindern auf dem Hof zurückzubleiben und während 20 Jahren in seiner Nähe zu leben, ohne zu ihm zu gehören.

«Aus Berichten von Nachbarn, die kurz nach dem Tod von Bruder Klaus aufgezeichnet wurden, wissen wir, dass Dorothea Niklaus immer wieder in der Ranftschlucht besuchte. Gesichert ist auch, dass sie Pilger verpflegte, die ihren Mann um Rat und Hilfe baten», sagt Obermüller. Ebenso sei es erwiesen, dass Niklaus 1465, zwei Jahre bevor er mit 50 seine Familie verliess, alle seine Ämter niederlegte. «Die Vermutung liegt nahe, dass in jener Zeit, zwischen der Aufgabe seiner politischen Arbeit und dem Gang in die Schlucht, ein Prozess stattgefunden hat», so Obermüller.

Allmählich sei Dorothea bewusst geworden, was in ihrem Mann vorging, und dass es nicht ein willkürlicher Entscheid seinerseits war, die Familie zu verlassen. Sie habe gemerkt, dass sie ihn loslassen müsse, wenn sie ihn nicht ganz verlieren wolle. Niklaus habe ja selber bezeugt, dass er mit ihrem Einverständnis gegangen sei, dass ihm Gott unter anderem drei grosse Gnaden verliehen habe, nämlich die erste, dass er von Frau und Kindern die Zustimmung zu seinem Einsiedlerleben erlangt habe.

«Das ist wichtig, weil gerade viele Frauen lange Zeit Mühe mit Niklaus von Flüe hatten. Man fand es befremdlich, jemanden als Heiligen zu verehren, der seine Familie im Stich gelassen hatte», sagt Obermüller. Doch so sei es wohl eben nicht gewesen. Die Bereitschaft Dorotheas, ihn gehen zu lassen, könne sie sich nur mit Liebe erklären. «Es ist ein zeitloses Thema, sich in einer Beziehung gegenseitig genügend Freiheit zu geben», so Obermüller. Das sei vielleicht das Wichtigste, was wir von Dorotheas Geschichte mitnehmen könnten.