Birmensdorf
Ohne den heiligen Martin ist die Birmensdorfer Ortsgeschichte nicht denkbar

Die 40 Jahre alte katholische Kirche St. Martin ist nicht die erste in Birmensdorf, die den Mantelteiler zum Patron hat.

Gabriele Heigl (Text und Fotos)
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St. Martin Urdorf
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 St. Martin von innen. Die Decke mit ihrer gitterartigen Struktur gab dem Entwurf den finnischen Namen "Ritilä", auf deutsch Gitterrost.
 Josef Hochstrasser, Birmensdorfer Hobby-Historiker: «Es war ein günstiger Zeitpunkt. Die Baukosten sind erst in den Jahren danach explodiert.»
 Die Marienstatue aus der früheren Martinskapelle, die 1977 im Zuge des Baus der heutigen Kirche abgerissen wurde.
 Die Maria des Künstlers Alfred Huber brauchte zwei Anläufe.
 Ein historisches Foto vom feierlichen Glocken-Aufzug.

St. Martin Urdorf

Gabriele Heigl

Ohne den Heiligen Martin ist die Birmensdorfer Ortsgeschichte nicht denkbar. Bereits im 9. Jahrhundert gab es eine kleine Martinskirche. Sie musste 1659 dem Bau der Reformierten Kirche weichen. Danach war das Dorf 270 Jahre lang ohne den Beistand des barmherzigen Mantelteilers – so lange bis 1929 ganz in der Nähe der heutigen Martinskirche eine kleine Kapelle gebaut und auf seinen Namen geweiht wurde.

Jubiläum

Der Gottesdienst zum 40-jährigen Patrozinium findet am 11. November um 17 Uhr statt. Anschliessend gibt es, getreu der Lebensmoral des Patrons ein Teilete. Der Gottesdienst am Sonntag entfällt.

Die Kapelle wurde zwar abgerissen, als die heutige Kirche St. Martin errichtet wurde. Zwei besondere Erinnerungsstücke blieben aber erhalten: die Glocke aus dem Kapellen-Glockenturm, die im Vorraum der heutigen Kirche hängt, und die alte Marienstatue, die im Kirchenraum einen prominenten Platz gefunden hat. Dort steht sie nun seit 40 Jahren. Am 30. Oktober 1977 war die Kirche vom Churer Bischof Johannes Vonderach geweiht worden. Heute Samstag finden die Jubiläumsfeierlichkeiten mit dem Patroziniumsgottesdienst ihren Abschluss.

Josef Hochstrasser (76), ehemaliger Wirtschaftsprüfer und Birmensdorfer seit 37 Jahren, hat sich viel mit der Geschichte der Kirchenbauten in Birmensdorf beschäftigt. Er weiss zu erzählen, dass der Bau der Kirche mehreren glücklichen Umständen zu verdanken ist. Es begann schon mit dem Grundstück. «Im Jahr 1958 ergab sich die günstige Gelegenheit, in der Nähe der Kapelle ein Wohnhaus und eine Scheune zu erwerben», so Hochstrasser. Für den Erwerb sei extra eine Kirchenstiftung gegründet worden. Deren Präsident war der Bischof von Chur, Sitz des Vereins war Disentis. Aber 1962 scheiterte ein erster Versuch einer Projektierung.

Zehn Kirchenbauten pro Jahr

Schwung kam erst wieder in die Sache, als im Jahr 1963 die katholische Kirche im Kanton Zürich öffentlich-rechtlich anerkannt wurde und von da an Steuern erheben durfte. In der Folge kam es zu zahlreichen Kirchenbauten in der ganzen Schweiz. In den Jahren zwischen 1950 und 1975 wurden 250 Kirchen errichtet, die meisten im Kanton Zürich. «Das entspricht durchschnittlich zehn pro Jahr – eine enorme Zahl», so Hochstrasser.

Schon damals waren die beiden Kirchgemeinden Birmensdorf und Uitikon verbunden. Da man in Uitikon mit der Projektierung der St. Michaelskirche etwas weiter war, blieb der Bau von St. Martin zunächst noch sistiert. Erst als St. Michael 1970 geweiht war, wurde der Bau in Birmensdorf wieder vorangetrieben. Dabei stand in Albert Knecht derselbe Präsident der Baukommission vor wie in Uitikon.

Moderate Baukosten

Im Jahr 1974 wurde ein Architekturwettbewerb für Kirche und Pfarrzentrum durchgeführt. Am besten gefiel der Jury der Entwurf des Zürcher Architekten Walter Moser, der ihn allerdings vor der Umsetzung noch überarbeiten musste (siehe Text unten). Sein Büro baute nicht nur mehrere Schweizer Kirchen, sondern auch den SBB-Bahnhof in Dietikon und einige öffentliche Gebäude im Quartier Grünau in Zürich-Altstetten.

Baubeginn von St. Martin war im Januar 1976, die Grundsteinlegung fand im August statt. Im September 1977 hiess es für die Birmensdorfer, Abschied zu nehmen von der alten
St. Martinskapelle, die wegen Baufälligkeit abgerissen werden musste. Im Oktober folgte dann schliesslich die festliche Weihe.

Das gesamte Kirchenzentrum hat insgesamt lediglich 3,2 Millionen Franken gekostet. Josef Hochstrasser: «Es war ein günstiger Zeitpunkt. Die Baukosten sind erst in den Jahren danach explodiert.» Das Projekt sei in der Bevölkerung unumstritten gewesen. Nur einige wenige hätten vor der Abstimmung gemurrt, ob es die Kirche unbedingt brauche. Und auch mit der Farbe zeigten sich nicht alle glücklich. Die Fassade erwies sich als einziger Baumangel. Durch die Witterung wurde der einheitliche Rotton fleckig. Die 1987 fällige Fassadensanierung verursachte die im Vergleich zu heute moderaten Kosten von 570'000 Franken.

Kuriosa, Anekdoten, Besonderheiten

- Der Entwurf des beim Projektwettbewerb siegreichen Zürcher Architekten Walter Moser trägt den Namen «Ritilä», das ist finnisch und heisst so viel wie Rost – aber nicht wie der Farbton der Fassade, sondern wie die gitterartige Gestaltung der Kirchendecke. Bei dem Wort handelt es sich um eine Hommage an Mosers Lehrmeister, den finnischen Architekten Alvar Aalto.

- Die Farbgebung des Sichtbetonbaus in verschiedenen Rottönen war zur Erbauungszeit des Pfarrzentrums umstritten.

- Moser konnte sich zwar über seinen Sieg freuen, nicht aber über das ausgelobte Preisgeld, denn sein Entwurf war fehlerhaft. Sein Trakt überschritt die maximale Länge von 40 Metern. Vor der Umsetzung musste er die Pläne überarbeiten. Die Prämie erhielt der ungarische Architekt Dezsö Ercsi. Kurz darauf realisierte dieser den Neubau der Kirche Heilig-Kreuz Zürich-Altstetten.

- Die ersten drei Glocken wurden im April 1977 geweiht und von der Schuljugend in den Turm aufgezogen.

- Durch Initiative von Vikar Marcel von Holzer, einem Glockenfan, konnten neben den drei bestehenden Glocken «St. Martin», «Heilige Maria» und «Bruder Klaus» zwei weitere Glocken mit Spenden finanziert werden: die «Heilige Barbara» und der «Schutzengel». Zusammen mit den vier Glocken der Reformierten Kirche ist nun ein harmonisches Glockenspiel möglich. Es erklingt samstags um 19 Uhr.

- Auf der Urkunde im Grundstein steht auch dieses Gebet: «Auf die Fürsprache des heiligen Martins, des Patrons der Kirche, der heiligen Gottesmutter Maria, der Hilfe der Christen und des heiligen Bruder Klaus, des Patrons der Schweiz, segne der allmächtige Gott der Vater und der Sohn und der heilige Geist alle, die in diesem Haus Gottes sein werden.»

- Die erste Version einer Plastik von Maria mit Jesuskind des Künstlers Alfred Huber löste Unmut bei den Gläubigen aus. Der verwendete Alabaster war ausgerechnet in Marias Gesicht entstellend gemasert. Bei der zweiten Version ging Huber auf Nummer sicher: Sie besteht aus einer Metalllegierung.

- Während der Patron der kurz vor der Birmensdorfer Kirche errichteten Michaelskirche in Uitikon zu diskutieren gab – nicht alle Kirchgemeindemitglieder zeigten sich überzeugt vom Erzengel – war in Birmensdorf die Sache klar: St. Martin musste der Namensgeber sein. (GAH)