Mein Ding: Krippenfiguren
Obwohl sie gesichtslos sind: Brigitta Piccolos Figuren haben eine einzigartige Persönlichkeit

Die Dietikerin Brigitta Piccolo verlor aufgrund ihrer Epilepsie ihre Stelle bei der Spitex. Dafür fand sie ein neues Hobby. Seit 20 Jahren stellt die 54-Jährige Krippenfiguren her.

Christian Tschümperlin
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Für Brigitte Piccolo vergeht die Zeit in ihrem Atelier im Nu.

Für Brigitte Piccolo vergeht die Zeit in ihrem Atelier im Nu.

Christian Tschümperlin

Wir alle kennen sie: Die drei Könige, die Jesus Weihrauch, Gold und Myrrhe darbringen, der Stern, der sie nach Betlehem führte, Hirten, die sich am Lagerfeuer wärmen, Maria und Josef, die den Stall hüten. Es ist diese Vertrautheit mit einer historischen Nacht, die Geborgenheit und Wärme, die sie ausstrahlt, die Brigitta Piccolo schon immer an der Weihnachtsgeschichte fasziniert hat.

Seit bald 20 Jahren stellt die Dietikerin nun in ihrem Atelier Krippenfiguren her. Ihre Figuren sind besonders, denn sie sind gesichtslos. Dennoch kann die 54-Jährige in ihnen einen Gesichtsausdruck erkennen. «Maria schaut zufrieden, stolz und einwenig ängstlich, das Jesuskind ist hellwach und Josef strahlt vor Freude», sagt sie. Piccolo hat eine lebendige Fantasie – wie auch ihre beiden Söhne: Wenn diese mit den Figuren spielen, sei es für sie selbstverständlich, in jeder davon eine einzigartige Persönlichkeit zu erkennen. «Jede meiner Figuren ist ein Unikat, ich mache keine Figur zweimal», sagt sie.

Stelle verloren, neues Hobby gefunden

Piccolo leidet an Epilepsie und verlor deswegen ihre Stelle bei der Spitex. Ihr Mann habe damals immer davon gesprochen, dass er sich gesichtslose Weihnachtsfiguren wünsche. Der Zufall wollte es, dass Piccolo eine Anzeige von Jugend und Freizeit Dietikon in der Zeitung entdeckte. Eine ältere Dame aus Neeracherried habe darin angeboten, ihr Wissen um die Herstellung von sogenannten Schwarzenberger-Figuren weiterzugeben.

Piccolo besuchte die Kursabende und fand dabei ihr neues Hobby, das ihr inzwischen auch Geld einbringt. «Im ersten Jahr habe ich all meine Figuren an einen Freund verkauft, um die Steuern bezahlen zu können», sagt sie. Sie habe damals 14 Tage Zeit gehabt, um für den Geburtstag ihres Mannes neue Figuren herzustellen. Manchmal sei die Produktion aber auch aufwendig. «Ein grosser König war nach 42 Stunden fertig», sagt sie.

Piccolo verkauft die Figuren auch an Weihnachtsmärkten. Eine Figur landete dabei bei der Mutter der Freundin des Fussballers Breel Embolo. Im Gegenzug dazu habe ihr Sohn ein von Embolo unterschriebenes T-Shirt erhalten, erzählt sie stolz. Auch der schweizerische Epilepsie-Verein Epi-Suisse wurde auf Piccolo aufmerksam und widmete ihr einen Artikel. Derzeit stellt die Organisation einer von Piccolos Hirten in London aus. Wer nicht so weit fahren will, kann im Eventlokal Parente in Nesselnbach eine Krippe mit Piccolos Figuren bewundern.

Die Krippe bleibt leer

«Maria, Josef und das Jesuskind sind ein Muss für jede Krippe und sollten zusammen gekauft werden», sagt sie. Die drei Könige aus dem Morgenland und ihre Kamele, die Hirten und Schafe, der Esel und die Engel seien dagegen fakultativ. Es fällt auf, dass bei Piccolo das Jesuskind nicht in der Krippe liegt, sondern in den Armen von Maria. «Welche Mutter nimmt ihr Kind schon nicht in die Arme», sagt sie.

Der Stoff aus, dem die Kleider gemacht sind, kommt aus aller Welt. «Ich komme nie aus den Ferien zurück ohne Stoff», sagt Piccolo. Das Gewand eines ihrer Könige stammt von einem Markt in Ägypten, das eines Engels aus Mexiko. «Ich verhandle auf dem Markt und mein Mann bezahlt», sagt sie. Wenn sie gerade keine Journalisten empfange, türme sie einen Stoffberg im Atelier auf. Sie ziehe dann jenen heraus, der für die Figur passend sei. «Ich bin eine Chaotin, wie viele Künstler», sagt sie.

In ihrem Atelier stehen derzeit rund hundert Figuren. Es riecht nach Seife. «Seife schützt meine Figuren vor Motten, ich habe noch nie eine verloren», sagt sie. Diesen Tipp möchte sie gerne weitergeben. «So sind die Figuren noch gut, wenn man sie nach einem Jahr aus dem Karton nimmt», sagt sie.

In der Rubrik «Mein Ding» stellen Limmattaler ihre Leidenschaft vor. Sind auch Sie «besessen» von einer Sache? Wollen Sie zeigen, was Ihr Ding ist? Dann schreiben Sie uns ein E-Mail an redaktion@limmattalerzeitung.ch oder einen Brief an Limmattaler Zeitung, Redaktion, Heimstrasse 1, 8953 Dietikon.