Heute ist ein Freudentag für Angestellte von Tankstellenshops. Sie unterstehen ab sofort einem neuen Gesamtarbeitsvertrag (GAV), der unter anderem Mindestlöhne und Arbeitszeiten definiert. Er wurde vom Bundesrat für allgemeinverbindlich erklärt. Damit darf in keinem Tankstellenshop in der ganzen Schweiz zu schlechteren Arbeitsbedingungen gearbeitet werden. Die Änderung betrifft auch das Limmattal, denn im Bezirk Dietikon gibt es 15 Convenience-Shops (siehe Karte). So nennt man zusammenfassend beispielsweise Coop Prontos, Migrolinos oder andere Express-Detailhändler.

Die Express-Detailhändler in der Region: Drücken Sie zur Vergrösserung auf die Karte.

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Doch es gibt einen Haken. Der GAV gilt gesetzlich nur in zwölf dieser Limmattaler Shops. Die Angestellten, die in einem Shop ohne Tankstelle arbeiten, gehen leer aus. Tankstellenshops und Shops in Bahnhöfe zählen nämlich zu verschiedenen Branchen, auch wenn sie zur gleichen Kette gehören. Konkret heisst das: Der Coop-Pronto-Verkäufer am Dietiker Bahnhof hat statt 3700 Franken Mindestlohn und einem garantierten Pensum keinen Schutz durch den GAV, weil keine Zapfsäule neben seinem Arbeitsplatz steht. Sein Kollege, der eineinhalb Kilometer Luftlinie entfernt an der Coop-Pronto-Tankstelle in Geroldswil die gleiche Arbeit ausführt, untersteht dagegen dem GAV.

«Brauchen solches Zeugs nicht»

Ein Teil der Shop-Besitzer wendet den GAV aber freiwillig an: so der Spar-Express am Bahnhof Dietikon und der Migrolino am Schlieremer Bahnhof. Die Eigentümer sagen, sie stellten ihre Arbeitnehmer zu den gleichen oder besseren Bedingungen an. «Wir zahlen überdurchschnittliche Löhne, die über dem GAV liegen», sagt Roger Wilhelm, der mit seiner Frau den Spar-Express führt. Gewerkschaften und Gesamtarbeitsverträge sieht er kritisch. «Wir brauchen solches Zeug wie GAVs nicht. Bei uns ist es wie früher: Wir sind verantwortlich für unsere Mitarbeiter und sehen uns als Patrons.» Als einziger nicht über die Arbeitsbedingungen seiner Mitarbeiter sprechen wollte der Eigentümer des Coop Pronto am Bahnhof Dietikon, Bozo Coric – trotz wiederholter Anfragen.

Dass ein derartiger Flickenteppich besteht, ist eine Folge der Geschäftsform, die Coop, Migros und andere grosse Unternehmen gewählt haben, um schnell im stark wachsenden Geschäft der Express-Shops zu expandieren. Das einzige, was die Shops, für die die grossen Player ihre Namen hergeben, verbindet, ist ein Geflecht aus Verträgen. Operativ sind sie trotz Zugehörigkeit zu einer Kette komplett unabhängig. Beispiel Coop: Klein-Unternehmer, die ihr eigener Chef sein wollen, bezahlen einen periodischen Zins an die Coop Mineraloel AG, die zu 100 Prozent der Coop Genossenschaft gehört. Dafür stellt diese das Konzept und den Namen zur Verfügung. Im Fachjargon heisst das Franchising.

Eigentlich hätten Coop und Migros Gesamtarbeitsverträge, die grosszügige Sonntagszuschläge von 50 Prozent und vergleichsweise hohe Mindestlöhne von 3900 Franken für Ungelernte vorsehen. Aber durch das Franchising gehören die Arbeitnehmer nicht mehr zur Muttergesellschaft und unterstehen dem GAV nicht. Die Klein-Unternehmer, die oftmals nur wenig Erfahrung in der Führung von Angestellten haben, können mit Mitarbeitenden völlig frei Verträge abschliessen.

Keine Kontrolle der Arbeitsverträge

«Die einzelnen Shop-Unternehmer sind grundsätzlich frei in der Gestaltung der Arbeitsbedingungen. Wir geben nur Empfehlungen ab», sagt Sabine Schenker, Pressesprecherin der Coop Mineraloel AG. Zur Frage, ob ihre Firma denn die Arbeitsbedingungen auf irgendeine Weise kontrolliere, wird lediglich ausgerichtet: «Unsere Verkaufsleiter sind aktiv in der Beratung der Shopunternehmer.» Migrolino antwortet auf den Fragenkatalog mit neun Fragen nur in drei allgemeinen Sätzen. Man begrüsse das Zustandekommen des GAV und die Migrolino AG werde auch sämtlichen anderen Shops empfehlen, sich dem GAV für Tankstellenshops anzuschliessen. Kontrolle? Fehlanzeige.

Dabei ist es nicht immer eine gute Idee, Shopbetreiber unkontrolliert handeln zu lassen. Das zeigt ein Beispiel eines Migrolino-Shops aus Interlaken, das der «Kassensturz» dieses Jahr öffentlich machte. Dort wurden Angestellte nach Strich und Faden ausgebeutet. Mal durften sie nur zwei Tage pro Woche arbeiten, mal fünf. Die Arbeitspläne kamen sonntags für die folgende Woche. Für zechprellende Kunden mussten die Mitarbeitenden selber aufkommen. Ausserdem wurden sie auf der Verkaufsfläche, in den Lagerräumen und in den Büros per Video überwacht.

Das Beispiel zeigt, wozu es führen kann, wenn grosse Detailhändler Klein-Unternehmer unter ihrem Namen einfach machen lassen. In jenem Fall ging es zufällig um einen Tankstellenshop. Der neue GAV kontrolliert Arbeitsbedingungen in solchen. Doch Ähnliches könnte auch in einem Shop ohne Tankstelle passieren. Und dort gilt noch immer kein Gesamtarbeitsvertrag.