Mein Limmattal
Notvorrat im vollen Bart

Thomas Pfann
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Thomas Pfann ist Musiker und Journalist. Er lebt in Dietikon.

Thomas Pfann ist Musiker und Journalist. Er lebt in Dietikon.

Erinnern Sie sich an den Kinderbuchautor Heiner Gross und seine Geschichte «3:0 für die Bärte»? Da gehts turbulent zu und her und die Männer tragen knielange Bärte. Wenn ichs nicht besser wüsste, würd ich steif und fest behaupten, Heiner Gross ist Dietiker und hat das Buch eben erst geschrieben. Aber er war Winterthurer und brachte die Story 1959 heraus. Der gute Mann besass offensichtlich hellseherische Fähigkeiten, denn kürzlich ergab eine Studie der Luzerner Hirslanden-Klinik, dass Bärte bezüglich Hygiene 3:0 führen – wenn nicht sogar noch mehr. Gegenüber Hunden! Ganz gleich, ob zottelig, glattgekämmt oder im Millimeterschnitt, diese Hunde. Oder Bärte. Egal: In ihren Haaren wohnen Bakterien und es leben in der Mannespracht offensichtlich mehr von den Tierchen als bei Bello oder Rex.

Was hat nun Dietikon damit zu tun? Der Zusammenhang von Bartwuchs und Heiner Gross lässt sich nur wegen des 3:0 herstellen. Mit der Stadt hat es dazu eine andere Bewandtnis: Keine Ahnung, wie sich die Situation in anderen Agglogemeinden präsentiert, aber hier bei uns hat niemand auf diese Hirslanden-Studie gewartet. Scheinbar haben in Dietikon all jene, die Schere, Kamm und Föhn zu führen vermögen, die Chance beim Schopf – oder beim Bart – gepackt und einen Coiffeur-Salon eröffnet. Oder einen Barber-Shop, wie der Hipster zu sagen pflegt – und längst aufgehört hat, sich zu rasieren.

Die Dietiker Coiffeusen und Hairstylisten waren sich schon lange bewusst, dass die Bärte gewinnen würden, und haben beinahe jedes freie Lokal, vom Restaurant über das Inneneinrichtungsfachgeschäft bis zur Modeboutique oder Mercerie, in Haarschneideateliers verwandelt. Es gibt fast 30 davon in der Stadt – und sie sind gegenüber den Gaststätten wohl schon in der Überzahl.

Aber das ist nicht weiter schlimm. Denn solange die Bärte nur gepflegt werden und nicht abgeschnitten, besteht auch für die Gastronomie noch Hoffnung. Denn jetzt, wo man weiss, dass in Voll- und Schnurrbart Tausende kleine Tiere wohnen und dazu manch kleines Restchen vom Mittagessen oder Diner, lassen sich die beiden Branchen vielleicht optimal kombinieren. Ich meine, wieso für den Lunch nicht zuerst den Bart über einem Teller geschüttelt und dann hinauf auf den Barbiersessel, um den Wildwuchs zu stutzen? Da schlägt man gleich zwei Fliegen – oder besser Bakterien – mit einem Bart und muss den Coiffeur nie mehr hungrig verlassen, und ist erst noch gut gestylt!