Fast zwei Jahre lang beschäftigte die Causa Leimgrübler die Öffentlichkeit. Nun wird sie wieder zum Thema: Die Zeitschrift «Beobachter» hat eine der beiden Whistleblowerinnen, die den Fall ins Rollen brachte, für den Prix Courage nominiert (die Schweiz am Wochenende berichtete). Der mit 15 000 Franken dotierte Preis ehrt jedes Jahr «Helden des Alltags» für «ausserordentliche, mutige Taten». Als solche Heldin zur Wahl steht nun die Dietikerin Muriel Pestalozzi. Die damalige Mitarbeiterin des Statthalteramts unterrichtete im Sommer 2015 gemeinsam mit einer Kollegin den Ombudsmann darüber, dass es Hinweise gebe, dass der Statthalter Adrian Leimgrübler das Amt nicht korrekt führe.


«Sie will ihren Ruf verteidigen»


Es folgte eine Untersuchung, die Freistellung und schliesslich fristlose Entlassung Leimgrüblers. Eine Strafuntersuchung wurde wieder eingestellt. Das Verwaltungsgericht bezeichnete später Leimgrüblers fristlose Entlassung als rechtswidrig, wies aber darauf hin, dass er sich mehrere Amtspflichtverletzungen habe zuschulden kommen lassen. Leimgrübler, der sich gegen den Willen seiner Partei, der FDP, wieder zur Wahl stellte, unterlag im Mai 2015 im zweiten Wahlgang seinem Parteikollegen Simon Hofmann.


Dass Pestalozzi mit dieser Nomination an die Öffentlichkeit trete, zeige, wie sie sich wehre, sagt Leimgrübler auf Anfrage: «Sie will ihren Ruf verteidigen – obwohl ich auf allen Ebenen recht bekommen habe.» Mehr wolle er dazu nicht sagen, so Leimgrübler: «Ich stehe langsam über der Sache.»

Fall Biffiger: Prozessdatum noch unklar

Interessant ist die Nomination aber auch aus Sicht von Pestalozzi. Denn auch für sie hatte die Geschichte negative Konsequenzen. Pestalozzi, die nicht mehr auf dem Statthalteramt arbeitet, wurde massiv angefeindet und beleidigt, nachdem die «Limmattaler Gewerbezeitung» in einem Editorial ihren den Namen ihrer Kollegin veröffentlichte und schrieb, die Aussagen der beiden Frauen hätten sich «klar als falsche Anschuldigung herausgestellt». Die Frauen reichten daraufhin Strafanzeige gegen Gregor Biffiger ein, der das Editorial verfasst hatte. Diesen Sommer erhob die Staatsanwaltschaft Anklage. Sie ist der Ansicht, dass sich Biffiger der Verleumdung oder zumindest der üblen Nachrede strafbar gemacht hat, weil er den beiden Frauen vorgeworfen habe, sie hätten den Statthalter zu Unrecht verschiedener Straftaten bezichtigt. Zudem ist Biffiger auch wegen versuchter Nötigung angeklagt. Wann der Prozess stattfinden wird, ist noch nicht klar, wie Pestalozzis Anwalt Ueli Vogel-Etienne am Montag sagte. Biffiger lehne die zuständige Richterin ab, weil diese in der SP sei – wie auch Regierungsrätin Jacqueline Fehr, die Leimgrübler damals entliess. Nun muss das Obergericht über den Antrag entscheiden.


«Ich will der Sache dienen»

Dass sie mit ihrer Geschichte nun selber an die Öffentlichkeit gehe, habe einen einfachen Grund, sagt Pestalozzi auf Anfrage: «Hier geht es ganz klar um das Thema Zivilcourage.» Als der «Beobachter» sich bei ihr gemeldet habe, nachdem im «Tages-Anzeiger» ein anonymisiertes Interview mit ihr erschienen sei, habe sie es sich sehr gut überlegt, ob sie die Nomination annehmen solle. Sie habe sich jedoch dafür entschieden, weil sie überzeugt sei, dass das Thema Whistleblower-Schutz in der Öffentlichkeit mehr Gewicht erlangen müsse. «Ich will damit der Sache dienen», sagt sie. Denn ihr Beispiel habe gezeigt, was schieflaufen könne, selbst wenn man sich als Whistleblower korrekt verhalte.


Pestalozzi wird sich zumindest nicht mehr vor Gericht verantworten müssen. Denn wie Leimgrübler am Montag sagte, werde dieser Tage gegen die zweite Whistleblowerin Strafanzeige wegen falscher Anschuldigungen eingereicht. Von einer Anzeige gegen Muriel Pestalozzi sehe man ab. Pestalozzis Anwalt Vogel hatte es schon früher als «völlig aussichtslos» bezeichnet, jemanden zu verklagen, der sich an die Ombudsstelle wende. Denn genau dafür sei die Stelle ja geschaffen worden.