Anfänglich schien es die Liebe des Lebens zu sein. In den 1960er-Jahren traf ein gelernter Schreiner aus Italien in den Bündner Bergen seine Traumfrau. Sie ist Spanierin und kam aus Madrid in die Schweiz. Die beiden waren so verliebt, dass sie bald darauf heirateten und zwei Kinder kriegten.

Damals konnte niemand erahnen, dass 50 Jahre später alles anders sein würde. Der zwischenzeitlich 76-jährige Ehemann sass kürzlich im Saal 1 des Bezirksgerichts Dielsdorf. Seine Ehefrau beschuldigt ihn der Vergewaltigung, Nötigung und Drohung. Die Liebe ist längst verflogen. Ein Ehepaar sind die beiden aber noch immer. «Wir sind noch nicht geschieden, aber es ist geplant», sagte der Beschuldigte.

Regelmässige Drohungen

Die Spanierin erhebt schwere Vorwürfe gegen den Mann. In der Anklageschrift heisst es: «Der Beschuldigte drohte der Geschädigten regelmässig alle drei bis vier Wochen, er werde ihren Hintern auf den Herd setzen, wenn sie zur Polizei gehe. So wollte er verhindern, dass sie eine Anzeige bei der Polizei wegen häuslicher Gewalt erstattet.»

Der Italiener soll seine Ehefrau nämlich jahrzehntelang vergewaltigt haben, jeden Tag. «Trotz ihrer verbalen Ablehnung packte der Beschuldigte seine Partnerin und hatte Geschlechtsverkehr mit ihr. Aus Furcht vor angedrohten Schlägen verzichtete sie darauf, sich zur Wehr zu setzen», heisst es in der Anklage weiter.

Staatsanwältin: «Keine Lügen»

«Im vorliegenden Fall gibt es keine Zeugen», sagte Staatsanwältin Nathalie Godan Gacesa: «Ich kann einzig von den Aussagen der Ehefrau ausgehen.» Sie könne sich jedoch nicht erklären, wieso die Spanierin alle Vorwürfe erfunden haben soll. «Sie behauptet nicht einfach so, dass der Mann gedroht hat, ihren Hintern auf den Herd zu setzen. Das wäre zu sehr an den Haaren herbeigezogen.» Ausserdem seien die Aussagen des Italieners verdächtig. «Er nimmt nur knapp Stellung und versucht, von sich abzulenken, indem er sagt, seine Frau habe ihn beleidigt.»

Im Anklagepunkt Vergewaltigung hatte aber auch Godan Gacesa Zweifel, ob die Aussagen der Geschädigten wahr seien. «Ihre Aussagen waren bei der Befragung durch die Staatsanwaltschaft genauer als jene, die sie einige Wochen zuvor bei der Polizei gemacht hat.» Im Normalfall gingen aber mit der Zeit eher Details vergessen, als dass neue hinzukämen. «In diesem Punkt ist von einer Verurteilung bis zu einem Freispruch alles möglich.» Auch die Geschädigtenvertreterin betonte, die Spanierin habe die Vorwürfe nicht frei erfunden: «Dafür sind ihre Aussagen zu flüssig, konsistent und lückenlos.»

Freiheitsstrafe bis 24 Monate gefordert

Die Staatsanwältin forderte eine bedingte Freiheitsstrafe von acht Monaten, falls es einen Schuldspruch wegen Drohung und Nötigung gebe. Werde der Italiener auch wegen Vergewaltigung schuldig gesprochen, sei er mit einer bedingten Freiheitsstrafe von 24 Monaten zu bestrafen. Die Geschädigtenvertreterin fordert dazu, dass der Beschuldigte der Frau 35 000 Franken Genugtuung zahlen müsse.

Verteidiger Beat Cadosch forderte einen Freispruch in allen Punkten. «Wäre er ein Tyrann, hätte er schon viel früher Probleme mit der Justiz gehabt», sagte er. Sein Vorstrafenregister sei aber leer. Zudem hätten die beiden Söhne sowie eine Freundin der Geschädigten keine der Anschuldigungen bestätigt. «Es ist davon auszugehen, dass sich die Mutter mindestens an die Söhne gewandt hätte, wenn sie über so viele Jahre leiden musste.»

Richter: «Keine Beweise»

Nun lag es am Gericht, ein Urteil zu fällen. Dieses sprach den Angeklagten frei. «Es ist durchaus möglich, dass die Ehefrau die Wahrheit sagt», hielt Richter Andreas Bleuler fest. «Für das Gericht bestanden aber unüberwindbare Zweifel an den Aussagen. Zudem liegen keine objektiven Beweise vor.» Es handle sich um sehr pauschale Behauptungen mit wenigen Details.

Doch auch nicht alle Einwände des Ehemannes seien glaubwürdig. Letztlich seien die Aussagen der beiden Söhne ausschlaggebend für den Freispruch gewesen. «Sie haben ausgesagt, dass ihre Mutter durchaus in der Lage gewesen ist, sich zu wehren.»

Staatsanwaltschaft müsste Potenz überprüfen

Einen weiteren entlastenden Punkt sah das Gericht in der Verjährung der Taten, die bei Sexualdelikten zehn Jahre beträgt. Das Gericht urteilte daher nur über die Vorwürfe für die Jahre 2004 bis 2012. Der Beschuldigte sagte, er habe im Jahr 2004, als er bereits 63 Jahre alt war, Erektionsprobleme gehabt und sei gar nicht mehr fähig gewesen, Geschlechtsverkehr zu haben.

Belegen konnte er das aber nicht. Bleuler sagte dazu: «Es wäre die Aufgabe der Staatsanwaltschaft gewesen, die Potenz zu überprüfen.» Die Staatsanwältin konnte sich nach dieser Aussage ein Lachen nicht verkneifen.