Oetwil

Nicht nur Beruf, sondern Berufung – er ist seit 40 Jahren Wirt aus Leidenschaft

Michaela und Albert Kappeler wirten seit zehn Jahren im Restaurant Freihof in Oetwil. Davor leitete das Ehepaar ein Hotel im Baselbiet.

Michaela und Albert Kappeler wirten seit zehn Jahren im Restaurant Freihof in Oetwil. Davor leitete das Ehepaar ein Hotel im Baselbiet.

Albert Kappeler wird im Sommer 65 Jahre alt. Für ihn und seine Frau Michaela ist das aber noch lange kein Grund, das Restaurant Freihof in Oetwil abzugeben.

In Farbe und in schwarz-weiss lächeln sie im Fussballtrikot, mit Krone auf dem Kopf, Boxhandschuhen oder einem Mikrofon in der Hand dem Gast entgegen. «Für Albert. Das Essen war spitze», steht auf der Autogrammkarte von Ex-FCZ-Spieler und Fussballtrainer Urs Schönenberger. «Seine Schwiegereltern wohnen in Oetwil, deshalb kommt er ab und zu zum Essen vorbei», sagt Albert Kappeler und blickt auf die Wand im Korridor des Restaurants Freihof in Oetwil. Den Weg zur Toilette säumen zahlreiche eingerahmte Bilder und Autogrammkarten. «Da war ‹Derrick›-Darsteller Horst Tappert zu Besuch in der ‹Alten Post› in Oetwil und hier kamen Kliby und Caroline zur Plattentaufe in die Hostellerie in Geroldswil», sagt der 64-Jährige. «Diese Wand spiegelt das Leben meines Mannes wider», bringt es Michaela Kappeler auf den Punkt. Das Ehepaar wirtet seit zehn Jahren im Restaurant Freihof in Oetwil und serviert den Gästen in ihrer kleinen Dorfbeiz mit 20 Plätzen währschafte Schweizer Küche.

Wie die reich verzierte Wand es bereits andeutet, kann Albert Kappeler auf eine lange Wirte-Karriere zurückblicken. Dieses Jahr feiert er sein 40-jähriges Jubiläum als Gastgeber. «Im Sommer erreiche ich das Pensionsalter, doch ich kann mir nicht vorstellen aufzuhören», sagt er. Solange es seine Gesundheit zulasse, werde er weitermachen. «Das Wirten ist nicht nur mein Beruf, sondern meine Berufung.» Er kenne nichts anderes, als für andere Leute da zu sein. «Es ist das Grösste für mich, wenn ich merke, dass die Gäste Freude haben und ihnen mein Essen schmeckt.»

Das Gastgebersein wurde Kappeler sozusagen in die Wiege gelegt. Seine Eltern führten ein Restaurant in der Stadt Zürich. «Schon als Fünfjähriger wusste ich, dass ich Koch werden will», erinnert sich Kappeler. In Basel absolvierte er eine Kochlehre. Sein Handwerk lernte er zudem in Küchen renommierter Häuser wie dem Grand Hotel Palace in St. Moritz, dem Dolder Grand oder dem Hotel St. Gotthard in Zürich. 1975 verschlug es Kappeler erstmals ins Limmattal. «Im Hotel Geroldswil, damals nannte man es noch Hostellerie, suchte man eine Aushilfe. Ich sprang zwei Tage ein und wurde gebeten, zu bleiben.» Das tat er bis 1980.

Dann bot sich Kappeler eine neue Herausforderung. «Das Restaurant Alte Post in Oetwil wurde frei und ich packte die Gelegenheit, mich selbstständig zu machen. Unterdessen hatte ich nämlich auch die Wirteprüfung abgeschlossen.» Er habe sich sofort in die schöne Terrasse des Gasthauses mit Blick auf die Limmat verliebt. Mit seiner damaligen Partnerin wirtete er fast 15 Jahre in Oetwil. Ihr unerwarteter Tod bedeutete jedoch das Ende in der «Alten Post». «Ich konnte den Betrieb nicht mehr ohne sie führen», sagt Kappeler und seine Augen füllen sich mit Tränen.

In der «Linde» Weiningen lernten sie sich kennen

Das Glück kehrte in der «Linde» Weiningen zurück. Dort lernte Kappeler vor 25 Jahren seine Frau Michaela kennen. «Ich unterstützte den Wirt beim Kochen. Michaela arbeitete ebenso in der Küche. So begegneten wir uns das erste Mal.» Kurz darauf übernahm Kappeler den «Zürcherhof» in Zürich Oerlikon. «Albert brauchte Hilfe im Service und fragte mich, ob ich ihm unter die Arme greifen kann. Seit dem sind wir unzertrennlich», sagt Michaela Kappeler und ihr Mann lächelt. Die beiden zog es jedoch bald in die baselbieter Heimat der 52-Jährigen. Von 1998 bis 2010 betrieben sie in Liesberg ein eigenes Hotel samt Gastwirtschaft. «Unterdessen hatten wir zwei kleine Kinder. Meine Eltern, die in der Nähe wohnten, halfen uns bei der Betreuung», sagt Michaela Kappeler.

Albert Kappeler wurde das Gastgebersein sozusagen in die Wiege gelegt. Seine Eltern führten ein Restaurant in der Stadt Zürich. Bereits als Fünfjähriger wollte Kappeler Koch werden.

Wirt seit 40 Jahren

Albert Kappeler wurde das Gastgebersein sozusagen in die Wiege gelegt. Seine Eltern führten ein Restaurant in der Stadt Zürich. Bereits als Fünfjähriger wollte Kappeler Koch werden.

Das Hotel mit 14 Betten war stets gut besetzt. Doch mit der Zeit plagte Albert Kappeler das Heimweh nach Zürich. «Zudem hatten wir mit Neidern zu kämpfen. Nicht alle gönnten uns den Erfolg», erzählt Michaela Kappeler. Und so kam es, dass die Kappelers zurück ins Limmattal zogen. «Innerhalb von fünf Wochen verkauften wir das Hotel und richteten uns in Oetwil ein», sagt Albert Kappeler. Und hier wohnen sie noch heute über dem «Freihof» in der Wirtewohnung mit ihren erwachsenen Kindern Caroline und Olivier. Wenn Not am Mann ist, können die Kappelers auf die Hilfe ihres Nachwuchs zählen. Der «Freihof» ist mehr als ein Restaurant für die Familie. «Wenn wir gemeinsam etwas kochen und essen, machen wir das meistens unten in der Beiz. Hier ist alles dafür eingerichtet, in der Wohnung ist der Platz begrenzt», sagt Michaela Kappeler. Gastgebersein hat jedoch auch seine Schattenseiten. «Man arbeitet 70 bis 100 Stunden pro Woche. Privates bleibt oft auf der Strecke.» Ihre Kinder hätten oft einstecken müssen. «Dafür haben wir nie auf Ferien verzichtet und uns dann vollends auf die beiden konzentriert», sagt Albert Kappeler.

Tankstellenshops veränderten Gastgewerbe

In den vier Jahrzehnten als Wirt hat Kappeler den Wandel im Gastgewerbe miterlebt. «Vor 40 Jahren öffnete man das Restaurant am Morgen und schloss es spät abends. Vielfach musste man die Leute fast aus der Beiz hinauswerfen», erinnert er sich. Heute verweilt man nicht mehr so lange im Restaurant. «Das hat wohl auch finanzielle Gründe. Das Geld sitzt nicht mehr so locker. Die Leute überlegen es sich zwei Mal, ob sie auswärts essen gehen oder nicht. Man hat andere Prioritäten, gibt das Geld lieber für Ferien aus», sagt Kappeler. Zudem sei das Angebot heute viel grösser als früher. «Die längeren Ladenöffnungszeiten und die Tankstellenshops sind uns Wirten nicht dienlich.» Auch das Rauchverbot in Gaststätten und die Online-Bewertungsplattform Tripadvisor hätten der Branche zugesetzt, findet Albert Kappeler. «Du bist den Einträgen im Internet ausgeliefert. Selber kann man sie nicht löschen, sie stehen für immer dort, auch wenn die Kritik zum Teil nicht berechtigt ist», sagt Michaela Kappeler.

Doch das Ehepaar liess sich von all den Widrigkeiten nicht beirren. «Wir sind froh, eine so tolle Kundschaft zu haben.» Über die Jahre sind ein paar Gäste sogar zu Freunden geworden. «Wir verbringen ab und an mal einen gemütlichen Racletteabend mit einigen von ihnen», sagt Albert Kappeler. Es seien diese Menschen, die treuen Stammkunden, für die er auch in Zukunft jeden Tag gerne im «Freihof» am Herd stehen wolle.

Autor

Sibylle Egloff

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