Frank Urbaniok bekommt jede Woche eine Todesdrohung. Trotzdem ist er ein Mann der klaren Worte geblieben: «Nicht jeder hat eine zweite Chance verdient.» Und: «Keine Straftat kommt aus heiterem Himmel. Im Gegenteil: Menschliches Verhalten ist sogar relativ gut vorhersehbar.» Mit seinen «Fakten, die niemand wissen will» schockierte er bei seinem Vortrag das Publikum im Üdiker-Huus.

Urbaniok erinnert daran, dass in der Realität eben nicht jeder Krimi nach 45 Minuten vorüber sei, und dass in 99 Prozent aller Fälle der Straftäter aus dem Gefängnis wieder entlassen werde. Der Psychiater ist ein unterhaltsamer Redner, auch wenn sein Thema sonst wenig zu lachen gibt. Er wählte eine gut verständliche Sprache und wirkte auch ohne Fachjargon kompetent.

Über den Fall Carlosund horrende Therapiekosten hält sich Urbaniok nicht lange auf, sondern liefert eine Statistik über Rückfallquoten nach der anderen. Schliesslich bringt er die Zuhörer zum Nachdenken: «Die Frage ist einzig: Taucht in ihrer Nachbarschaft ein therapierter oder ein nicht therapierter Sexualstraftäter auf.»

In einer therapeutischen Behandlung müssten sich Vergewaltiger, Nötiger und Mörder akribisch mit ihrem Problem auseinandersetzen, erklärte der Therapeut. Je länger die Therapie, desto besser das Resultat.

Von einem Zuschauer nochmals auf die Kostenfrage der Behandlungen von Gewalttätern angesprochen, zitierte Urbaniok Studien, welche die Wirksamkeit von teuren Therapien untersuchten. Von diesen gebe es nämlich zuhauf – vor allem im angelsächsischen Raum. «Konservative Schätzungen gehen davon aus, dass jeder Dollar, der in die Behandlung von Straftätern investiert wird, dem Staat vier Dollar in der Kriminalitätsbekämpfung einspart», sagte Urbaniok. So mache es nicht nur menschlich, sondern auch finanziell Sinn, in die Prävention von Straftaten zu investieren – inklusive teuren Therapien für Gewaltverbrecher. «Und vergessen wir nicht: Jede Straftat ist eine zu viel», schloss Urbaniok seinen Vortrag.

In der ersten Hälfte des Referats hatte er zuvor die reisserische Berichterstattung über Sexual- und Gewaltverbrechen in den Medien kritisiert. «Kann ein Drogenabhängiger ein guter Apotheker sein?», hatte Urbaniok polemisch gefragt und danach den Junkie mit dem Journalisten verglichen, für den Straftaten ein gefundenes Fressen seien. Der Medienschaffende könne der Verführung voyeuristisch zu schreiben kaum widerstehen, auch wenn er wisse, dass die «Wutbürger» nur darauf warteten, über das Justizsystem zu schimpfen.

Zum Schluss stellte Urbaniok sich Fragen zur Todesstrafe, zur Kastration als Behandlungsmethode und schliesslich auch zur Modediagnose «psychopathisch» für erfolgreiche Menschen. Die auf das Referat folgende Fragerunde wurde schliesslich zu später Stunde abgebrochen. Denn während Ottmar Hitzfeld zuvor auf dem Fussballplatz nebenan Junioren trainiert hatte, wartete, so schien es, die andere Hälfte der Uitiker Bevölkerung mit weiteren Zuschauern rund 80 Minuten im Üdiker-Huus auf den Psychotherapeuten, weil dieser noch in der Sendung Arena mitdiskutierte.

Langweilig wurde es in der Zwischenzeit allerdings niemandem: Es wurde gemütlich gespeist – auf Kosten Urbanioks, der auf sein Referatshonorar verzichtete. Für den Psychotherapeuten ist Uitikon ein aussergewöhnlicher Ort; kam er doch vor fast 20 Jahren aus seiner deutschen Heimat als Oberarzt direkt ins Massnahmezentrum, um dort zu arbeiten.