Familienartikel
Nicht alle im Limmattal haben ein genügendes Betreuungsangebot

Der Familienartikel ist vom Tisch. Ein Blick auf den kantonalen Betreuungsindex zeigt: Die Limmattaler Gemeinden, die bei den Betreuungsstrukturen am meisten Nachholbedarf hätten, haben den Artikel am deutlichsten verworfen.

Sophie Rüesch
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Auf nationaler Ebene scheiterte der Familienartikel, im Bezirk Dietikon wäre er mit 50,68 Prozent angenommen worden. Aber auch im Limmattal gibt es den Stadt-Land-Graben.

Auf nationaler Ebene scheiterte der Familienartikel, im Bezirk Dietikon wäre er mit 50,68 Prozent angenommen worden. Aber auch im Limmattal gibt es den Stadt-Land-Graben.

Flavio Fuoli

Dass der Familienartikel am letzten Sonntag an der Urne Schiffbruch erlitt, kam für viele überraschend. Überfällig sei das Bekenntnis zur Familie und im Licht der Gleichstellungsarbeit vor allem auch zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie, waren sich die Befürworter einig. Die Abstimmungsresultate zeigten aber, dass diese Meinung in der Schweiz nicht von allen geteilt wird – auch im Limmattal nicht.

Der Artikel, der nicht etwa am Gesamtstimmenanteil, sondern am Ständemehr scheiterte, wurde im Bezirk Dietikon mit einem Ja-Stimmen-Anteil von 50,68 Prozent zwar knapp gutgeheissen. Wären die Bezirke nach Bundesmodell gegliedert, wäre der Artikel aber auch hier nicht durchgekommen, lehnten ihn doch 6 der 11 Bezirksgemeinden ab.

Betrachtet man die einzelnen Gemeinden, tut sich auch im Limmattal, ähnlich wie auf Bundesebene, ein Stadt-Land-Graben auf, oder genauer gesagt, ein Graben zwischen den kleineren und den grösseren Gemeinden. Die Gemeinden, die Nein sagten, nämlich Oetwil, Unterengstringen, Geroldswil, Aesch, Weiningen und Uitikon, weisen im Bezirksvergleich auch die tiefsten Bevölkerungszahlen auf. Die Städte und grösseren Gemeinden Dietikon, Schlieren, Urdorf, Oberengstringen und Birmensdorf stimmten dem Artikel hingegen zu.

Vielfältige Gründe

Die Gründe hierfür sind vielfältig. Lässt man die parteipolitische Instrumentalisierung des Themas ausser Acht, stellt sich vor allem die Frage, wofür der Artikel, dessen Forderungen sehr allgemein gehalten sind, in den Köpfen der Wählerinnen und Wähler zu stehen kam. Im öffentlichen Diskurs wurde jedoch ein Aspekt klar schwerer gewichtet als jedes andere: das der familienergänzenden Kinderbetreuung. Denn neben der Präambel, dass die Kantone die Bedürfnisse der Familien zu berücksichtigen und diese zu schützen haben, sieht der Familienartikel vor allem auch ein Bekenntnis zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf vor. Insbesondere zur Gewährleistung eines «bedarfsgerechten Angebots an familien- und schulergänzenden Tagesstrukturen» hätten sich die Kantone bei einer Annahme des Artikels verpflichtet gesehen.

Kantonaler Betreuungsindex

Betrachtet man das Betreuungsangebot im Bezirk Dietikon, tritt eine interessante Korrelation zum Stimmverhalten zutage: Die Gemeinden, die den Artikel ablehnten, sind mit nur einer Ausnahme diejenigen mit dem schlechtesten Betreuungsangebot. Dies geht zumindest aus dem kantonalen Kinderbetreuungsindex hervor, der nach den Kriterien Betreuungsplätze und Subventionen eine Rangliste der Zürcher Gemeinden aufstellt.

Der kantonale Kinderbetreuungsindex: grosse Unterschiede zwischen Limmattaler Gemeinden

Der Kanton bewertet die Betreuungssituation in den 155 Zürcher Gemeinden seit neun Jahren mit dem Kinderbetreuungsindex. Dafür wird die Zahl der Betreuungsplätze wie Krippen, Horte, Mittagstische oder Tagesfamilien in einer Gemeinde mit der Finanzierung dieser Institutionen durch die öffentliche Hand verrechnet. Der aktuelle Index wurde im Juli 2012 veröffentlicht und beruht auf Erhebungen aus dem Jahr 2011. Gesamtkantonal ist das Angebot in diesem Jahr stark ausgebaut worden: 2011 wurden 35 300 Kinder auf 25 600 Plätzen familien- und schulergänzend betreut, das sind 1800 Plätze und Kinder mehr als noch im Vorjahr. Das Wachstum von Angebot und Nachfrage dürfte angesichts der steigenden Zahl berufstätiger Eltern und dem Bevölkerungszuwachs im Kanton seither kaum abgenommen haben. Im Index sind auch erhebliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Gemeinden festzustellen. Allgemein gilt: Je mehr Kinder in einer Gemeinde wohnen, desto eher wird dort eine institutionelle Betreuung angeboten.


Dies bestätigt mit wenigen Ausnahmen auch ein Blick auf die Gemeinden des Bezirks Dietikon: Das beste Ergebnis erzielten die drei grössten Gemeinden Dietikon (Rang 17), Schlieren (Rang 42, der dank neuem Subventionssystem im nächsten Index aber höher sein dürfte) und Urdorf (Rang 30). Auf den mittleren Rängen tummeln sich die Gemeinden Uitikon (43), Birmensdorf (47), Weiningen (61), Aesch (86), Unterengstringen (97) und Geroldswil (100); im letzten Drittel der kantonalen Gemeinden finden sich Oberengstringen (111) und Oetwil (130). Hier fallen nur die kleinste Gemeinde, Aesch, mit einem verhältnismässig guten Betreuungsangebot und die viertgrösste Gemeinde Oberengstringen, die vergleichsweise schlecht abschnitt, aus dem Rahmen. (rue)

Heisst das, dass diese Gemeinden die Kinderbetreuung selbstständig organisieren und keine staatliche Schützenhilfe zur Erweiterung öffentlicher Betreuungsangebote nötig haben? Karin Boog (FDP), Sozialvorsteherin in Oetwil – der Gemeinde, die im Betreuungsindex das bezirksweite Schlusslicht bildet und den Familienartikel mit 43,46 Prozent Ja-Anteil am wuchtigsten verwarf – meint: Ja, aber. Zwar bestätigt sie, dass in Oetwil der Bedarf nach familienergänzender Betreuung offensichtlich kleiner sei als in anderen Limmattaler Gemeinden: «Bei uns organisieren sich die Familien mehrheitlich selbst – unter anderem wohl auch deshalb, weil wir keine gemeindeeigene Kinderkrippe haben», sagt sie. Dazu räumt sie ein, dass Oetwil im Vergleich zu anderen Gemeinden «wohl eher traditionellere Familienstrukturen» aufweise. Dass die Familien in der Gemeinde eine durch die öffentliche Hand subventionierte Betreuungsstruktur nicht nötig haben, weist sie aber entschieden von der Hand. Die familienergänzende Betreuung «ist auf jeden Fall ein sehr wichtiges Thema, an dem wir als Gemeinde dranbleiben wollen», so Boog. Deshalb soll der Gemeindeversammlung im Mai auch ein Unterstützungsreglement vorgelegt werden, das einkommensabhängige Subventionsbeiträge vorsieht, auch für Angebote ausserhalb der Gemeinde.

«Das Angebot ist da»

Die einzige Gemeinde , bei der ein tiefer Betreuungsindex nicht mit einem Nein zum Familienartikel einhergeht, ist Oberengstringen. Die viertgrösste Gemeinde steht im Index bezirksweit zwar an zweitletzter Stelle, sprach sich jedoch für den Artikel aus – wenn auch mit 51,08 Prozent sehr knapp. Ein Zeichen, dass sich die Oberengstringer ein breiteres Betreuungsangebot wünschen? «Das Angebot ist da», sagt Sozialvorsteherin Käthi Mühlemann (SP), «doch bei der Subventionierung haperts.» Mit zwei Kinderkrippen, einem Hort, einem Mittagstisch und zwei Spielgruppen sei zwar ein der Nachfrage genügendes Angebot vorhanden. Es gibt in aber noch kein Subventionsreglement für die vorschulische Kinderbetreuung. «Das Bedürfnis nach Unterstützung ist ausgewiesen und erkannt», sagt Mühlemann. Sie hofft, dass sie noch dieses Jahr mit einem Reglement vor die Gemeindeversammlung treten kann. Auch ihr schwebt ein Bonmodell vor, «das Sozialhilfeempfänger gegenüber Familien mit bescheidenem Einkommen nicht bevorzugt». Auch wolle man der überregionalen Tagesfamilienorganisation des Sozialdienstes Limmattal beitreten. Doch auch in ihrer Gemeinde würden sich viele Familien und alleinstehende Elternteile untereinander organisieren. Deshalb geht Mühlemann auch nicht davon aus, dass ein grösseres Angebot an Betreuungsplätzen überhaupt genutzt würde. «Schon jetzt ist verblüffend, wie wenig das bestehende Angebot genutzt wird», sagt sie.

«Wir haben genug Betreuungsplätze, auch für die neu entstehenden Quartiere wie das Limmatfeld»

In der Stadt Schlieren , die dem Familienartikel mit 55,69 Prozent Ja-Stimmen am deutlichsten zustimmte, sieht man hingegen keinen weiteren Handlungsbedarf im Bereich Betreuungsstrukturen. «Wir sind eingerichtet. Wenn Sie Ihr Kind morgen in einer Krippe anmelden möchten, hat es Platz», sagt Sozialvorstand Robert Welti (EVP). Im Index schnitt die Stadt zwar hinter Dietikon und Urdorf ab. In diesem Fall ist er aber auch wenig aussagekräftig. Der aktuellste Index beruht auf Daten von 2011, Schlieren führte Anfang 2012 jedoch ein Subventionsreglement ein, das den Einwohnerinnen und Einwohnern je nach Einkommen und Haushaltsgrösse Rabatte von bis zu 80 Prozent auf Betreuungstarife gewährt. Welti ist überzeugt, dass Schlieren mit einem Angebot, das unter anderem vier Kinderkrippen, eine Mitgliedschaft in der überregionalen Tagesfamilienorganisation und «ein recht grosszügiges Subventionsmodell» umfasst, seine Hausaufgaben vorläufig gemacht hat.

Dass Gemeinden mit spärlicherem Angebot dem Artikel skeptischer gegenüberstanden, erstaunt ihn nicht: «Diese scheuen sich wohl vor den Kosten, die eine solche Umstellung mit sich bringt.» Noch vor Schlieren führte Dietikon ein subjektbasiertes Gutscheinsystem ein, das Eltern bei der Kinderbetreuung finanziell unter die Arme greift. Im Betreuungsindex ist die Stadt bezirksweit Spitzenreiter, in der kantonalen Rangliste nimmt sie den 17. Platz ein. Zum Dietiker Angebot gehören mehrere Kinderkrippen, die Mitgliedschaft im Sozialdienst Limmattal sowie Hort-, Mittagstisch- und Spielgruppenplätze. Für Sozialvorstand Johannes Felber (CVP) ist klar: «Wir haben genug Betreuungsplätze, auch für die neu entstehenden Quartiere wie das Limmatfeld.» Auch sei die finanzielle Unterstützung bei der Kinderbetreuung in der Stadt gut geregelt.

Dass 52,06 Prozent der Dietiker Ja zum Familienartikel sagten, weise darauf hin, dass die Stimmbevölkerung mit dem Angebot der Stadt zufrieden ist. Für ihn stand jedoch auch schon vor der Abstimmung fest, dass «weder ein Ja noch ein Nein zum Artikel einen unmittelbaren Einfluss» auf die Sozialpolitik der Stadt haben werde. Dies, weil Dietikon die Familienfreundlichkeit als Ziel im Regierungsprogramm verankert hat und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie «in Dietikon bereits umgesetzt ist».

Städte stehen unter grösserem Druck ein genügendes Betreuungsangebot zur verfügung zu stellen

Überhaupt bestehe «in städtischen Gebieten ein weniger akuter Bedarf nach einem Ausbau der Betreuungsstrukturen», meint Felber. Das rühre daher, dass Städte schon immer unter grösserem Druck standen, ein genügendes Betreuungsangebot zur Verfügung zu stellen als ländliche Gemeinden.

Auch nach dem Scheitern des Familienartikels bleibt die familienergänzende Kinderbetreuung im Limmattal also ein Thema. Mit dem Entstehen von neuen Quartieren und anhaltendem Bevölkerungswachstum wird es in absehbarer Zeit auch nicht an Dringlichkeit verlieren. Die grösseren Gemeinden sind den kleineren in Angebot und Subventionsstrukturen voraus – ob in den letzteren das Bedürfnis aufzuholen aber überhaupt vorhanden ist, ist nach den Ereignissen des letzten Sonntags fraglicher denn je.

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