Seit 2017 gilt das neue Kindesunterhaltsrecht, das – zumindest theoretisch – die traditionelle Rollenaufteilung aufweicht, indem es Väter nicht mehr automatisch zu blossen Zahlern degradiert und Mütter nicht mehr zum vornherein an den Herd und in die Kinderstube verbannt. Für Väter ist es etwas einfacher geworden, vermehrt Betreuungsaufgaben zu übernehmen. Beide Elternteile müssen, ob verheiratet oder nicht, bei einer Trennung dem betreuenden Partner Ersatz für dessen Erwerbsausfall zahlen. Das Bundesgericht hat dazu Regeln erlassen: Nicht erst ab 10 Jahren wie bisher wird dem Betreuenden eine Erwerbsarbeit zugemutet, sondern schon ab Schuleintritt des Kindes (siehe Box).

Was bringen diese Neuerungen für die Gleichstellung der Geschlechter? Welche Chancen und Risiken bergen sie? Solche und ähnliche Fragen bildeten den Ausgangspunkt einer kompetent besetzten Podiumsdiskussion im Kino Kosmos in Zürich, kürzlich veranstaltet von der städtischen Fachstelle für Gleichstellung. Die Teilnehmenden: Christiana Fountoulakis, Rechtsprofessorin an der Uni Freiburg, Markus Theunert, Geschäftsleiter von Männer.ch, SP-Nationalrätin Yvonne Feri, Geschäftsleiterin des Verbandes alleinerziehender Mütter und Väter, sowie Urs Gloor, Rechtsanwalt, Familienmediator und Zürcher Bezirksrichter.

In erster Linie fürs Kind

Was die Neuerungen für die Gleichstellung bedeuten und welche Familienvorstellung sich darin spiegeln, wollte Moderatorin Olivia Kühni wissen. Fountoulakis hatte zuvor in einem Referat darauf hingewiesen, dass das neue Unterhaltsrecht im Kern die Gleichstellung der ehelichen und nicht ehelichen Kinder anpeilt und eben nicht primär die Gleichstellung der Mütter und Väter.

Die übrigen Teilnehmer der Runde fanden dennoch, das Gesetz wirke in Richtung Gleichstellung. Weil dahinter die Idee stehe, dass beide Elternteile erwerbstätig sein sollten, wie Theunert sagte. Gloor findet ebenfalls, «egalitäre Betreuungsmodelle» würden gefördert, indem es Frauen Anreize biete, trotz Kindern im Beruf zu bleiben. Diese Neuerungen hätten durchaus die Kraft, neue Normen in der Gesellschaft zu schaffen.

Einig war sich die Runde in der positiven Gesamtbeurteilung. Feri sprach von einem «guten, fortschrittlichen», weil geschlechtsneutral formuliertem Gesetz. Gut findet sie auch, dass das Kind im Zentrum steht. Fountoulakis wies auf den Gegensatz zwischen diesem «modernen Unterhaltsrecht» und dem veralteten Eherecht aus den 70er Jahren hin. Auch Theunert findet die Gesetzesrevision als weise.

«Aber mit der Umsetzung bei den zuständigen Gerichten hapert es noch», sagte er. Diese verhielten sich noch sehr unterschiedlich – die einen fortschrittlich, die anderen konservativ. Männer müssten nicht nur die Möglichkeit zu Betreuungsarbeit haben, sondern ein Recht darauf, findet Theunert. Fountoulakis sieht ebenfalls Mängel in der Praxis. Vieles sei noch Theorie. Feri formulierte es so: «Das neue Recht muss sich in der Gesellschaft und in der Rechtsprechung zuerst noch richtig durchsetzen.»

Mehrfach wiesen die Teilnehmenden darauf hin, dass junge Paare, die ein Kind wollen oder schon haben, gut daran tun, sich frühzeitig über die Betreuung des Nachwuchses zu verständigen. Funktioniere die Kommunikation bereits nicht mehr, werde es schwierig, eine Lösung zu finden, sagte Gloor, der auf seine Mediator-Erfahrungen zurückgriff. «Mütter befürchteten oft, Männer könnten nicht richtig betreuen.»

Generell findet er es besser, bei Konflikten zuerst eine Mediation zu versuchen statt gleich vor Gericht zu gehen. Eine Zwangsmediaton bei Problemfälle fände Gloor nicht abwegig. Feri sieht es ähnlich. Paare müssten besser vorbereitet sein auf Nachwuchs: Es sei befremdend, dass es für Hundehalter obligatorische Kurse gebe, aber nichts dergleichen für werdende Eltern. Immerhin trenne sich die Hälfte der Paare mit Kindern.