Interview

Neuer Schlieremer Pfarrer: «Möglicherweise wurden wir Reformierten ein wenig zu brav»

Pfarrer Christian Morf und seine Frau machen bei der diesjährigen Weihnachtsfenster-Aktion mit.

Pfarrer Christian Morf und seine Frau machen bei der diesjährigen Weihnachtsfenster-Aktion mit.

Am heutigen Sonntag wird Christian Morf, der neue Pfarrer der Schlieremer Reformierten, offiziell eingesetzt. Die Schweiz am Wochenende hat ihn zum grossen Interview getroffen.

Herr Morf, heute werden Sie in das Pfarrer-Amt eingesetzt. Handelt es sich beim Einsetzungsgottesdienst vom Sonntag nur um eine Formalie oder geht es für Sie persönlich um mehr?

Christian Morf: Ich weiss selber noch nicht genau, was mich erwartet. Es ist meine erste Einsetzung, das ist schon ein spezieller Anlass. Auf jeden Fall freue ich mich darauf.

Worüber werden Sie in Ihrer Predigt sprechen?

Ich behandle eine Passage aus dem Lukas Evangelium, in der Jesus die Umstände seiner Rückkehr auf die Erde beschreibt. Dabei kommt es zu apokalyptischen Ereignissen, wie Naturkatastrophen oder aussergewöhnlichen Bewegungen von Himmelskörpern, die ihn ankündigen.

Sind die Menschen in der Adventszeit offener für christliche Themen?

Das würde ich nicht unterschreiben. Ich stelle eher fest, dass sich die christliche Bedeutung von Weihnachten mehr und mehr von der gelebten Bedeutung entfernt. Für das Christentum startet die Weihnachtszeit mit dem ersten Advent, doch in den Geschäften sind die ersten Weihnachtsprodukte bereits ab Anfang Oktober in der Auslage. Alljährlich zeigen Umfragen ja auch erschreckend hohe Prozentzahlen von Menschen, die nicht genau wissen, was an Weihnachten überhaupt gefeiert wird.

Worüber freuen Sie sich am meisten in der Weihnachtszeit?

Was mir an Weihnachten gefällt, ist, dass Gott an die Armen und Verstossenen denkt. Gerade beim Ehepaar Maria und Josef, das in keiner Herberge Platz hat und zuletzt in einem Stall übernachten muss, kommt Gottes Sohn zur Welt. Das zeigt, dass die Not der Menschen Gott nicht egal ist.

Hier in Schlieren, wo 2500 Reformierte auf 6500 Katholiken und 10'000 Andersgläubige und Konfessionslose treffen, sind Sie eine Minderheit. Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP) plant, eine gesetzliche Grundlage zur Einbindung der muslimischen Glaubensgemeinschaften zu schaffen, damit diese Steuergelder erhalten und so ihre Strukturen stärken können. Was halten Sie davon?

Das ist letztlich eine Entscheidung des Staates. Ich weiss nicht, wie einfach sich die Umsetzung gestaltet, aber grundsätzlich halte ich den Plan von Frau Fehr für eine gute Idee.

Sehen das die Schlieremer Reformierten auch so?

Um das zu beurteilen, bin ich noch nicht lange genug in der Gemeinde. Ich glaube aber nicht, dass die Anerkennung anderer Religionen uns Reformierte in irgendeiner Form schwächt. Möglicherweise würden wir weniger finanzielle Unterstützung erhalten. Aber am Beispiel der zahlreichen Freikirchen, die keine Staatsgelder kriegen und dennoch viel Zuspruch erfahren, sieht man, dass es nicht auf die Höhe der Beiträge ankommt, sondern auf die Nachricht, die man verbreitet. Möglicherweise wurden wir Reformierten aufgrund unserer Nähe zum Staat ein wenig brav.

Wie meinen Sie das?

Für viele von uns ist Religion strikte Privatsache, die sie nicht nach aussen tragen. Das ist schon eine grundsätzlich andere Haltung, als sie beispielsweise die Zeugen Jehovas pflegen, die in Fussgängerzonen oft Passanten ansprechen, oder muslimische Gemeinschaften, die Korane verteilen. Ich frage mich, ob wir Reformierten nicht auch mutiger sein dürfen.

Gottfried Locher, Präsident des Kirchenbunds der Zürcher Reformierten, war im Sommer sehr mutig, als er eine Lanze für das Recht von gleichgeschlechtlichen Paaren auf die Eheschliessung brach.

Finden Sie?

Ja. Er löste intern eine Debatte zu diesem Thema aus.

Ich finde es spannend, dass Sie das so wahrnehmen. Ich weiss nicht, ob Gottfried Locher innerhalb der reformierten Kirche damit als mutig aufgefallen ist. Diejenigen, die eine Öffnung der Ehe befürworten, finden so eine Aussage wahrscheinlich selbstverständlich und überfällig. Wer der Öffnung kritisch gegenübersteht, würde wohl dagegenhalten, dass Gottfried Locher dem gesellschaftlichen Mainstream folgt. Zu einer gesellschaftlich tendenziell akzeptierten Aussage gehört nicht wirklich Mut.

Sie würden also gleichgeschlechtliche Paare trauen?

Ja, unter denselben Bedingungen wie heterosexuelle Paare. Ich verstehe die Ehe in unserer Gesellschaft als zivilrechtliche Angelegenheit, für die der Staat Rahmenbedingungen setzt. Das heisst, dass eine zivile Trauung in jedem Fall der kirchlichen Trauung vorangeht.

Seit September sind Sie hier in Schlieren tätig, haben schon einige Gottesdienste gestaltet. Welche Themen treiben die hiesigen Reformierten um?

Da ich erst kurze Zeit hier bin, kam ich erst mit einem kleinen Teil der Gemeinde in Kontakt. Ein Thema, das mir dennoch mehrmals begegnete, ist das Schlieren, das sich als Dorf sieht, im Verhältnis zum Schlieren, das sich als Stadt wahrnimmt. Viele Leute, die ich in der Kirche antreffe, sind sogenannte Urschlieremer und wohnen in den älteren Quartieren und nahe beim Stadtzentrum. Da gibt es eine dörfliche Atmosphäre. Wechselt man jedoch die Gleisseite, trifft man auf Grossüberbauungen, mehr Anonymität und ein städtisches Flair. Wie das Dorf Schlieren und die Stadt Schlieren miteinander verbunden werden können, darauf suche ich derzeit eine Antwort.

Sie und Ihre Frau wohnen seit Juli hier. Was raten Sie Menschen, die in Schlieren Anschluss suchen?

Im Schlieren der Alteingesessenen ist es leichter, Anschluss zu finden. Zahlreiche Bewohner sind in Vereinen oder suchen den Kontakt zueinander – etwa mit der Aktion Adventsfenster, bei der auch meine Frau Susanne und ich mitmachen. In den Neubaugebieten, wo wir auch Wohnungen angeschaut haben, kann es schwierig sein. Zum Teil sind Wohnungen darauf ausgerichtet, dass sich die eigenen Wege und jene der Nachbarn niemals kreuzen. Da ist es natürlich schwierig, Wurzeln zu schlagen. In anderen Quartieren fällt der Kontakt mit den Nachbarn leichter. Wir haben bewusst eine Wohnung in einem Quartier gesucht, wo man Gelegenheit für Begegnungen hat und die Nachbarn kennt.

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