Manchmal reicht ein Detail wie der Wechsel von Sommer- auf Winterfinken, um ein Problem zu kreieren. Denn die Welt sieht anders aus für Autisten: Was uns kaum auffällt, kann für sie schnell verwirrend sein, zu laut, zu chaotisch, überwältigend.

Doch zurzeit geht es für Andrea Capol noch aus einem anderen Grund darum, für möglichst viel Ruhe und Stabilität zu sorgen. Die 47-Jährige hat Mitte Mai die Gesamtleitung der Urdorfer Stiftung Kind und Autismus übernommen, in der 37 autistische Schülerinnen und Schüler im Alter von 4 bis 18 Jahren zur Schule gehen. Daneben gibt es eine Beratungsstelle und ein Wohnhaus, in dem die meisten Kinder und Jugendlichen ein bis zwei Mal pro Woche übernachten.

Auch die Schulleitung hat erst kürzlich gewechselt: Seit Anfang Juli ist der 60-jährige Martin Ebling dafür zuständig. Capol und Ebling haben eine Institution angetroffen, bei der zwar vieles gut läuft, an der die diversen personellen Wechsel in der Vergangenheit aber auch gezehrt haben, wie sie sagen.

Belastend für das Personal

Insbesondere die Schulleitung, die Capol als ganz zentrale Funktion bezeichnet, sei immer wieder ausgefallen, sagt die neue Gesamtleiterin. Das sei für das Personal belastend gewesen: «Sie konnten eine Weile lang nicht mehr richtig durchatmen.» Nun wolle man beobachten, eruieren, was für die Zukunft benötigt wird und vor allem auch das Vertrauen der Mitarbeitenden gewinnen. Dabei gelte es, nicht alles umzukrempeln, sagt Ebling: «Was bewährt ist, soll man belassen. Neuerungen wollen wir gut dosiert umsetzen.»

Denn die Grundlagen seien alle da, da sind sich Capol und Ebling einig. «Schon das erste Mal, als ich nach Urdorf kam, konnte ich sehen, wie engagiert hier gearbeitet wird», sagt Ebling, der zuletzt in der stationären Jugendhilfe in Interlaken gearbeitet hat. Er sei zudem beeindruckt von den Mitarbeitenden: «Sie machen einen tollen Job und sind sehr motiviert.»

Auch Capol betont, dass sehr professionell gearbeitet werde. Wichtig sei nun aber, dass die knapp 90 Mitarbeitenden wieder entlastet würden. Und: «Wir wollen eine gute, starke Einheit bilden.» Ebling vergleicht ein funktionierendes Team mit einer Familie: «Man gehört zusammen, man schaut auf einander, aber man muss nicht immer gleicher Meinung sein.» Wichtig sei, dass man im Gespräch bleibe.

Grosse Ziele

Capol hat noch zwei weitere, grosse Ziele: Einerseits brauche die Stiftung dringend mehr Platz. «Weil wir einen extrem hohen Betreuungsbedarf haben, brauchen wir auch genügend Platz.» Dieser sei aktuell knapp bemessen. So sei beispielsweise der Psychomotorikraum in einem Luftschutzkeller, überall sei es etwas eng. «Dabei wäre es gerade für die Orientierung von Kindern mit Autismus enorm wichtig, genügend Platz zu haben», sagt sie.

Zudem ist es der Gesamtleiterin ein Anliegen, dass die Stiftung wieder wahrgenommen wird als «qualitativ hochstehendes Kompetenzzentrum für Autismus», wie sie sagt. Um dies zu erreichen, müsse man einerseits die vielen guten Grundlagen, die einst erarbeitet worden seien, wieder reaktivieren: «Diese Schätze der Vergangenheit sind etwas in Vergessenheit geraten.» Andererseits gehe es auch darum, die Arbeit, die geleistet werde, besser sichtbar zu machen.

Die unbekannte Welt

Für Capol, die früher unter anderem ein heilpädagogisches Zentrum aufgebaut oder für das Amt für Jugend- und Berufsberatung gearbeitet hat, ist Autismus eine Herzensangelegenheit. Daher sei sie auch sofort Feuer und Flamme gewesen, als sie – mitten in den Ferien – auf die Ausschreibung für ihre jetzige Stelle aufmerksam geworden sei: «Diese Aufgabe verknüpft all das, was ich bisher gemacht habe mit dem Thema Autismus, das mich immer schon interessiert hat.»

Was genau sie so fasziniert am Autismus kann Capol schwer in Worte fassen: Autisten hätten etwas Reines, sagt sie nach einiger Bedenkzeit. «Mich reizt die Herausforderung, diese unbekannte Welt zu entdecken.» Dass Autisten einerseits so wenig auf andere Menschen reagierten und man andererseits trotzdem mit ihnen in eine Beziehung treten könne, mache die Arbeit mit ihnen aussergewöhnlich.

Viel Empathie und Geduld erforderlich

Dabei könne man viel Neues lernen, vieles entdecken, sagt auch Ebling: «Als ich zum Schnuppern nach Urdorf kam, merkte ich, dass ich sehr wenig weiss von dieser Welt. Weil ich von Natur aus ein neugieriger Mensch bin, hat mich das angezogen.» Man müsse sich aber auch bewusst sein, dass die Arbeit viel Empathie und viel Geduld erfordere, sagt er: «Es sind unglaublich kleine Schritte, mit denen es vorwärtsgeht.» Man freue sich entsprechend auch schon an ganz wenig.

Weil für Autisten Struktur und Ordnung wichtig sei, müsse man immer wieder das Gleiche machen, was «wahnsinnig viel Disziplin» brauche, sagt Capol. Gleichzeitig müsse man auch kreativ und flexibel sein, um auf herausfordernde Situationen zu reagieren. Das sei zwar nicht immer einfach, mache die Arbeit aber spannend: «Was zurückkommt, ist zwar viel subtiler», sagt Capol: «Aber wenn etwas zurückkommt, ist es umso schöner.»