Zürich
Neue Jesuitenbibliothek: Der Bücherschatz des Ordens wird öffentlich zugänglich

Alte Bibeln, erste Lexika und Schriften zu Religion und Gesellschaft – am 1. März öffnet in Zürich die Jesuitenbibliothek ihre Türen. Sie gewährt auch einen Blick in die Geschichte des Ordens, der bis 1973 verboten war.

Katrin Oller
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In der Jesuitenbibliothek sind auch Bücher über Sozialwissenschaften, Literaturtheorie und Philosophie zu finden.

In der Jesuitenbibliothek sind auch Bücher über Sozialwissenschaften, Literaturtheorie und Philosophie zu finden.

Samuel Schalch / Tages-Anzeiger

Jesuiten reisten als Missionare seit dem 16. Jahrhundert als Erste nach Japan, Indien und China. Auch im 20. Jahrhundert haben sie am Umbruch der Kirche rege teilgenommen. Ihre Bücher, die diese Erfahrungen spiegeln, sind ab dem 1. März öffentlich zugänglich in der neuen Jesuitenbibliothek am Hirschengraben 74 in Zürich.

Die neue Bibliothek ist die Zusammenlegung von drei bestehenden Sammlungen. Dies sind die Bibliothek des AKI, der Katholischen Hochschulgemeinde Zürich, die Bibliothek der Schweizer Provinz der Jesuiten und jene des Instituts für weltanschauliche Fragen, das bis 2009 die Zeitschrift «Orientierung» herausgegeben hat.

Die Zeitschrift hatte ihren Sitz in Wollishofen. Diesen Standort haben die Jesuiten aufgegeben und das Land im Baurecht abgegeben. Dadurch finanzierten sich der Bibliotheksbetrieb wie auch der Anbau am Zürcher Jesuiten-Hauptsitz, wo die Bibliothek untergebracht ist. Der Bau kostete 4 Millionen Franken, wobei Sponsoren rund eine Million beigetragen haben.

Nicht nur Theologisches

Glauben, Religion und das Zusammenleben in der Gesellschaft sind die grossen Themen im Bestand der neuen Bibliothek. Dieser umfasst über 100'000 Publikationen, 100 laufende und 300 abgeschlossene Fachzeitschriften. Aber nicht nur theologische Schriften sind zu finden, sondern auch Bücher aus den Sozialwissenschaften, der Literaturtheorie, der Philosophie oder der Kulturgeschichte. Hinzu kommen die Schriften von und über Schweizer Jesuiten, Literatur zum Zweiten Vatikanischen Konzil, zur Ökumene, Judaica oder zum Verhältnis des Islam zur westlichen Gesellschaft.

In Zürich befindet sich zudem das Archiv der Schweizer Provinz, das auch Schätze aus Deutschland und Österreich enthält. Das vorarlbergische Feldkirch war bis 1979 eine wichtige Ordensniederlassung für die Schweizer Jesuiten, da der Orden hierzulande von 1848 bis 1973 per Verfassungsartikel verboten war. Man hatte die Jesuiten verantwortlich gemacht für den Sonderbundskrieg zwischen katholischen und reformierten Kantonen. Trotz Verbot wirkten die Jesuiten bald wieder in der Schweiz, mussten sich aber bedeckt halten.

Gestalter der Gesellschaft

Dass das Jesuitenarchiv heute noch über einen Altbestand in gutem Zustand verfüge, sei dem Umstand zu verdanken, dass die Jesuiten seit ihrer Gründung als Kulturträger und Gestalter der Gesellschaft aktiv waren, sagt Christian Rutishauser, Provinzial und damit oberster Jesuit in der Schweiz. Ein weiterer Vorteil sei die internationale Vernetzung. So soll etwa die neue Jesuitenbibliothek in Zürich mit denjenigen in München und in Wien ein Netzwerk bilden.

"Das führt zu einem ganz neuen Zugang zu den Texten."

Christian Rutishauser, Provinzial der Jesuiten in der Schweiz

In den Räumen am Hirschengraben hat es neben einem Konferenzraum, der gemietet werden kann, einige Leseplätze, wo mit den Büchern der Handbibliothek und den Zeitschriften gearbeitet werden kann. Man wolle Studenten ansprechen, sagt Rutishauser, daher ist der Bestand auch an den Bibliotheksverbund Nebis angeschlossen. Aber die Bibliothek richte sich nicht nur an theologische Fachleute, sondern an die gesamte Öffentlichkeit, die sich für Sachbücher aus den Bereichen Glauben und Gesellschaft interessiert.

Und sie ist nicht nur auf Bücher beschränkt: Es werden in der Bibliothek auch mehrere Veranstaltungsreihen organisiert. In der Reihe «Das Buch der Bücher» werden etwa die einzelnen Teile der Bibel wie Literatur gelesen: «Das führt zu einem ganz neuen Zugang zu den Texten», sagt Rutishauser. Zur Eröffnung am Donnerstag, 1. März, hält die Autorin Bettina Spoerri einen Vortrag zum Sinn der Bibliothek im digitalen Zeitalter.

Die Jesuiten

Über 100 Jahre verboten

Jesuiten heissen die Mitglieder des grössten katholischen Männerordens mit weltweit 19'000 Mitgliedern. Die «Societas Jesu» wurde 1540 von Ignatius von Loyola gegründet. Zu seinen Zielen gehörten die Verbreitung des Glaubens und die Hinführung der Menschen zu einem christlichen Leben. Die meisten Jesuiten sind Priester. Sie sind heute in der Seelsorge, im Flüchtlingsdienst und in der Bildung tätig. In der katholischen Schweiz dominierten sie im 18. Jahrhundert das Bildungswesen.

Als Einflüsterer von Mächtigen machten sie sich auch Feinde. Es kam zu Verboten, so auch in der Schweiz zwischen 1848 und 1973. In der Schweiz leben derzeit gut 60 Jesuiten. Der Hauptsitz der Provinz befindet sich in Zürich, am Hirschengraben 74. Niederlassungen gibt es in Basel, Bad Schönbrunn (bei Zug), Luzern, Freiburg und Genf. Die Jesuiten zählen heute zu den progressiven katholischen Kräften und setzen sich für den interreligiösen Dialog ein. Auch Papst Franziskus ist Jesuit. (tsc)