Es ist eine Sensation: Der Biber, der seit 2014 in den Geroldswiler Auen haust, hat sich erstmals weiter flussaufwärts getraut. Davon zeugen angenagte Bäume entlang des Weihers beim Unterengstringer Golfplatz. Vor allem auf junge Weiden hat es der Biber abgesehen. Weitere Spuren hat es auch bei der grossen Brücke über die Limmat im Gebiet Glanzenberg und in den eher stillen Gewässern des Mülibachs beim Kloster Fahr. So weit in Richtung Zürich ist der Biber noch nie vorgedrungen, seit er sich, aus dem Aargau kommend, immer weiter vorkämpft.

Keiner kennt den Limmattaler Biber so gut wie der diplomierte Forstingenieur Tobias Liechti aus Dietikon. «Ich habe nicht nur Nagespuren, sondern auch Biberburgen gefunden», sagt er. Biberburgen nennt man die Konstrukte aus Ästen und Algen, die sich der Biber als Schlafplätze einrichtet.

Für Liechti ist klar: Die Spuren vom Kloster Fahr bis Unterengstringen zeigen, dass sich der Biber ein neues Revier erschlossen und nicht etwa sein altes vergrössert hat. «Zwischen den schon länger besiedelten Geroldswiler Auen und Unterengstringen, sind auf einer Strecke von gut einem Kilometer überhaupt keine Spuren zu sehen», sagt Liechti. Die Schlussfolgerung daraus: «Entweder der Biber pendelt zwischen seinen beiden Revieren, oder wir haben jetzt schon zwei Limmattaler Biber», so Liechti weiter.

Neben dem zusätzlichen Revier limmataufwärts spricht auch etwas anderes dafür, dass sich die Biber dauerhaft im Limmattal etablieren könnten.

2016 ist bereits das vierte Jahr in Folge, in dem ein Biber in den Geroldswiler Auen seine Spuren hinterlässt. Bis 2013 war das Limmattal jahrelang eine total biberfreie Zone, bis sich dann der erste Biber aus dem Aargau über die Kantonsgrenze gewagt hat. Doch das Leben des geschützten Tiers endete kläglich: Sein Kadaver wurde im Dezember 2013 auf der Fahrweidstrasse gefunden. Ein Autofahrer hatte ihn getötet.

Dieser Schock ist mittlerweile überwunden. Der Biber-Experte Tobias Liechti ist guter Dinge: «Der Biber wird sich im Limmattal etablieren. Wenn alles gut läuft, lässt sich ein Biberpaar in Geroldswil nieder und gründet eine Familie», sagt Liechti.

Auch eine allfällige Partnerin oder ein Partner (das Geschlecht des Limmattaler Bibers ist nicht bekannt) müsste aus dem Aargau zuwandern. «Die Chancen dafür steigen jedes Jahr, denn in der Aare und der Aargauer Limmat sind alle Reviere besetzt. Vielleicht entscheidet sich eine junge Biberin aus Aarau dazu, diesen Sommer ins Limmattal zu kommen.»

Auch Reppisch ist geeignet

Der Biber-Nachwuchs wird jeweils nach zwei, drei Jahren von den Eltern verstossen, damit er sich ein eigenes Revier sucht. Das würde auch für allfällige Geroldswiler Biber-Jungen gelten, die zwar noch Wunschtraum sind, aber schon nächstes Jahr Realität werden könnten. Für sie würde es in erster Linie zwei Möglichkeiten geben, erklärt Tobias Liechti. «Entweder sie gehen weiter flussaufwärts, zum Beispiel in den Auenpark Werdhölzli. Dieser wäre aber Endstation, weiter geht nicht. Eine Alternative ist die Reppisch, oberhalb von Dietikon bietet sie gute Voraussetzungen für Biber.»

Wer den Biber selber sehen möchte, sollte vorsichtig sein. «Es ist wichtig, dass man ihn und seine Burgen in Ruhe lässt», sagt Liechti. Am ehesten sieht man den Biber in den Geroldswiler Auen, während der Dämmerung.