Lange graue Strähnen fielen ins Gesicht des Angeklagten, als er gestern mit hängenden Schultern den Gerichtssaal betrat. Stille beherrschte danach den Raum, als der 56-jährige Schweizer die Anklageschrift noch einmal las. Nach langen dreissig Minuten konnte Gerichtspräsident Stephan Aeschbacher die eigentliche Befragung starten.

Der Angeklagte musste sich wegen mehrfacher und teilweise qualifizierter sexueller Nötigung, schwerer Freiheitsberaubung, qualifizierten Raubes sowie mehrfachen Diebstahls vor dem Bezirksgericht verantworten. Im Fokus der Verhandlung stand das am 29. April 2017 verübte Vergehen an einer damals 80-jährigen Schweizerin.

Der Angeklagte hatte sein Opfer zufällig ausgewählt. Er sei damals auf einem Mäuerchen in Dietikon gesessen. Dann erblickte er die Geschädigte zum ersten Mal. Sie war mit einem kleinen Hund unterwegs, den sie hütete. «Die Frau sah lustig aus. Sie wirkte mütterlich und unbelastet, das hat mich angetörnt», gab der Täter in der Untersuchung an. Die Seniorin habe ihn «verheissungsvoll» angelächelt, zitierte der Staatsanwalt aus den Akten. Er merkte an, dass der Angeklagte bereits davor auf dem Fussgängerstreifen eine fremde, 90-jährige Frau angesprochen und gegen ihren Willen umarmt haben soll.

Er entschloss sich, der 80-Jährigen mit dem Hund in ihr Haus zu folgen und fuhr mit ihr im Lift. Als sie ihre Türe aufschloss, packte er sie und drängte sie in ihre Wohnung, wo er zuerst den Hund ins Wohnzimmer sperrte. Der 56-Jährige stiess sie dann aufs Bett, wo er ihr mit einem gelben Teppichmesser die Kleider vom Leibe schnitt. Sie wies ihn auf ihr Alter hin, doch dies kümmerte ihn nicht. Auch körperliche Gegenwehr des Opfers blieb erfolglos. Er entkleidete sich und verging sich sexuell an der 80-Jährigen. All das gestand der Angeklagte gestern.

«Er nahm ihren Tod in Kauf»

An dieser Stelle hakte Gerichtspräsident Aeschbacher nach. «Hatten Sie eine Tasche oder Ähnliches dabei, als Sie die Wohnung betraten?», fragte er. «Nicht dass ich wüsste», lautete die Antwort des Angeklagten. Nachdem Aeschbacher ihn hartnäckig zu dem mitgeführten Messer und dem Seil befragte, räumte er ein, die Tatwerkzeuge von Beginn weg in die Wohnung mitgeführt zu haben.

Das legt nahe, dass die Tat geplant war. Von Anfang an sei ein sexuelles Motiv im Vordergrund gestanden, sagte der Staatsanwalt. Denn der Angeklagte hatte in der Untersuchung berichtet, dass er damals noch «liquide» gewesen sei. Er habe mehrere tausend Franken auf der Seite gehabt. Der Verteidiger machte eine finanzielle Not des Angeklagten geltend. «Er hat nach zwanzig Jahren seinen Job verloren und konnte seine Wohnung nicht mehr bezahlen», sagte der Rechtsverteidiger.

Der Staatsanwalt betonte, dass der Angeklagte unter anderem materiell wertlose Gegenstände entwendete, die für das Opfer einen hohen emotionalen Wert hatten. «Er spielte seine Macht über das Opfer aus», so der Staatsanwalt. Um ungestört die Wohnung ausräumen zu können, hatte er die Frau an Händen, Füssen und Hals gefesselt. So, auf dem Bauch liegend, hat er sie zurückgelassen. Dabei habe er den Tod der Frau in Kauf genommen, wie der Staatsanwalt sagte.

Er fesselte die Frau so, dass sie sich bei einer falschen Bewegung selbst stranguliert hätte. Das bestätigte der Angeklagte vor Gericht. «Der Teufel hat mich geritten.» Der Staatsanwalt fand für dieses Verhalten klare Worte: «Er vertraute nicht auf ihr Überleben, sondern hat es sich lediglich erhofft.» Dies könne als versuchte Tötung angesehen werden. «Die Frau litt unter Todesangst», sagte er. Zwei Stunden später kam ihr Mann nach Hause und befreite sie.

Auch die Anwältin des Opfers ergriff das Wort. «Zuerst hat der Angeklagte sogar behauptet, dass es ein anderer gewesen sei», sagte sie. Doch gab es DNA-Spuren. Er habe keine Empathie gegenüber dem Opfer gezeigt. «Man wird das Gefühl nicht los, dass er es am meisten bereut, sein eigenes Leben zerstört zu haben.»

Der Verteidiger thematisierte die Familiengeschichte des Beschuldigten: Seine beiden Eltern und eine Schwester haben sich umgebracht. «Sein Vater entstand aus einer Vergewaltigung und war Alkoholiker», sagte der Verteidiger. Dies habe ihn negativ geprägt und krank gemacht. Bereits ab der Jugendzeit verübte er zahlreiche Delikte. Mehrfach sass er ein, unter anderem im Massnahmenzentrum Uitikon. Auch wegen Sexualdelikten wurde er mehrmals verurteilt, zuletzt 2016 wegen Exhibitionismus.

Eingang in die Gerichtsakten fand auch ein psychiatrisches Gutachten von 1980, das ein Gefängnispfarrer der Polizei übergab, wofür dieser wegen Amtsgeheimnisverletzung verurteilt wurde. Der Verteidiger stellte sich auf den Standpunkt, dieses Gutachten und die damit verbundenen Informationen seien nicht verwertbar – es geht dabei um Delikte, die bereits aus dem Vorstrafenregister gelöscht wurden.

Er plädierte auf eine vierjährige Freiheitsstrafe, die zugunsten einer stationären Massnahme aufgeschoben werden soll. Der Staatsanwalt forderte eine 14-jährige Freiheitsstrafe und befürwortete ebenfalls eine stationäre Massnahme für den an hebephrener Schizophrenie leidenden Beschuldigten. Er lebt derzeit in der Psychiatrischen Universitätsklinik in Rheinau.
Das Gericht überliess dem Angeklagten das Schlusswort. «Ich möchte zur Kenntnis geben, dass es mir leidtut. Es war eine brutale Sache.» Das Gericht wird das Urteil am 24. Juni eröffnen.