Sie sind keine Revoluzzer, sondern altgediente und besonnene Mitglieder des reformierten Kirchenparlamentes im Kanton Zürich, der Synode. Umso mehr schreckten Kurt Stäheli und Karl Stengel das Parlament auf, als sie Anfang Juni ihren Angriffsplan öffentlich machten. Sie riefen dazu auf, den seit 2011 amtierenden Kirchenratspräsidenten Michel Müller bei den Wahlen Anfang Oktober abzuwählen.

Als Ersatz präsentierten sie ein Kandidatenduo, bestehend aus Pfarrerin Gina Schibler aus Volketswil und Pfarrer Marcus Maitland aus Hittnau. Eine der beiden Personen, welche sei noch offen, werde man im Wahlprozedere portieren, sagten sie und outeten sich damals als Mitglieder eines Komitees, das später noch aus der Deckung treten werde.

Hinter dem Angriff steckt vor allem Unzufriedenheit mit dem Projekt Kirchgemeinde plus, das zu Fusionen von Kirchgemeinden und damit zu einem Abbau von Strukturen, Stellen und Pensen führt. Der Kirchenratspräsident, der als Einziger ein Vollamt in der Regierung der Reformierten hat, treibe das Projekt ausgesprochen forsch voran und möge keine Kritik. Es herrsche ein «Klima der Angst», sagte Stengel, der als ehemaliger Ombudsmann in der Stadt Winterthur bekannt ist.

Kampfwahlen sind auch in Kirchenparlamenten nichts Ungewöhnliches. Die Kampfansage von Stäheli und Stengel ist aber insofern aussergewöhnlich, als im Kanton Zürich noch nie zur Abwahl eines amtierenden Kirchenratspräsidenten aufgerufen worden ist. Speziell ist zudem, dass die vorgeschlagene Angreiferin und der Angreifer externe Leute sind, bis jetzt also nicht in der Synode sassen und keiner Fraktion angehören. Das gilt auch für Schibler, die im Mai zwar ins Parlament gewählt wurde, aber noch nicht vereidigt ist. Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der Synode, dass man sich erst nach der Wahl einer Fraktion anschliesst.

Weder Schibler noch Maitland wollten bei ihrer Präsentation verraten, wem sie sich im Falle einer Wahl ins Präsidium anzuschliessen gedenken. Hingegen erklärten beide, sie kandidierten nicht nur fürs Präsidium, sondern auch als gewöhnliche Mitglieder des siebenköpfigen Kirchenrates, der Exekutive der Reformierten.

Ein Stich ins Wespennest

Damit stachen sie in ein Wespennest – ohne es zu wollen. Jedenfalls reagierten alle Fraktionen alarmiert. Sie sahen die langjährige Zauberformel im Kirchenrat bedroht. Gemäss dieser haben die drei grössten Fraktionen Anrecht auf zwei Sitze, während die kleinste Fraktion einen Sitz erhält.

Die kleinste ist derzeit mit 25 Sitzen die evangelisch-kirchliche Fraktion, die als Heimat der Frommen und streng Bibeltreuen gilt. Etwas grösser ist mit 29 Mandaten die religiös-soziale Fraktion, die politisch eher links steht. Die zweitgrösste Fraktion sind die Liberalen mit 32 Sitzen. Sie sind eher bürgerlich orientiert.

Die stärkste Fraktion bildet der Synodalverein mit 37 Mandaten. Wegen des etwas schwammigen Profils charakterisieren ihn Insider als «bunten Haufen». Michel Müller und Kirchenrat Thomas Plaz-Lutz, der im Oktober aufhört, stammen aus dieser Fraktion. Der Synodalverein will Plaz-Lutz übrigens mit Margrit Hugentobler ersetzen.

Die Gegenkandidaten waren überrumpelt

Wegen des Alarms in den Fraktionen sahen sich die Herausforderer zu einem Teilrückzieher genötigt. Mitte Juli schickte Stäheli einen Brief an alle Fraktionsvorsitzenden und erklärte, Schibler und Maitland kandidierten entgegen früherer Aussagen nun doch nur fürs Präsidium und nicht als gewöhnliche Kirchenratsmitglieder. Sie seien von den Medien mit dieser Frage überrumpelt worden und hätten sich zu einer Doppelkandidatur bekannt, um nicht überheblich zu wirken – als blosse Anwärter aufs Spitzenamt. Nicht bedacht hätten sie dabei jedoch, dass eine Kandidatur fürs Voll- und Teilamt die Konkordanz durcheinanderbringe, was man nicht wolle. Das Wahlprozedere beim Kirchenrat ist zweiteilig: In einer ersten Runde wählen die Synodalen den Präsidenten und erst danach die übrigen sechs Mitglieder.

Stähelis Präzisierung ändert allerdings nichts daran, dass die Konkordanz auch dann gestört wird, wenn nur der Präsident abgewählt und durch Schibler oder Maitland ersetzt würde. Das wäre höchstens dann nicht der Fall, wenn die oder der Neugewählte derselben Fraktion beitreten würde wie Müller. Ob sie das aber wollen und ob beim Synodalverein die «Königsmörderin» oder der «Königsmörder» überhaupt willkommen wäre, ist eine andere Frage. Die Konkordanz würde im Weiteren auch geritzt, wenn sich Müller im Falle einer Abwahl als normaler Kirchenrat aufstellen liesse und gewählt würde.

Stäheli stellt nicht in Abrede, dass er und seine Mitstreiter den Teilrückzieher aus wahltaktischen Gründen vorgenommen haben. Denn wenn die Fraktionen Schibler oder Maitland mehrheitlich als Bedrohung sehen, schwinden auch die Chancen. Jetzt, nach der vermeintlichen Klärung, erwartet Stäheli, dass seine Kandidatin und sein Kandidat zu Hearings eingeladen werden.

Müllers Unterstützer sprechen von «fragwürdigem Vorgehen»

Beim Synodalverein, dem «bunten Haufen», ist Stäheli mit diesem Wunsch aber an der falschen Adresse. Immerhin wollen die beiden Neuen ja den eigenen Kandidaten, Michel Müller, verdrängen.

«Nein, Hearings mit der Herausforderin und dem Herausforderer wird es keine geben», sagt die Fraktionsvorsitzende Eva Ebel. Die Fraktion habe bereits beschlossen, die eigenen Leute, Müller und Neukandidatin Hugentobler, zu unterstützen. «Es gibt keinen Grund, auf diesen Entscheid zurückzukommen.» Ebel findet das Vorgehen des Komitees fragwürdig. «Auch die Kandidatur ausschliesslich fürs Präsidium stellt die Konkordanz infrage, denn es ist ja unklar, welcher Fraktion sich Gina Schibler oder Marcus Maitland anschliessen würden.» Dass Müller ein Klima der Angst verbreite, könne sie nicht erkennen. Zudem regiere er ja nicht alleine, sondern sei ins Gremium eingebunden.

Auch Matthias Reuter, Präsident der Religiös-Sozialen, wird Schibler und Maitland nicht zu Hearings einladen. Dazu gebe es einen verbindlichen Fraktionsbeschluss, der nur durch einen anderslautenden aufgehoben werden könnte. Die Fraktion werde sicher die eigenen beiden bisherigen Kirchenratsmitglieder Esther Straub und Bernhard Egg zur Wahl empfehlen.

Welche Empfehlungen es darüber hinaus gebe, sei noch offen. Reuter sagt weiter, er könne die Aussage nicht nachvollziehen, wonach in der Synode ein Klima der Angst herrsche. In der Offensive von Stäheli und Stengel sieht er vor allem den Versuch, das Rad der Zeit in Sachen Fusionen zurückzudrehen. Den Angriff auf Müller dürfe man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Er könnte dann gefährlich werden, wenn sich die Enttäuschten und Verunsicherten aller Lager zusammenschliessen würden.

«Hearings gehören zum politischen Prozess»

Bei der liberalen Fraktion hingegen dürfen Schibler und Maitland vorsprechen. «Selbstverständlich machen wir Hearings, das gehört zum demokratischen Prozess», sagt die Vorsitzende Ruth Derrer Balladore. Ob man dann eine Wahlempfehlung für die Herausforderer abgebe, stehe allerdings auf einem anderen Blatt. Sicher sei nur die Unterstützung der eigenen Kandidaten. Auch Derrer Balladore sagt, sie könne nicht nachvollziehen, wie man von einem Klima der Angst sprechen könne.

Vorstellen dürfen sich Schibler und Maitland auch bei den Evangelischen, wie der Fraktionsvorsitzende Willi Honegger bestätigt. Das gehöre zur Demokratie. Im Gespräch zeigt er Verständnis für den Angst-Vorwurf. Müller gehe die Umsetzung des Projekts Kirchgemeinde plus «alles andere als zögerlich, sondern recht forsch» an. Dies habe Zusammenlegungen und Stellenreduktionen zur Folge, was Unsicherheit erzeuge. So kenne er auch Pfarrer, die um ihre Pensen fürchteten. Einige von ihnen sässen in der Synode. Bei der Wahl könne sich eine Dynamik mit unsicherem Ausgang entwickeln.

Die Neuen sind unberechenbar

Die grosse Unbekannte bei den Wahlen sind die Neuen. Rund ein Drittel des 123-köpfigen Kirchenparlamentes, das die Regierung der Reformierten wählen wird, sind Neumitglieder. Sie sind zum Wahlzeitpunkt noch kaum in den Fraktionen verankert und dürften sich beim Wählen entsprechend frei fühlen. Kommt dazu, dass die Wahlen geheim sind. Wer was auf den Wahlzettel schreibt, lässt sich nicht kontrollieren. Genau darauf hofft Kurt Stäheli, der glaubt, dass die Unzufriedenen in der Synode zahlreich sind. «Es gibt eine Differenz zwischen den öffentlichen Aussagen und dem Abstimmungsverhalten», sagt er. Stäheli selber und auch Mitstreiter Karl Stengel werden nicht mehr mitwählen können. Sie treten ab.