Prozess

Mysteriöser Sturz aus Auto im Gubristtunnel: Fahrer und Beifahrer verurteilt

In der Nacht auf den 6. März 2016 stürzte ein Mann aus einem fahrenden Auto und blieb verletzt auf der Fahrbahn liegen. Das Auto fuhr weiter.

Gubristtunnel

In der Nacht auf den 6. März 2016 stürzte ein Mann aus einem fahrenden Auto und blieb verletzt auf der Fahrbahn liegen. Das Auto fuhr weiter.

Der Fall erregte vor einem Jahr schweizweit Aufsehen: Ein Mann stürzte mitten im Gubristtunnel aus einem fahrenden Auto, welches seine Fahrt unbeirrt fortsetzte. Am Mittwoch standen der Fahrer und der Beifahrer vor dem Bezirksgericht Dietikon. Beide wurden wegen Unterlassung der Nothilfe schuldig gesprochen.

Es war ein skurriler Fall, der schweizweit Aufsehen erregte: Im März 2016 stürzte am Sonntagmorgen kurz vor vier Uhr im Gubristtunnel bei Weiningen ein Mann aus einem fahrenden Auto und blieb verletzt auf der Fahrbahn liegen. Der Fahrer und der Mitfahrer hielten nicht an und fuhren weiter Richtung Bern. Die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen vorsätzlicher Tötung: Es bestehe der Verdacht der Dritteinwirkung. Dieser bestätigte sich jedoch nicht, wie die Staatsanwaltschaft ein paar Wochen später bekannt gab. Der Sturz sei wohl selbst verschuldet gewesen.

«Hitzige Diskussionen» im Auto

Am Mittwochnachmittag fanden sich alle drei Männer vor dem Bezirksgericht Dietikon ein. Die Anklage gegen den Fahrer und den Beifahrer lautete auf Unterlassung der Nothilfe. Vor Gericht wurde klar: Der Beifahrer und der gestürzte Mann sind Cousins, der Fahrer ein guter Freund. Die drei Männer waren in Rümlang im Ausgang, wobei die beiden Cousins mindestens je eine halbe Flasche Whiskey tranken. Im Auto auf der Heimfahrt kam es dann zu «hitzigen Diskussionen», wie die beiden Angeklagten sagten – von einem Streit wollten sie aber nicht sprechen. Ihr Mitfahrer auf dem Hintersitz habe zwar angekündigt, dass er das Auto verlassen werde, sie hätten aber an einen dummen Witz geglaubt.

Sie liessen ihn einfach liegen

Sie liessen ihn einfach liegen

Ein 23-Jähriger fiel 2016 im Gubrist-Tunnel stockbetrunken aus dem Auto. Fahrer und Beifahrer wurden heute wegen fehlender Hilfestellung verurteilt.

Schock und 2 Promille Alkohol

Die grosse Frage vor Gericht war: Wieso fuhren die beiden Männer einfach weiter, nachdem ihr Mitfahrer aus dem Auto gestürzt war und verletzt liegen blieb? «Ich weiss, ich habe einen Fehler gemacht», sagte der Fahrer, ein heute 23-jähriger Mazedonier aus dem Kanton Solothurn. Doch er sei in Schock gewesen und habe auch Angst gehabt, dass er für den Sturz verantwortlich gemacht werden könnte. Zudem habe er im Rückspiegel gesehen, dass sich Fahrer von nachfolgenden Autos um den verletzten Kollegen kümmerten. Auch der Beifahrer, ein 23-jähriger Kosovare aus dem Kanton Bern, gab vor Gericht an, er sei unter Schock gestanden. Zudem habe auch der Alkohol dazu geführt, dass er «gar nicht richtig realisiert» habe, was geschehen sei. Erst am nächsten Morgen, als er wieder nüchtern gewesen sei, habe er sich Sorgen gemacht.

Der damals aus dem Auto Gefallene kann sich an nichts mehr erinnern, wie er vor Gericht sagte. Das ist nicht erstaunlich: Er hat offenbar zum Zeitpunkt des Vorfalls zwischen 1,8 und 2,4 Promille Alkohol im Blut gehabt. Erst als er im Spital aufwachte, habe die Erinnerung wieder eingesetzt. Obwohl ihn die Folgen des Sturzes einiges gekostet haben und er seinen Geruchssinn verloren hat, verzichtet er auf Schadenersatzforderungen. «Ich will nichts», sagte er.

Mysteriöser Unfall

Mysteriöser Unfall (6. März 2016)

Ein Mann fällt aus einem fahrenden Auto und bleit schwerverletzt auf der Fahrbahn liegen. Dies mitten im Gubristtunnel. Luca Muscia aus Schöftland war hautnah dabei.

«Keine sinnvolle Reaktion»

Der Anwalt des Fahrers plädierte auf einen Freispruch sowie Schadenersatz und Genugtuung. Sein Mandant, der, wie sein Freund auch, 18 Tage in Untersuchungshaft war, habe sehr unter den Medienberichten über den Vorfall gelitten, habe seine Stelle und seine Lebensfreude verloren, sagte er. Wieso er damals weitergefahren sei, ohne Hilfestellung zu leisten, könne er nicht erklären: «Es war einer dieser Momente im Leben, wo etwas passiert und man sich später seine Reaktion nicht mehr erklären kann.» Zudem sei man nicht verpflichtet, Nothilfe zu leisten, wenn sich bereits Dritte um die verletzte Person kümmerten. Auch der Anwalt des Beifahrers plädierte auf einen Freispruch und sagte: «Wer so stark angetrunken ist, von dem kann nicht ernsthaft eine sinnvolle Reaktion erwartet werden.»

Das Gericht sah es jedoch als erwiesen an, dass der Tatbestand der unterlassenen Nothilfe klar erfüllt ist. Es sprach beide Männer schuldig und verurteilte sie je zu einer bedingten Geldstrafe von 230 Tagessätzen à 80 Franken, bei einer Probezeit von zwei Jahren. Damit erhöhte sie beim Beifahrer das von der Staatsanwaltschaft geforderte Strafmass von 190 Tagessätzen sogar noch leicht. «Dass hier eine Lebensgefahr bestanden hat, ist offensichtlich», sagte Richter Bruno Amacker. Trotzdem habe keiner der beiden Männer «irgendetwas unternommen», um zu helfen. Auch nachdem der erste Schock abgeklungen sei, habe keiner der Männer gehandelt und Hilfe angefordert.

Autorin

Bettina Hamilton-Irvine

Bettina Hamilton-Irvine

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