Limmattal
Muris Begovic: "Was die Pandemie mir über Ramadan gelehrt hat"

Imam Muris Begovic zieht aus der Krise Erkenntnisse über religiöse Rituale, weshalb Propheten stärker aus der Isolation zurückkamen und welche Bedeutung Weihnachten für Muslime haben kann.

Jocelyn Daloz
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Jocelyn Daloz

«Allah fordert von keiner Seele etwas über das hinaus, was sie zu leisten vermag. (...) Unser Herr, mache uns nicht zum Vorwurf, wenn wir (etwas) vergessen oder Fehler begehen.»

Muris Begovic singt in der bosnischen Moschee von Schlieren den Vers 286 aus der zweiten Sura des Korans, kniend bei der Gebetsnische. Die arabischen Silben erfüllen den Raum, der zu normalen Zeiten bis zu hundert Gläubige für das Abendgebet empfängt.

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Die Moschee ist nüchtern eingerichtet; hier konzentriert sich die Gemeinschaft auf das Gebet, folgt dem Teppichmuster, der gegen Mekka ausgerichtet ist, während hölzerne Vorhänge mit runden Löchern zwar Tageslicht durchlassen, aber die umliegenden Industriegebäude verdecken.

Wie es der Brauch will, läuft er in Socken entlang der weissen Wände, an der Bibliothek vorbei, wo sich zahlreiche Bücher zur Religion ansammeln, auf Bosnisch, auf Deutsch, auf Arabisch.

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Die Offenbarung Gottes erscheint in der Abgeschiedenheit

Im stillen Gebetssaal kommt beim Imam Begovic Nostalgie auf. Üblicherweise betet die Gemeinschaft hier Schulter an Schulter, der Körperkontakt ist wichtig, um die Verbundenheit zu betonen. Nun werden die Gebetsteppiche auf mit Klebeband angezeigten Plätzen ausgerollt. Die Worte im heiligen Koran liest der Geistliche nach Monaten von Abstandhalten und Maskentragen ganz anders als früher. ̈«Das Buch ist voller Erzählungen von Propheten, die aus der Abgeschiedenheit wachsen», erklärt der Bosnier, der als Zehnjähriger in die Schweiz kam, um dem Bosnienkrieg zu entkommen.

«Moses kann erst sein Volk aus der Gefangenschaft in Ägypten retten, nachdem er sich in der Wüste zurückgezogen hatte. Mohammed war über 20 Tage in einer Höhle, bevor Gott sich ihm offenbarte. Hiob, verlassen von allen wegen seiner Krankheit, Maria, die sich der Gesellschaft entzieht, um Jesus zu gebären... Sie scheiden sich ab und kommen stärker zurück. Auch wir entziehen uns der Welt momentan, meiden die Kontakte. Und so will ich glauben, dass wir stärker und besinnlicher aus dieser schwierigen Zeit herauskommen werden.»

Wie viele Schweizer Moscheen ist jene in Schlieren unscheinbar, in einer alten Wagonfabrik eingerichtet. Artikel 72, Absatz 3 der Schweizer Verfassung hat sichergestellt, dass keine Minarette aus dem Boden ragen. Muris Begovic findet sich damit ab:

Es ist eine schöne Metapher. Von aussen sieht man nicht, dass es ein religiöser Ort ist. Geht man hinein, ist es ein Kennenlernen: Man merkt, dass eine Person etwas Besonderes in sich trägt. Wir schätzen die inneren Werte.

Muris Begovic war von 2006 bis 2016 Imam hier. Heute ist er vor allem als Seelsorger tätig; insofern begleitete er in Spitalgängen und -zimmern verschiedenste Schicksale. Manchmal reicht es aus, als Seelsorger einfach hier zu sein, in der Stille. Manchmal können Verse aus dem Koran wie die oben zitierte aus der Sura 2 helfen: «Gott lässt uns nicht mehr leiden, als wir es zu verkraften vermögen», sagt der Geistliche, der aus dieser Erkenntnis Kraft schöpft.

Ramadan im Lockdown: Plötzlich erscheint die ursprüngliche Bedeutung des Fastens lebhafter

Er zieht auch Lehren aus dem Lockdown, der die muslimischen Gewohnheiten im Ramadan auf den Kopf stellte: «Es war sehr traurig, nicht mehr beim Iftar, Fastenbrechen, Leute einladen zu können oder bei anderen essen zu gehen», sagt er in seinem mit singendem, bosnischem Akzent geschmückten Schweizerdeutsch. Aber eben dies gab ihm die Möglichkeit, sich wieder mal vor Augen zu führen, dass das Fasten im Vordergrund des Ramadans steht:

Wir sind alle sehr stark auf das Fastenbrechen fokussiert. Vor der Fastenzeit hole ich den Kalender heraus, plane, wann wir bei wem essen gehen, wann wir wen einladen. In manchen Ländern, wo mehrheitlich Muslime leben, wird an Ramadan fast doppelt so viel eingekauft wie an üblichen Monaten. Aber im Grunde genommen geht es um den Verzicht von Dingen.

Begovic ist seit seiner Kindheit in einem bosnischen Dorf fasziniert von der Religion und wusste schon damals, dass er Imam werden wollte: «Die arabischen Klänge, der Imam auf der Kanzel, die Erzählungen meines Cousins, der die Imamausbildung in Sarajewo machte, alles hat mich fasziniert.»

Er sieht seine Aufgabe darin, den Mittelweg zu vermitteln. Die Balance zu schaffen zwischen der Beziehung zu Gott und den Mitmenschen, die sich auch in der islamischen Architektur widerspiegelt: «Weil wir hier im ersten Stock sind, konnten wir nicht wie üblich eine Kuppel bauen, aber die an der Decke angebrachte Lampe mit dem kreisförmigen Muster des Philosophen und Mystiker Ibn Arabi steht symbolisch für die Verbindung der Menschen zur Vertikale, zu Gott.»

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Die Festen der anderen als mögliche Begegnung

In diesem Zusammenhang sieht er auch an Weihnachten eine Möglichkeit für Muslime, die Beziehung zu Gott und den Mitmenschen zu pflegen. Auch wenn Jesus, auf Arabisch Issa, ein wichtiger Prophet des Islams ist, so wird seine Geburt nicht spezifisch gefeiert. «Muslime sollten jedoch die Weihnachtszeit nicht ohne Reflexion an sich vorbeiziehen lassen. Sie können die Zeit nutzen, die Beziehungen zu ihren nichtmuslimischen Nachbarn zu stärken, sie durch diese für sie wichtige Zeit begleiten, so wie sie auch uns durch das Ramadan begleiten können. So begegnen wir uns und kommen einander näher.»

Nach der Begegnung folgt aber der Abschied, wir verlassen die Moschee und gelangen ins Treppenhaus, unweit des alten Güterlifts. Die melodiösen skandierten Koranverse hallen nach:

«Unser Herr, lade uns nichts auf, wofür wir keine Kraft haben. Und verzeihe uns und vergib uns und erbarme Dich unser.»

Über Gott und Corona, Teil 2

Dieser Artikel ist der zweite Teil einer vierteiligen Serie über Geistliche, die über Spiritualität in der Krise sinnieren und von ihren Erfahrungen in diesem belebten Jahr zurückblicken.

Teil 1: Priorin Irene aus dem Kloster Fahr

Teil 3: Pfarrerin Franziska Kuhn-Häderli