Ein älterer Herr, der zusammen mit seiner Frau hergekommen ist, meint: «Ich weiss nicht recht, ob ich hier etwas lernen kann. Ich spaziere jeden Tag eine Stunde lang mit diesem Gefährt herum, bergauf, bergab und geradeaus.»

Auf dem Programm steht Rollator-Training. Sieben Bewohner sitzen im Gymnastikraum des Schlieremer Hauses für Betagte Sandbühl im Kreis; fünf Frauen, zwei Männer, sechs mit Rollator, einer ohne.

Er sei noch nicht auf ein solches Gerät angewiesen, sagt der Herr. «Aber es schadet ja nichts, zu wissen, wie ein solches Ding funktioniert.»

Nötig oder Zeitverschwendung

Rollator-Training? Ist das nötig, ist man geneigt zu denken. Festhalten und loslaufen, so schwer kann das doch eigentlich gar nicht sein, oder? Doch, kann es. Wenn die Kraft fehlt.

Wenn die Schritte so unsicher sind, dass jedes Hindernis zur Gefahr werden kann. Wenn die Vorstellung, eine Strasse mitsamt Trottoirrändern zu überqueren, Angst macht. Oder die Fahrt auf einem Rollband im Einkaufszentrum.

Der Wunsch, ein Rollator-Training durchzuführen, sei aus der Bewohnerschaft gekommen, sagt Chantal Galliker. Die Kinaesthetics-Trainerin leitet im Sandbühl jeden Montag zwei Turnstunden für die Bewohner. Einmal im Monat führt sie eine spezielle Stunde zu einem bestimmten Thema durch. Die Teilnahme ist jeweils freiwillig.

Praktisch, aber nicht ohne Tücken

Die Bewohner sind sich einig: Ein Rollator ist etwas Wunderbares, eine grosse Hilfe, etwas, das Sicherheit gibt und Selbstständigkeit ermöglicht.

Und mit seiner Sitzfläche und dem Korb für Einkäufe oder Handtaschen ist er erst noch praktisch. Aber das Gefährt hat auch seine Tücken: Mitsamt ihm durch eine Tür zu kommen, ohne eingeklemmt zu werden, ist nicht einfach.

Oder eben, das Thema Trottoirrand: Da fehlt die Kraft, das bis zu 25 Kilogramm schwere Gefährt hochzuheben, da muss man aufpassen, dass das Ding nicht im dümmsten Moment wegrollt oder sich die Rädchen querstellen.

«Mich hat es einmal am Trottoir mitsamt dem Rollator überschlagen», berichtet eine der Bewohnerinnen. So ein Erlebnis verunsichert, macht Angst.

Anfahren, kippen, Vorderräder hochschieben und das ganze Gefährt hinterher, Bremsen anziehen, selber hochsteigen. Galliker zeigt den Bewohnern, wie ein Trottoir am besten zu erklimmen ist. Es sieht einfach aus, hört sich einfach an.

Aber bei den Versuchen, die die Bewohner starten, sieht das alles sehr beschwerlich, nahezu unmöglich aus. Galliker zeigt ihnen, wie sie sich die Hebelwirkung zunutze machen können, probiert mit ihnen aus, ob es vielleicht einfacher ist, den Rollator schräg hochzuheben oder gleich die Hand zum Hochziehen zu benutzen.

Gehen in Schlangenlinie

«Ein Rollator kann Sie dazu verleiten, Ihr Können nicht mehr zu nutzen. So verlieren Sie Ihre Fähigkeiten», sagt Galliker an die Bewohner gerichtet. Wer einen Rollator mit sich herumschiebt, fährt Lift, anstatt Treppen zu steigen.

So trainieren die Betroffenen ihr Gleichgewicht nicht mehr, bauen keine Muskeln mehr auf. Galliker appelliert deshalb an die Gruppe: «Gehen Sie wann immer möglich ohne Rollator herum.»

Für die anderen Momente zeigt Galliker den Bewohnern, wie man mit einem Rollator richtig geht. «Immer zwischen den Hinterrädern gehen, die Griffe wie zwei Spazierstöcke in der Hand», sagt sie.

Und mit Blick in die amüsierte Runde meint sie: «Das ist nicht so selbstverständlich, wie das jetzt klingt.» Viele würden den Rollator vor sich hinschieben, und das kann böse enden. «Fällt die Strasse ab, fährt der Rollator fort und Sie fallen um.»

Und noch etwas sei wichtig; die Bewegung des normalen Gehens. «Ein Rollator verleitet den Gehenden dazu, parallel zu laufen. Das natürliche Verdrehen des Körpers fällt weg, man geht steif», sagt Galliker und schiebt den Rollator mit schwingenden Hüften in Schlangenlinie vor sich her.

«So müsste das eigentlich aussehen, wenn das Gefährt die Bewegungen des Körpers mitmacht.» Das finden die Bewohner köstlich; sie schütteln sich vor Lachen.