Tischlein deck dich

Mitgründerin Anja Hübner: «Solche Schicksalsschläge können jeden treffen»

«Tischlein deck dich»-Mitgründerin Anja Hübner

«Tischlein deck dich»-Mitgründerin Anja Hübner

Anja Hübner erzählt, wie die grosse Erfolgsgeschichte begann.

Im Jahr 1999 wohnte Anja Hübner in Rüedisbach im Emmental. Ihr Alltag drehte sich in erster Linie um ihre Familie und den Haushalt. Doch sie wollte mehr. «Da ich früher beruflich tätig war, wollte ich mich zusätzlich zu der Arbeit im Haushalt in einer sinnvollen Weise engagieren», sagt Hübner. Beim Einkauf in einem Lebensmittelgeschäft fiel ihr einst etwas auf. «Ich wollte ein Joghurt kaufen und habe bemerkt, dass dieses innerhalb von zwei Tagen zwar nicht mehr verkaufbar, aber noch eine Woche lang geniessbar wäre.» Wurden die Lebensmittel nicht verkauft, mussten diese kostenpflichtig entsorgt werden. Hübner nahm dies als Ansatz, um damit ein Konzept zu erstellen.

«Da mein Mann damals bei der Bon-appétit-Gruppe arbeitete, wurde mir eine Idee wie auf dem Silbertablett serviert: Nämlich mich ehrenamtlich für bedürftige Menschen einzusetzen und Lebensmittel zu retten», sagt Hübner. Damit wollte sie Synergien schaffen: Einerseits die Lebensmittel aus Überproduktionen und kurz vor Verfallsdatum von Lebensmittellieferanten einsammeln und diese Waren somit vor der Vernichtung retten, anderseits Menschen in einer wirtschaftlich benachteiligten Situation helfen. Beat Curti fand das eine gute Idee. Der Gründer der Bon-appétit-Gruppe und Anja Hübner gründeten 1999 den Interessenkreis Tischlein deck dich. «Ohne Beat Curti hätte ich es gar nicht machen können», sagt Hübner. «Von ihm habe ich den Lagerraum, die Logistik, den LKW samt Fahrer. Beat geht es um das Wohl der Allgemeinheit.» Hübners Idee baute auf Synergien auf: Die Lebensmittellieferanten mussten sowieso zum Verteilstandort der Bon-appétit-Gruppe in Dietikon fahren. Nach langen Gesprächen konnte Hübner die Hersteller überzeugen, bei ihrem Projekt mitzuwirken. Sie würden somit einen Ausgleich zwischen Geben und Nehmen schaffen, Bedürftigen helfen, im Sinne der Umwelt handeln und Kosten sparen.

Zielgruppe festlegen

Aber wer genau sollte davon profitieren? «Ich kam zum Schluss, dass ich den bedürftigen Schweizer Bürgern helfen möchte», sagt Hübner. «Das betone ich, weil Schweizer, die in eine Notsituation geraten, eine andere Hemmschwelle als Neuangekommene haben, die sich sowieso registrieren und zu all diesen Ämtern gehen müssen.» Sie fokussiere auf Leute, die ein bescheidenes Leben führen und trotz ihrer Notlage nicht zum Sozialamt gehen würden. «Doch wie erreiche ich die eigentlich?», fragte sich Hübner. Sie erfuhr, dass sich die meisten Bedürftigen eher den Pfarrern oder den Sozialarbeitern als den Ämtern oder den Nachbarn anvertrauen. Deshalb wandte sich Hübner in ihren ersten Gesprächen an die Kirchen, die kirchlichen Sozialarbeiter und Pfarrämter.

«Tischlein deck dich» begann als Marktstand. Montags fuhr Hübner mit Toni Suter, einem LKW-Fahrer der Bon-appétit-Gruppe, vor einen Caritas-Laden in Zürich Oerlikon. Dort luden sie gemeinsam palettenweise Frischprodukte wie Gemüse, Früchte und Teigwaren aus. «Am Anfang kamen eine oder zwei Personen. Die ersten 200 kannte ich alle persönlich», erinnert sich Hübner. Sie wurde zu einem bekannten Gesicht mit einem offenen Ohr für Anliegen. So begegnete Hübner etwa einem Mann, der keine Zähne hatte und sich einen Zahnarztbesuch nicht leisten konnte. «Ich gab ihm etwas Geld für den Zahnarzt und befand die Sache für erledigt», sagt Hübner. «Das ist aber mutig», sagte Suter zu ihr. Sie würde das Geld nie wieder kriegen. «Nach anderthalb Jahren hat mir der Mann alles auf den Rappen genau zurückgegeben.»

Durch Hübners ehrenamtliche Tätigkeit wuchs nicht nur ihre Empathie für Menschen in Not, sondern auch das Verständnis für deren Lebenssituationen. «Man kann schnell in eine schwierige Lage geraten», so Hübner. Die Deutsche erinnert sich etwa an die Geschichte einer Familie. Er war Hauswart in einem Mehrfamilien-Reihenhaus, sie sorgte für die Kinder. Dank dem Mann konnte das Paar zwar die Wohnung behalten, aber die Familie musste einen Engpass nach dem anderen durchleben – der Mann war ein Alkoholiker. «Die Frau konnte niemandem was erzählen, sonst hätte die Familie die Wohnung verloren», sagt Hübner. «Solche Schicksalsschläge können jeden treffen.»

130 Abgabestellen

Die ersten Jahre hat Anja Hübner «Tischlein deck dich» allein geführt. Die Chronik des Vereins hält fest: «Das Angebot an Produkten ist bescheiden. Zwar findet die Idee bei den Lebensmittelfirmen Anklang, doch die Spendefreudigkeit hält sich in Grenzen.» Mit jedem Jahr wurde der Verein grösser. «Die Herausforderung für mich als Einzelperson war viel zu umfangreich. Neben den Tagen, die von morgens um 5 Uhr bis abends um 18 Uhr mit dem Verteilen der Lebensmittel in Zürich ausgefüllt waren, gab es noch die Kommunikation mit den Lebensmittelherstellern, die logistische Planung und einiges mehr. Das war auf die Dauer mit den Kindern und dem Haushalt nicht zu vereinbaren», so die heute 57-Jährige. 2002 wurde Samuel Sägesser als Geschäftsführer des Vereins eingestellt. Unter Sägesser erlangte der Verein nationale Bekanntheit und wurde mit jedem Jahr grösser. Heute betreibt «Tischlein deck dich» mithilfe von 3000 Freiwilligen 130 Abgabestellen in der ganzen Schweiz.

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