Bezirksgericht Dietikon

Mit Rauschebart unterwegs ans Gericht: Arzt soll Testament gefälscht haben

Bezirksgebäude Dietikon

Ein Arzt soll das Testament eines Limmattalers gefälscht haben, um sich an dessen Erbe bereichern. Das Gericht sprach ihn jedoch aus Mangel an Beweisen frei.

Eine halbe Stunde vor Verhandlungsbeginn trinkt ein Mann in dunklem Anzug mit Piloten- und Aktenkoffer im Café Spettacolo beim Dietiker Bahnhof einen Espresso. Wenig später gesellt sich ein Mann in beigem Regenmantel, mit schwarzem Hut und weissem, wallenden Rauschebart, in der Hand ein Tablet, zu ihm. Im Gerichtssaal stellte sich die Vermutung als Tatsache heraus: Der «Samichlaus», nunmehr mit Schnauz statt Bart, grau meliertem Haar, modischer Brille, ist der Beschuldigte, der sich im Café «inkognito» mit seinem Anwalt getroffen hatte.

Der 62-jährige Arzt war angeklagt der Urkundenfälschung, des Betrugs und der Erschleichung einer falschen Beurkundung. Konkret wird ihm vorgeworfen, für einen 67-jährigen schwerkranken Patienten dessen Testament aufgesetzt und es von diesem unterschreiben lassen zu haben. In dem Dokument habe sich der Arzt als Willensvollstrecker und Alleinerbe der Hinterlassenschaft von rund 800'000 Franken aufgeführt.

Wenig später war der Patient verstorben und der Arzt hatte dessen letztwillige Verfügung den Behörden eingereicht. Gegen die Ausstellung eines Erbscheins hatten indes die gesetzlichen Erben Einsprache eingereicht. Entgegen dem Wissen des Arztes hatte der verwahrloste, depressive, völlig vereinsamte Patient sehr wohl Verwandte, jedoch war seit Jahren jeder Kontakt abgebrochen.

Betreibungen am Hals

In der Verhandlung gab die finanzielle Situation des Arztes viel zu reden. So legte der Vertreter der gesetzlichen Erben einen 18-seitigen Registerauszug vor, wonach der Arzt Betreibungen in Höhe von fünf Millionen Franken am Hals habe, was dieser in Abrede stellte: «Wenn ich jetzt tot umfalle, hinterlasse ich nur schwarze Zahlen.» Vehement betonte er auch, dass er sich nie am besagten Erbe habe bereichern wollen.

Auf die Fragen von Gerichtspräsident Stephan Aeschbacher antwortete er zunächst in gewählter Sprache, langsam und deutlich. Im Verlaufe der Verhandlung verlor er aber zunehmend an Contenance, sodass der Präsident ihn mehrfach ermahnte. Sein Anwalt, der auf Freispruch plädierte, betonte, dass sein Mandant den Patienten über Jahre hinweg nicht nur medizinisch betreut, sondern auch beim Bewältigen des Alltags stark unterstützt habe.

Arzt freigesprochen

Die Staatsanwältin sagte, der Arzt habe aus rein egoistischen und finanziellen Motiven gehandelt. Was das Wesen des Verstorbenen betrifft, so hätten die Schilderungen des Angeklagten in völligem Widerspruch zu jenen von dessen drei besten Freunden gestanden. Die Anklägerin forderte eine teilbedingte Freiheitsstrafe: 12 Monate unbedingt und 24 Monate bedingt.

Das Gericht sprach den Arzt von Schuld und Strafe frei. Zwar seien gewisse Verdachtsmomente vorhanden. Der Beschuldigte habe jedoch stets bestritten, dem Schwerkranken das Testament untergejubelt zu haben. «Für diesen Vorwurf gibt es weder einen Beweis noch Zeugen.» Vor allem aber sei nicht rechtsgenüglich nachgewiesen, dass der Patient nicht erkannt hatte, was er unterschrieb. Dem Freigesprochenen wird ein Schadenersatz in Höhe von 4000 Franken sowie 4450 Franken für seinen frei gewählten Anwalt zugesprochen. Die amtliche Verteidigung und alle übrigen Kosten gehen auf die Staatskasse.

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