Fussball
Mit Geld, Geist und Euphorie in die neue Spielzeit

Der Aufsteiger wählt vor der ersten 2.-Liga-Saison seit 1986/87 neue Wege.

Raphael Biermayr
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Raphael Biermayr

Als zweiter Limmattaler Verein nach Dietikon spricht der FC Schlieren öffentlich von Entschädigungen für seine Spieler. Jeder eingesetzte Akteur erhält eine einheitliche Prämie. Nicht aber wie üblich pro gewonnenen Punkt, sondern lediglich im Fall eines Vollerfolgs. «Das war mir ein Anliegen. Die Mannschaft soll immer auf Sieg spielen», sagt Caputo, der insachen Entschädigung in beratender Funktion tätig gewesen sei. Das Modell stammt vom neuen Vorstand. Es sieht Abzüge im Fall von Disziplinlosigkeiten wie «unnötigen» Karten und nachlässiger Trainingspräsenz vor. Wie hoch die Siegprämie ist, wird gemäss Vereinspräsident Mauro Fulginei nicht kommuniziert. «Wegen des Geldes kommt jedenfalls keiner zum FC Schlieren», sagt er, «die Entschädigung soll die Auslagen der Spieler decken.» Caputo erklärt: «Wir haben das nicht eingeführt, um neue Spieler zu verpflichten, sondern um die bestehende Mannschaft halten und sie für die letzte Saison belohnen zu können».

Rekorde pulverisiert

Die genannte Spielzeit 2013/14 war eine für die Rekordbücher: Der FCS holte 61 von 66 Punkten bei einem Torverhältnis von 77:22 und schaffte damit die Rückkehr in die 2. Liga nach 27-jähriger Absenz. Damit dies nicht nur ein Abstecher wird, hat Schlieren noch mehr Qualität, sprich spielerischen Geist, in den Kader geholt und vor allem das Mittelfeld gestärkt. Marco Diener (25) kommt mit der Erfahrung von 78 1.-Liga-Partien (Wangen bei Olten, Schötz, Olten, Solothurn), bevor er in der 2. Liga interregional spielte (Seefeld, Liestal). Zuletzt legte er ein Jahr Pause ein. Mergim Selimi (23) stand auch schon im Aufgebot des Fanionteams von YF Juventus (Promotion League). Der gemäss Trainer Caputo grösste Coup könnte die Verpflichtung von Simon Rossi (26) sein. Der Südtiroler spielte einst in Italiens Serie C2, wo er es auch in die Auswahl der Besten schaffte, und zuletzt neben dem Studium in einer schottischen Breitenfussballliga. Er ist aus beruflichen Gründen in die Schweiz gezogen und hat über Sportchef Votta den Weg auf das Zelgli gefunden. Darüber hinaus hat auch Wandervogel Roman Hess (29, Ex-Dietikon und -Birmensdorf) in Schlieren angeheuert. Der von Seefeld gekommene Flügel kann an guten Tagen ein Spiel entscheiden.

Moralisch fragwürdig?

Da allesamt eher offensive Spieler sind, steht hinter der Angriffskraft des Aufsteigers kein Fragezeichen. Und auch die Abwehr hat Verstärkung erfahren. Hier hat man mit Kristian Karadza (22) von Birmensdorf und Selcuk Sasivari (29, Ex-Dietikon) von den Blue Stars ebenfalls aufgerüstet. Dazu kommt mit Markus Würsten ein Torhüter, der dank seines herausragenden und lautstark vorgebrachten Organisationstalents als eine Art Libero gilt.

Würstens Wechsel ging nicht ohne Nebengeräusche vonstatten. In Birmensdorf wirft man ihm Wortbruch vor. Schlierens bisherige Nummer eins, Michael Angstmann, fühlt sich von Caputo hintergangen und bemängelt, dass er nicht einmal eine Chance erhalten hätte, um den Platz im Tor zu kämpfen. Zusammen mit der Geschichte um Sefket Hani, der in Dietikon bereits einen Vertrag als Spielertrainer der zweiten Mannschaft unterschrieben hatte und dann einen Rückzieher machte, kann das Bild einer teilweise moralisch fragwürdigen Mannschaft entstehen. FCS-Trainer Caputo nimmt Stellung. Zu Hani: «Das liegt in der Eigenverantwortung des Spielers und hat nichts mit dem Verein zu tun. Er muss dafür gerade stehen.» Zur Torhütersituation: «Würsten war bis zum feststehenden Aufstieg kein Thema. Natürlich holten wir Würsten nicht als Nummer zwei, aber im Fussball weiss man nie, was passiert. Michi hat die mögliche Chance gar nicht wahrnehmen wollen – wir haben ihn nicht weggeschickt.» Caputo spricht abschliessend von einem «Drecksgeschäft» und davon, dass Wechsel immer mit Emotionen verbunden seien.

Lob an Caputo

Ebenso allgemein hält er sich auch, was seine Erwartungen für die Aufstiegssaison betrifft. «Wir wollen nichts mit dem Abstieg zu tun haben, aber uns auch nicht verstecken. Wenn wir so gut wären, dass wir die Ziele nach oben korrigieren könnten, wäre das natürlich schön.» Auf der Plattform regional-fussball.ch ist Schlieren in der Prognose für die Gruppe 1 an Nummer 2 gesetzt. «Wir wollen bescheiden sein. In Spielen gegen erfahrene Zweitligisten sind wir Aussenseiter», sagt Caputo dazu. Das nehmen ihm nicht alle ab, zumal er selbst mit Geschichten aufwartet wie die folgende: Nach dem 3:2-Sieg in einem Testspiel gegen das starke Dübendorf (Gruppe 2) sei dessen Trainer Sokol Maliqi auf Caputo zugekommen und habe ihm zu seinem Team und der Spielweise gratuliert. Caputo will daraus nichts Wesentliches für die Saison ableiten. Er nimmt das als Anerkennung seiner Arbeit: «Das zeigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin mit der Mannschaft.»

Ein grosses Lob hat er auch von Franco Peduzzi erhalten, der im letzten Winter als Hoffnungsträger geholt wurde, aber keine tragende Rolle spielte. «Er spielte bei Red Star drei Jahre unter Uli Forte. Er sagte mir, ich sei weiter als Uli damals.» Den vielleicht schönsten Zuspruch erhielt er gleichwohl von einem Lokalrivalen: Birmensdorf-Trainer Fabio Stiz rief ihn nach Saisonschluss an. Die Anerkennung des erbitterten Rivalen der vergangenen Saison hatte sich Caputo so sehr gewünscht.