Dietikon

Mike Brunner reiste in 50 Stunden von Bern nach Dietikon – ohne Geld

Der 18-jährige Mike Brunner hatte ein Zelt dabei, einen Schlafsack, ein Mätteli, einen Gaskocher, Ersatzkleider und eine Baumschere. Gebraucht hat Mike Brunner das alles nicht.

18,5 Kilo Gepäck hat er vergeblich herumgetragen. «Eine Zahnbürste, zwei T-Shirts und ein Paar Hosen hätten gereicht», sagt Brunner und grinst. Sein Vorhaben, innert fünf Tagen ohne einen Rappen im Sack von Bern nach Dietikon zu reisen, hat geklappt. Und zwar deutlich reibungsloser, als es sich der 18-jährige Dietiker hätte träumen lassen. Anstatt der geplanten fünf Tage brauchte er für die Strecke nur gerade 50 Stunden.

Brunner wagte die Reise für seine Abschlussarbeit; er ist im letzten Jahr seiner Ausbildung zum Landschaftsgärtner bei der Dietiker Firma A. Ungricht Söhne Gartenbau AG. Die Arbeit ist Teil seiner Abschlussprüfung (siehe auch Limmattaler Zeitung vom 5.September). Das Konzept: Wildfremden Leuten anbieten, im Garten zu arbeiten. Einmal Rasenmähen für einen Teller Spaghetti, eine Hecke stutzen für eine Mitfahrgelegenheit oder für eine Übernachtungsmöglichkeit. «Ich möchte nur durch meine Kommunikation vorwärtskommen», hatte er vor seiner Abreise gesagt.

Berner und die offenen Ohren

Vor der Abreise war Brunner noch verhalten optimistisch gewesen, hatte gezweifelt, ob die Leute ihm überhaupt zuhören würden. Doch er wurde positiv überrascht. Natürlich hätten manche bloss den Kopf geschüttelt und ihn stehen lassen. Aber die meisten hätten ihm zugehört und sich für seine Reise interessiert, ihm weitergeholfen oder Arbeit angeboten. «Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass die Leute so offen sind», sagt er. Eines hätte er aber festgestellt: «Je näher ich Zürich gekommen bin, desto skeptischer haben die Leute auf mich reagiert.»

Brunners Fazit fällt durchwegs positiv aus. Nicht nur, dass er nach diesen 50 Stunden um ein paar Franken und eine Flasche Quittenschnaps reicher war. Er ist auch reicher an Persönlichkeit, an Selbstvertrauen und guten Eindrücken. «Es war eine super Erfahrung. Ich würde es jedem empfehlen, das selber einmal auszuprobieren.» Brunner ist überzeugt: Er würde es so sogar um die ganze Welt schaffen.

Mike Brunners Reisebericht

Freitag, 7.45 Uhr. Mike Brunner steigt am Bahnhof Bern aus dem Zug und schaut sich das Bundeshaus an. Zurück an der Postautostation erklärt er dem Chauffeur sein Vorhaben. Dieser nimmt ihn gratis mit bis Zollikofen, ein anderer bis nach Bäriswil. Dort lernt Brunner an der Busstation eine Frau kennen, die ihm Arbeit in ihrem Garten anbietet. Brunner sticht Kanten, möbelt einen vertrockneten Farn auf, stutzt die Hecken und jätet Unkraut. Der Lohn für drei Stunden Arbeit: ein Mittagessen, ein Dessert und einmal Zähneputzen.

Freitag, 14.20 Uhr. Die Frau fährt Brunner bis nach Burgdorf. Er schultert seinen Rucksack und läuft bis nach Wynigen. Dort trifft Brunner auf eine junge Reitlehrerin, hilft ihr beim Pferdestriegeln, und marschiert dann weiter in Richtung Grasswil. Unterwegs hält er ein Auto an; die Fahrerin, auf dem Weg in ein Pflegezentrum in Grasswil, nimmt ihn mit. Im Dorf fragt Brunner einen Traktorenmechaniker vergeblich nach Arbeit und einer Mitfahrgelegenheit. Ein weiterer Postautochauffeur erbarmt sich Brunner und nimmt ihn mit nach Herzogenbuchsee.

Freitag, 17.25 Uhr. Eine ältere Dame fährt Brunner vom Bahnhof Herzogenbuchsee zu einem Bauernhof. Die Bauernfamilie bietet Brunner ein Zimmer für die Nacht an. Er hilft dafür im Stall, füttert die Kühe, liest die Eier der 700 Hühner, streut die Ställe ein. Als Dank steckt ihm die Bauersfrau noch 20 Franken zu, für den Notfall.

Samstag, 09.40 Uhr. Brunner kann mit dem Bauer bis nach Langenthal fahren und läuft von da bis nach Roggwil. Bei der Kart-Bahn findet gerade ein Tuningevent statt. Ein Töfffahrer nimmt Brunner mit nach Zofingen, nachdem er ihm beim Verladen seiner Maschinen geholfen hat.

Samstag, 11.50 Uhr. In Zofingen entdeckt Brunner im Garten eines Einfamilienhauses eine Familie, die gerade Holz spaltet. Er bietet seine Hilfe an, stapelt drei Ster Holz und pickelt einen Quittenbaum-Wurzelstock aus dem Rasen. Als Lohn bekommt Brunner ein Zmittag, ein Dessert und eine Dusche. Zum Abschied schenkt ihm die Mutter eine Flasche Quittenschnaps. Brunner marschiert weiter, nach Safenwil.

Samstag, 15.30 Uhr. In Safenwil schenkt eine alte Dame Brunner vier Franken für das Zugbillett nach Kölliken. Der Mann am Bahnhofsschalter ist so begeistert von seinen Reiseplänen, dass er ihm das Geld für das Billett erlässt. In Kölliken trifft er eine Frau, mit deren Freund er bis kurz vor Lenzburg mitfahren kann.

Samstag, 16.20 Uhr. Von Lenzburg aus nimmt Brunner den Zug nach Wohlen und klingelt dort bei einem Einfamilienhaus. Ein verschlafener junger Mann öffnet ihm und lässt Brunner im Garten arbeiten. Brunner verbringt mit der Familie den Abend vor dem Fernseher und kann auf einem Sofa übernachten.

Sonntag, 9.20 Uhr. Mit den Eltern der Familie kann Brunner von Wohlen nach Bremgarten fahren. Von da aus läuft er der Reppisch entlang nach Hause. Um kurz nach 11 Uhr kommt er in Dietikon an, rechtzeitig zum Zmittag.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1