Interview

Michael Elber: «Hora steht für die Lust am Scheitern»

Seit 25 Jahren leitet Michael Elber die Theaterkulturwerkstatt für geistig behinderte Menschen. Ende Januar feiert seine letzte Produktion «Bob Dylans 115ter Traum» Premiere im Zürcher Schauspielhaus.

Herr Elber, warum haben Sie vor 25 Jahren ein Theater in Zusammenarbeit mit geistig behinderten Menschen lanciert?

Michael Elber: Ich habe damals als Aushilfe in der Genossenschaftsbeiz Engel in Ottenbach gearbeitet. Eine Arbeitskollegin hat während ihrem Sozialpädagogik-Studium ein Praktikum im Wohnheim Schanzacker in Zürich absolviert. Sie fragte mich, ob ich nicht mal Lust hätte, mit ihren Bewohnern Theater zu spielen. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt keinen Umgang mit geistig behinderten Menschen. Aber mich hat die Arbeit mit arbeitslosen Architekten oder Kindern von Migranten, die kein Wort Deutsch können, immer mehr interessiert als Theater mit staatlich ausgebildeten Schauspielern. Als ich 1989 «Kaspar Hauser» des Theaters Thikwa – eine Berliner Formation mit geistig behinderten Menschen – in der Gessnerallee sah, gab es bei mir eine Zündung.

Was hat Sie bei der ersten Zusammenarbeit mit geistig behinderten Menschen am meisten überrascht?

Das nichts funktionierte, wie ich das wollte.

Das heisst?

Im Vorfeld habe ich ja hauptsächlich mit Schulkindern zusammengearbeitet. Meine Vorschläge von Übungen haben bei den geistig behinderten Menschen einfach nicht so funktioniert, wie bis anhin. Wobei «nicht funktioniert» eben falsch ist. Ich hatte diese «Ich-will-was-erzeugen-Brille» auf. Ich wollte auf einem didaktisch-pädagogischen Weg ein Ziel erreichen, anstatt zu sehen, was passiert. Teilweise haben die Schauspieler etwas viel Spannenderes gemacht, als ich vorgab. Das ist bis heute meine Aufgabe: Ich gebe meinem Ensemble Input. 90 Prozent davon geht nicht, dafür aber funktioniert der Rest grossartig. Dann bin ich gefordert, meine Geschichte auf die Schauspieler abzustimmen. Man muss sich auf geistig behinderte Menschen einlassen und mit dem arbeiten, was sie einem anbieten. Die Arbeit nach Konzept gibt es nicht.

Impressionen aus einer Probe im Theater Hora unter der künstlerischen Leitung von Michael Elber

Impressionen aus einer Probe im Theater Hora unter der künstlerischen Leitung von Michael Elber.

Was ist konkret spannender an der Umsetzung der Schauspieler?

Sie setzen meine Vorgaben so um, dass etwas entsteht, was besser ist, als ich mir überhaupt hätte erdenken können. Nehmen wir beispielsweise das Weihnachtsmärchen, in dem die Drei Könige die Krippe aufsuchen. Ein König wird von einem Schauspieler mit Tourettesyndrom gespielt. Er schreit also regelmässig das Wort «Scheisse». Ich als Regisseur habe also die Aufgabe, den Weg zur Krippe so zu gestalten – beispielsweise mit Kuhfladen –, damit das regelmässige Fluchen meines Schauspielers in die Szene passt. Ihm zu verbieten, zu fluchen, würde nie und nimmer funktionieren. Es würde einer Dressur gleich kommen.

Wo liegt die Grenze zwischen «darstellen» und «zur Schau stellen»?

Erstens hat der Schauspieler das Tourettesyndrom. Zweitens verstecke ich seine Behinderung nicht. Deswegen stelle ich sie aber auch nicht zur Schau.

Wie sorgen Sie dafür, dass es nicht passiert?

Als Schildkröte Kassiopeia in unserer Inszenierung von Michael Endes «Momo» hat eine unserer Schauspielerinnen auf der Bühne ein Salatblatt in der Geschwindigkeit einer Schildkröte gegessen. Obwohl es sich um eine Nebenrolle handelte, sind die Zuschauer wegen dieser Darbietung fast durchgedreht. Ich habe ihre Behinderung als Schildkröte dargestellt und aus ihrer Langsamkeit einfach eine Stärke gemacht. Ein Schauspieler, der nicht über diese Behinderung verfügt, wäre nicht im Stande, die Schildkröte so überzeugend darzustellen, egal wie gut er ausgebildet ist. Davon bin ich überzeugt.

Dann ist das Loblied über Sie als Gründer vom Hora-Theater, als «beachtliche künstlerischer Leistung» und «bahnbrechendes Zeichen für die Inklusion von Menschen mit einer Behinderung» gerechtfertigt?

Positive Kritik ist immer gut. Das führt zu mehr Zuschauern und freut mich. Wir haben schon Preise von Jurys bekommen, die noch kein Stück von uns gesehen haben. Wir spielen mittlerweile mit unserem Theater in einer hohen Liga. Aber das bringt auch Nachteile: Wegen dem Lob und Auszeichnungen von allen Seiten haben die Leute das Gefühl, dass wir als Theater keine Unterstützung mehr brauchen.

Das stimmt aber nicht. Erst kürzlich hätten wir Leute benötigt, die unsere Schauspieler von Solothurn nach Zürich gefahren hätten. Wir haben dort für unser neues Stück «Bob Dylans 115ter Traum» geprobt. Sie können mir glauben, keiner war bereit oder hatte Zeit dafür.

Warum?

Die Preise sind ein grosses Lob. Dennoch steht die Gesellschaft geistig behinderten Menschen ambivalent gegenüber. Ich verstehe das sogar. Was man nicht kennt, ist fremd und verunsichert. Genau dafür gibt es Hora. Ein Besuch bei uns baut Ängste ab. Deshalb hätten wir unsere Fans lieber im Publikum als in den Jurys. Obwohl wir heute wohl eines der bekanntesten Theater der Schweiz sind, ist die Arbeit auch nach 25 Jahren nicht weniger intensiv und anstrengend geworden.

Hören Sie deshalb Ende des Jahres bei Hora auf?

Diese Arbeit fordert viel Energie, aber ich höre nicht auf, weil ich gefrustet bin. Ich habe mittlerweile einen sechs- und einen siebenjährigen Sohn. Damit ist Hora nicht mehr mein einziger Sinn im Leben.

Werden Sie Hora wirklich loslassen können?

Fragen Sie mich das in einem Jahr.

Was kommt nach Hora?

Mein Wunsch wäre, die Tournee «Bob Dylans 115ter Traum» weiterhin als Freelancer begleiten zu können. Unser Ziel ist es, in jeder Gemeinde des Kantons Zürichs mit dem Stück aufzutreten, wobei wir unterschiedliche Formationen dafür geschaffen haben. Wir spielen die Premiere im Schauspielhaus Ende Januar mit 40 Leuten. Das Stück funktioniert aber auch mit sechs Schauspielern in einem Wohnzimmer.

Was ist aus dem Traum vom eigenen Stadttheater geworden?

Anfang 2016, als wir mit dem Schauspielhaus-Ensemble für Milo Raus «Die 120 Tage von Sodom» zusammengearbeitet hatten, kam die Frage auf, ob die Inklusion von Hora denkbar und überhaupt wünschenswert wäre. Als dann im Sommer die Intendanz am Theater Neumarkt ausgeschrieben wurde, haben wir uns mit grosser Euphorie an ein grobes, aber tragfähiges Konzept gemacht.

Die Bewerbung haben wir schliesslich nicht eingereicht, weil uns klar wurde, dass wir kultur- und behindertenpolitisch Neuland betreten hätten. Wir hätten unsere Mutterstiftung Züriwerk damit vor einen administrativen Präzedenzfall gestellt. Das wollten wir nicht. Obwohl wir im Nachhinein bereuen, es nicht einfach versucht zu haben.

Warum?

Als die Frage aktuell wurde, war die Bob-Dylan-Produktion gerade am Entstehen. Wir hätten noch mindestens drei Leute gebraucht, die sich nur um diese politischen Fragen gekümmert und ein wasserdichtes Konzept geschrieben hätten. Wir waren in diesem Moment von der Besetzung her schlichtweg nicht in der Verfassung, ein eigenes Theater zu übernehmen. Das schmerzt schon etwas.

Sie werden sonst gerne als Bühnenstürmer bezeichnet.

Wir sind bekannt dafür, keinen Moment an unserer Chancenlosigkeit zu zweifeln und zögern auch nicht, diese anzupacken. In der Regel. Hora steht für die Lust am Scheitern.

Für Menschen die noch nie eine Hora-Aufführung besucht haben: Können Sie in drei Worten beschreiben, was die Zuschauer erwartet?

Magie, Poesie und Überraschung.

Typisch Theater.

Typisch gutes Theater. Unser Ensemble ist technisch gut ausgebildet und spielt auf einem hohen Niveau. Hora berührt, weil es keine perfektionistische, kalte und uninteressante Kunst ist. Die Trennung zwischen privat und Schauspiel findet bei uns auf einem anderen Niveau statt.

Inwiefern?

Letzte Woche ist ein Schauspieler bei der Kostümanprobe ohnmächtig geworden. Als er erwachte, sagte er: «Mein Herz». Das Team hat dann den Notarzt informiert. Am Ende stellte sich heraus, dass der Schauspieler so fest verliebt ist und sein Herz so starken Schmerz empfindet, dass er einfach umgekippt ist. Bei Hora passiert Unvorhergesehenes. Hora ist Leben.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1