Oerlikon
Metal-Yoga: Kann man sich bei harter Gitarrenmusik entspannen? Wir haben vorbeigeschaut

Vergewaltigung der Kultur oder einfach nur ein neuer Gag? Die Yogalehrerin Suzy Krauer erklärt den Weg zur Befreiung der inneren Bestie.

David Hunziker
Merken
Drucken
Teilen
Metal-Yoga mit Suzy Krauer
7 Bilder
Das kleine Yogastudio befindet sich direkt hinter dem Bahnhof Oerlikon.
Suzy Krauer leitet die Metal-Yoga-Session im Yogstudio Suburb Yoga in Zürich Oerlikon.
Metal-Yoga
In der Luft liegt ein sanfter Duft von ätherischen Ölen.
Metal-Yoga wurde von der in New York lebenden deutschen Yogalehrerin Saskia Thode popularisiert.
Für Suzy Krauer persönlich ist Yoga auch mit Spiritualität verbunden. Sie und ihr Mann leben nach der Philosophie der Hare-Krishna-Bewegung.

Metal-Yoga mit Suzy Krauer

SEVERIN BIGLER

In der Mitte des Raums steht eine junge Frau in schwarzen Leggins breitbeinig auf einer Matte. Auf ihrem T-Shirt steht «Unleash Your Inner Beast»: Entfessle die Bestie in dir. Aus den Boxen grunzt eine Stimme, dazu rattert ein Schlagzeug, Gitarren heulen. Mit einer triumphalen Geste schwingt die Frau ihre Faust in die Höhe und streckt den kleinen und den Zeigefinger davon ab, sodass man ihre schwarz lackierten Fingernägel sieht. Die gehörnte Hand ist ein Erkennungszeichen der Metal-Szene. Als Krönung eines eleganten Bewegungsablaufs gehört sie hier zu einem Phänomen, das man in Zürich bis zu diesem Sommer noch nie gesehen hat: Metal-Yoga.

Wir befinden uns in einem kleinen Yogastudio direkt hinter dem Bahnhof Oerlikon. Beim Haupteingang gibt es für das Studio keine Klingel, damit kein unerwarteter Lärm die Lektionen stören kann. Yoga ist normalerweise ruhig und besinnlich – doch heute ist alles anders. Suzy Krauer hat eine Playlist voller Thrash und Death Metal mitgebracht, und einen lauten Verstärker. Die 42-Jährige macht seit 22 Jahren Yoga, seit sechs Jahren unterrichtet sie es auch. Metal hört sie schon seit ihrer Jugend. Dieses Jahr beschloss sie, die beiden Leidenschaften zu verbinden.
«Lange war ich der Meinung: Metal und Yoga, das passt nicht zusammen», sagt Krauer, während sie in dem mit Buddha-Statuen verzierten Raum auf dem Boden sitzt. In der Luft liegt ein sanfter Duft von ätherischen Ölen. Immer mehr Freunde aus der Metal-Szene hätten aber ihr versichert, sie kämen auch mal ins Yoga, wenn dazu Metal laufe. «Bei den ersten Selbsttests habe ich schnell gemerkt, dass es beim Yoga und beim Metal oft um ähnliche Dinge geht: im Moment aufgehen, dem Stress und dem Alltag entkommen.»

Nur ein weiterer Gag?

In westlichen Ländern nimmt Yoga seit einigen Jahren die aberwitzigsten Formen an. Auf einer Farm im US-Bundesstaat New Hampshire wird «Goat Yoga» angeboten, bei dem einem Ziegen auf den Rücken steigen oder auch mal die Yoga-Matte anknabbern. Ähnliches wird auch mit Hunden gemacht, das nennt sich dann «Doga». Andere lassen sich von den Bewegungsübungen zu neuen Sexpositionen inspirieren. Und wieder andere praktizieren Yoga in von der Decken hängenden Seilen oder unter schweisstreibender Hitze bis zum Rand des körperlichen Zusammenbruchs.

Ist Metal-Yoga also nur ein weiterer Gag, der das Bedürfnis der Spassgesellschaft nach Spektakel befriedigen soll? Oder gibt es sowieso keine richtige Art, Yoga zu betreiben?
Für Suzy Krauer persönlich ist Yoga auch mit Spiritualität verbunden. Sie und ihr Mann leben nach der Philosophie der Hare-Krishna-Bewegung. Trotzdem ist sie der Meinung, dass man Yoga so betreiben soll, wie man es für richtig hält. «Ich nehme grundsätzlich alle Leute sehr ernst, die zu mir ins Yoga komme, ob das nun normales Hatha Yoga oder Metal-Yoga ist», betont Krauer. «Meine Aufgabe als Lehrerin ist immer dieselbe: dass es guttut.»

Hier kann man Metal-Yoga machen

- Lektionen mit Suzy Krauer:

- - 12. Oktober, 19 Uhr. Hall of Fame, Zürcherstrasse 49, Wetzikon

- - 27. Oktober/1. Dezember, 19 Uhr. Suburb Yoga, Wattstrasse 3, Zürich

- Weitere Daten für 2018 sind in Planung. Die Lektionen kosten 30 Franken und sind für alle Levels geeignet.

- Lektionen mit Tanja Polli:

- - 27. Oktober, 18.30 Uhr. Yogastudio Tössfeld, Albrechtstrasse 1, Winterthur

- - 15. Dezember, 18:30 Uhr, Yogastudio Tössfeld

- Verbindliche Anmeldung unter: info@yogatoessfeld.ch oder 076 449 55 30. Preis: 30 Franken.

Doch nicht sehen alle den Umgang mit Yoga so locker, wie Krauer erfahren musste. Als sie ihren Metal-Yoga-Kurs kürzlich auf Facebook ausgeschrieben hatte, bekam sie kurz darauf eine zornige Nachricht eines Inders. Mit dem Metal-Yoga würde sie seine Kultur vergewaltigen und er werde sie darum einem traditionellen Yoga-Institut melden. «Ich habe ihm geantwortet, er solle das Ganze doch nicht so ernstnehmen.» Das gelte auch in Bezug auf den Metal: «Da geht es ja auch um Satan oder andere schlimme Dinge, aber ich schöpfe daraus positive Energie.»
Das im Westen praktizierte Yoga entstand im 19. Jahrhundert als eine Mischung aus Jahrtausendealter indischer Philosophie und westlichen Ideen, etwa aus der Psychologie oder aus verschiedenen Trainingsformen. Obwohl dazu auch spirituelle Praktiken wie Meditation gehörten, verstehen viele unter Yoga heute vor allem körperliche Übungen, sogenannte Asanas.

Metal-Yoga wurde von der in New York lebenden deutschen Yogalehrerin Saskia Thode popularisiert. Videos von ihr, wie sie am Wacken Openair, einem der grössten Metalfestivals der Welt, bärtige Männer zum Hüpfen und Schwitzen bringt, gingen durch die Medien. Doch was Thode macht, hat nur noch am Rand mit Yoga zu tun, ist von Aerobic beeinflusst und stark auf Bewegung ausgerichtet. Und vor allem: sehr viel lautes Geschrei.

Luftgitarre wird Yogaposition

Obwohl sie vor allem den härteren Metal mag, geht Suzy Krauer die Sache deutlich ruhiger und traditioneller an: «Ich würde nie so etwas wie ‹Hail Satan› durchs Studio rufen.» Sie geht von üblichen Yoga-Positionen wie der Kobra, dem Hund oder dem Krieger aus, die jeweils ein paar Atemzüge lang gehalten werden, und gibt ihnen einen Metal-Twist: da ein Schwung mit dem imaginären Schwert, dort eine gehörnte Hand. Oder sie ergänzt neue Elemente wie das Gitarren-Asana, bei dem man ein Bein nach vorne streckt und dazu die Hand bewegt, als würde man Gitarre spielen.
Auch wenn sie normalerweise viel leiser ist, läuft in den meisten von Krauers Yogalektionen Musik. «Wir sind heute ständig abgelenkt, es fällt uns schwer, uns zu konzentrieren. Indem man auf die Musik fokussiert, kann man den Rest besser vergessen.» Allerdings sei das bei Metal schon anspruchsvoller, das sei auch die einzige Kritik, die sie bis jetzt gehört habe. Darum wähle sie auch nicht zu schnelle Stücke aus.
Krauer gibt etwa fünf bis zehn Yogalektionen pro Woche. Hauptberuflich arbeitet sie für ein grosses Musiklabel, für das sie «alles von Metalbands bis Justin Bieber» betreut. «Ich bin froh, dass ich Yoga als Herzensangelegenheit betreiben kann und nicht davon leben muss», sagt Krauer. «Aber es wäre mir auch zu unsicher.» Ein Grund, das Metal-Yoga anzubieten, sei schon auch die Hoffnung, auf einem umkämpften, von immer mehr Yogalehrerinnen bevölkerten Markt neue Leute zu gewinnen – auch mehr Männer. «Bis jetzt kommen aber auch zum Metal-Yoga interessanterweise vor allem Frauen», stellt sie schmunzelnd fest.
An diesem Abend sind 13 Leute ins Yoga-Studio nach Oerlikon gekommen, darunter ein Mann. Er trägt Vollbart und das gleiche T-Shirt mit dem Bestien-Spruch wie die Frau mit den schwarzen Leggins – es gehört zum Metal-Yoga-Merchandise von Saskia Thode. Da man sich bei Krauers Metal-Yoga meistens nicht direkt im Takt zur Musik bewegt, muss man Bewegungen und Klänge immer wieder innerlich zusammenbringen. Schnell wird klar, dass hier, wie beim herkömmlichen Yoga, gilt: Bevor die Bestie entfesselt wird, ist eine gehörige Portion Übung nötig.