Kolumne
Mein Mann wird ausgeschafft

Franziska Schädel macht sich Sorgen um ihren Mann. Er wird nämlich bald ausgeschafft. Natürlich ist er selber schuld: Er hat schliesslich einen Kondukteur beschmipft und ein Rotlicht überfahren. Für so etwas gibt es keine Gnade - auch wenn ihr Mann bisher ein pünktlicher Steuerzahler und engagierter Bürger war.

Franziska Schädel
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Bei einem Ja zur Durchsetzungsinitative könnte Franziska Schädel ihren Mann verlieren.

Bei einem Ja zur Durchsetzungsinitative könnte Franziska Schädel ihren Mann verlieren.

Nordwestschweiz

Mein Mann wird demnächst ausgeschafft. Gut, ein wenig ist er ja selber schuld. Muss er sich immer mit allen SBB-Kontrolleuren anlegen, die arme Touristen drangsalieren, weil sie ein falsches Billett gelöst haben. Muss er sich immer in jede Schlacht stürzen, sobald er echtes oder vermeintliches Unrecht wittert. Seine Wortwahl kann dann schon mal als «Drohung gegen Behörden und Beamte» ausgelegt werden.

Mein Mann wird demnächst ausgeschafft – mit 73 Jahren. Nach bald 37 Jahren Wohnsitz in Dietikon. Er singt in zwei Kirchenchören, engagiert sich in der Klassenbegleitung des Seniorenrates. Er war immer ein pünktlicher Steuerzahler, engagierter Vater und Grossvater von Schweizer Kindern. Jetzt wird er demnächst ausgeschafft. Zusammen mit Mördern, Räubern, Vergewaltigern und Erpressern. Gut, er hätte sich einbürgern lassen können. Wollte er aber nicht. Selber schuld. Jetzt wird er demnächst ausgeschafft, nach Deutschland, wenn das Land ihn überhaupt zurückhaben will. Unsere Freunde sagen: Dein Mann doch nicht. Da gibt es ja noch Richter mit Augenmass. Sie werden doch die Umstände würdigen, sein Alter, die Schwere des Vergehens und seinen Integrationswillen. Vielleicht ist er ein Härtefall und darf bleiben.

Nein, mein Mann wird demnächst ausgeschafft. Ohne wenn und aber. So will es das Volk. Er hat einen SBB-Beamten beleidigt. Er hat sich gewehrt gegen die verbale Diskriminierung eines Ausländers. Und ein Rotlicht hat er auch mal überfahren. Solche kriminellen Gesellen wollen wir hier nicht länger dulden.

Schweissgebadet und mit klopfendem Herzen wache ich auf. Ein Albtraum war’s. Kein Grund zur Sorge. Wie konnte ich nur träumen, dass die Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger dem Ansinnen der SVP Folge leisten werden, alles, was uns Anstand und Würde in diesem Land gebieten, über Bord zu werfen. Es wird nicht geschehen. Wir sind stolz darauf, mit Augenmass abzustimmen und den Sirenenklängen der selbst ernannten Volksverführer nicht in den Abgrund zu folgen. Wie konnte ich nur einen Moment daran zweifeln, dass die Schweizerinnen und Schweizer am nächsten Abstimmungssonntag ein Zeichen setzen werden für die Grund- und Menschenrechte – ein Zeichen für alles, was die Schweiz zu einem Land macht, auf das wir stolz sein dürfen.

Franziska Schädel ist freie Journalistin und Jungrentnerin. Sie wohnt in Dietikon.